„Man kann alle Felsen aus dem Weg räumen“

„Ich bin sehr ambitioniert“, sagt Julia Bösch über sich selbst.
„Ich bin sehr ambitioniert“, sagt Julia Bösch über sich selbst.

Julia Bösch (32), leitet seit vier Jahren ihre eigene Modefirma in Berlin. W&W sprach mit der Unternehmerin mit Vorarlberger Wurzeln.

WANN & WO: Frau Bösch, Sie haben mit Ihrer Firma Outfittery gerade 22 Millionen Euro eingesammelt. Wie wählen Sie Ihre Investoren aus?

Julia Bösch: Im Endeffekt geht es darum, wer uns strategisch am meisten nach vorne bringen kann und das beste Portfolio hat. Octopus Ventures etwa ist international und unterstützt uns auch bei der Expansion. Das Netzwerk spielt ebenso eine Rolle, und natürlich muss auch der menschliche Aspekt passen.

WANN & WO: Sie starteten die Firma vor vier Jahren auf dem Boden Ihres Wohnzimmers. Wie waren die Anfänge?

Julia Bösch: Nun, meine Partnerin Anna und ich haben überlegt, wie der Service aussehen soll. Wie wollen Männer in Zukunft einkaufen? Relativ schnell haben wir mit dem Diskutieren aufgehört und stattdessen begonnen, auszuprobieren. Freunde, Familie, Bekannte, alle, die nicht bei Drei auf dem Baum waren, wurden von uns eingekleidet. Dadurch haben wir viel gelernt und den Service weiterentwickelt.

WANN & WO: Mussten Sie im Zuge Ihrer Unternehmensgründung auf vieles verzichten?

Julia Bösch: Ich würde das nicht als Verzicht titulieren. So hat es nicht angefühlt. Natürlich braucht so ein Vorhaben volle Energie und viel, viel Zeit. Noch beschäftige ich mich fast in meiner kompletten wachen Zeit mit Outfittery. Klar, im ersten Jahr war alles, was wir gemacht haben, neu. Es gab immer eine Herausforderung, die wir noch nicht kannten. Das ist ziemlich anstrengend. Man weiß, sobald etwas geklappt hat, die nächste Katastrophe wartet schon um die Ecke.

WANN & WO: Offensichtlich gelingt es Ihnen gut, Herausforderungen zu meistern.

Julia Bösch: Wenn man sieht, dass man alle Felsbrocken, die einem hingeworfen werden, aus dem Weg räumen kann, ist das schon auch etwas, das Spaß macht und motiviert. Manchmal dauert es etwas länger, als man denkt, aber das wird dann schon alles. Das ist auch ein Selbstbewusstsein, das man über die Jahre hinweg aufbaut: Wissen, dass einen nichts umbringt.

WANN & WO: Die größte Herausforderung der letzten Jahre?

Julia Bösch: Die Außenwelt, also Investoren und Modemarken, von unserer Idee und deren Potenzial zu überzeugen. Anfangs gab es viel Skepsis, man sah uns eher als Nischenprodukt, an dem vielleicht 5000 Männer Freude haben. Mittlerweile sind es 400.000 Männer (lacht). Auch bei den Modemarken, mit denen wir kooperieren, mussten wir anfangs Klinken putzen. Heute rennen sie uns die Bude ein.

WANN & WO: Sie legen großes Wert auf ein gutes Team. Worauf achten Sie bei ihren rund 250 Mitarbeitern?

Julia Bösch: Qualifikation und Erfahrung sind natürlich wichtig, aber vor allem brauchen wir Leute, die etwas erreichen wollen. Man bekommt bei uns sehr viel Freiraum, aber auch viel Verantwortung. Wir wollen Mitarbeiter, die da echt Bock drauf haben, quasi so kleine Unternehmer. Leute, die an die Mission glauben und Spaß daran haben, die Modeindustrie auf den Kopf zu stellen.

WANN & WO: Umgekehrt: Wie sind Sie als Chefin?

Julia Bösch: Das müssten Sie wohl eher meine Mitarbeiter fragen. Ich selbst würde sagen, ich bin sehr fordernd, ich gebe aber im Gegenzug auch sehr viel Freiraum. Ich bin charakterlich auch sehr durchsetzungsfähig und sehr ambitioniert, und darum ist es mir auch so wichtig, dass meine Mitarbeiter genauso kundenorientiert denken wie ich und auch mal neue Herangehensweisen ausprobieren.

WANN & WO: Sie sind eine weibliche Gründerin und Chefin. Müssen Sie mit vielen Klischees kämpfen?

Julia Bösch: Man ist eine besondere Spezies (lacht). Niemand fragt dich, wie dein Business läuft, nur, wie es als weibliche Gründerin ist. Anfangs ging mir das ehrlich gesagt auf den Keks. Mittlerweile ist es mir aber wichtig, darüber zu reden, damit mehr Frauen eine Firma gründen. Ich kann es nur empfehlen!

WANN & WO: Haben Sie noch Zeit für Privates?

Julia Bösch: Ja, auf jeden Fall. Das muss auch sein. Ich habe für mich festgestellt, dass ich gewisse Auszeiten brauche, zum Beispiel auch jedes Wochenende mindestens einen Tag, an dem ich gar nicht arbeite. Dann gehe ich Rennrad fahren, mit Freunden raus aus Berlin oder auch mal wieder an den Bodensee.

WANN & WO: Welche Hobbys außer dem Rennradfahren haben Sie noch?

Julia Bösch: Radfahren ist wirklich meine Leidenschaft. Ich tanze aber auch sehr gerne Salsa und Flamenco. Das ist meine südamerikanische Ader.

WANN & WO: Ist Mode privat ein Thema für Sie?

Julia Bösch: Ich bin shoppingfaul. Klar trage ich gern tolle Sachen oder probiere etwas Neues aus, aber ich habe mehr Spaß an Mode als am Einkaufen. Mein ganzes privates, männliches Umfeld wird ja auch von Outfittery eingekleidet, aber in meinem Team gibt es mit Sicherheit bessere Stylisten als mich.

WANN & WO: Ihr Vater ist Lustenauer. Haben Sie Bezug zu Vorarlberg?

Julia Bösch: Ja, vor allem im Sommer bin ich sehr gerne am Bodensee und auch ab und zu in Lustenau. Das ist eine Gegend, in der ich am Wochenende meine Batterien aufladen kann. Den Dialekt spreche ich aber leider nicht, obwohl ich ihn echt faszinierend finde.

WANN & WO: Welche Ziele haben Sie noch?

Julia Bösch: Outfittery soll der größte Herrenausstatter Europas werden! Mehr Kunden, in bestehenden Märkten weiterwachsen, mehr internationalisieren, das sind unsere Ziele. Wir arbeiten täglich daran, den Service besser zu machen.

WANN & WO: Ihre Tipps für junge Unternehmer?

Julia Bösch: Vor allem am Anfang ist das Wichtigste: Einfach machen, nicht zu sehr an sich zweifeln. Schritt für Schritt gehen und sich nicht dauernd Sorgen machen, was da an Problemen kommen mag. Der eigenen Vision folgen, nicht den Kritikern. Just do it!

„Trotz Stress brauche auch ich meine Auszeiten am Wochenende!“, so Julia Bösch.
„Trotz Stress brauche auch ich meine Auszeiten am Wochenende!“, so Julia Bösch.
Zur PersonName: Julia BöschGeboren: 31. Mai 1984 in KonstanzStudium: Betriebswirtschaft Familie: ledigHobbys: Rennradfahren, Tanzen
Zur PersonName: Julia BöschGeboren: 31. Mai 1984 in KonstanzStudium: Betriebswirtschaft Familie: ledigHobbys: Rennradfahren, Tanzen

„Mir ist es wichtig, dass meine Mitarbeiter kundenorientiert denken und zwischendurch auch mal neue Herangehensweisen ausprobieren!“ Julia Bösch

„Über die Jahre hinweg baut man sich als Unternehmensgründer schon ein gewisses Selbstbewusstsein auf und auch das Wissen, dass einen nichts umbringt.“ Julia Bösch

Wordrap



Erfolg: Ist eine tolle Motivation.

Arbeit: Mache ich sehr gerne und macht mir viel Spaß.

Mitarbeiter: Liegen mir wirklich sehr am Herzen.

Vorarlberg: Ist immer noch ein Stück Heimat für mich.

Familie: Ist mein Rückgrat!

Leben: Das Leben ist schön!

Artikel 1 von 1