Kopfstücke

Alles anders

„Plötzlich war alles anders!“ Das hat mir vor einiger Zeit ein Mann im Zug gesagt, mit dem ich ins Gespräch gekommen bin. Dann hat er von seiner Frau erzählt, die vor Kurzem gestorben ist. Nach einer langen Krankheit, vielen Operationen, Krankenhausaufenthalten, Aufenthalten in der Rehaklinik. Es hat alles nicht geholfen. Und mit ihrem Tod war für den Mann alles anders.

Das erzählen Menschen immer wieder, dass nach dem Tod von lieben Menschen, Trennungen, Unfällen, Kündigungen plötzlich alles anders ist. Der Mann im Zug hat mir erzählt, dass er sich gefühlt hat, als ob jemand unter ihm eine Falltür geöffnet hätte, durch die er jetzt im freien Fall durchfliegt. Und er weiß noch nicht, wann und ob er aufprallt und ob er diesen Aufprall überlebt.

Die Zugfahrt dauerte noch länger und wir haben weiter geredet. Ob er Menschen hat, mit denen er über seine Situation reden kann? Ob es in den letzten Wochen Situationen gegeben hätte, in denen er nicht an den Tod seiner Frau gedacht habe? Ob er sich überlegt hätte, was er wohl in einem Jahr machen wird? Da hat er dann wieder viel erzählt und irgendwann auch gelacht. Ein bisschen ist er darüber erschrocken. Seine Frau ist tot und er lacht? Da hat er sich dann gefragt, ob vielleicht doch nicht alles anders ist? Weil er ein Mensch wäre, der immer gern und oft gelacht hätte. Und jetzt könne er das plötzlich wieder.

Ich glaube, so ist das mit ganz schwierigen Erfahrungen und Erlebnissen. Sie verändern uns. Sie können uns ein Leben lang begleiten. Und vor allem prägen sie uns. Sie fordern uns aber auch auf, weiterzumachen. Ich weiß, das klingt einfacher als es ist.

Und im Übrigen haben Sie Recht: In der Psychologie spricht man von Resilienz, wenn man die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen, meint. Und die kann man trainieren.

In „Kopfstücke“ hat der
Gastkommentator Peter Kopf Raum
für seine persönliche Meinung.
Diese muss nicht mit der der
Redaktion übereinstimmen.

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