KOPFSTÜCKE

Irgendetwas fehlt

Kennen Sie das Gefühl? Sie sind an einem Ort, den Sie recht gut kennen. Alles ist wie immer. Sie kennen sich aus. Wissen was Sie wo zu finden haben. Und trotzdem. Irgendetwas fehlt. So ist es mir bei meinem letzten Besuch in Wien ergangen. Damals noch beim Westbahnhof.

Irgendetwas war anders. Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich es bemerkt habe. Es gibt dort keine Kofferkulis mehr. Für die jüngeren unter uns: das sind die ein bisschen sperrigen Wägelchen, in die man oben ein Pfand steckt, um sie aus der Menge der anderen zu lösen. Dann kann man sein Gepäck ganz bequem drauf stellen und auf den Bahnsteig fahren. Dort kann man den Wagen wieder abstellen, bekommt sein Pfand wieder, nimmt sein Gepäck und steigt in den Zug. Blödsinn. Ich schreibe in der Gegenwart. Diese Wägelchen, auch Kofferkuli genannt, gehören der Vergangenheit an. Es gibt sie nicht mehr.

Wir Reisende sind unabhängig geworden. Anstatt einen Wagen auszuleihen, bringen wir die Räder an unseren Koffern und Reisetaschen montiert selber mit. Und fahren damit noch bequemer zum wartenden Zug. „Geändertes Kundenverhalten“ nennen die ÖBB daher den Abzug der Kofferkulis.

Erst als mir das Fehlen bewusst wurde, haben sie mir auch gefehlt. Reise ich doch schon seit Jahren mit zum Teil schwerem Gepäck. Und die Freude, einen der letzten Kofferkulis zu ergattern, war immer ein Hochgenuss.

Wir werden angehalten immer mehr selbst zu tun. Das Gepäck ziehen oder rollen. Die Fahrkarte online oder aus dem Automat beziehen. Überweisungen nicht mehr in den Räumen der Bank sondern zuhause am Schreib- oder Esstisch durchführen. Für die Mülltrennung eine ganze Armada von Säcken und Container auf Balkon oder hinter dem Haus aufstellen.

Und im Übrigen haben Sie Recht: Das sind noch lange nicht die letzten Veränderungen, die wir miterleben werden.

In „Kopfstücke“ hat der Gastkommentator
Peter Kopf Raum für seine persönliche Meinung.
Diese muss nicht mit der der

Redaktion übereinstimmen.

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