„Theater macht man nicht für sich“

Michaela Bilgeri im Gespräch mit WANN & WO.
Michaela Bilgeri im Gespräch mit WANN & WO.

WANN & WO traf die letztes Jahr mit dem Vorarlberger Kulturpreis ausgezeichnete junge Schauspielerin Michaela Bilgeri (34) in Lingenau.

WANN & WO: Michaela, du führst gerade für eine Woche den Gasthof deiner Eltern in Lingenau. Warum?

Michaela Bilgeri: Das ist quasi ein „Zurückzahlen“ an meine Eltern (lacht). Mein Mitwirken hier. Meine Eltern arbeiten viel und haben keinen Ruhetag, so können sie wenigstens mal eine Woche im Jahr durchgehend weg.

WANN & WO: War es für dich kein Thema, in die Gastronomie einzusteigen?

Michaela Bilgeri: Nein, nie. Mein Vater hatte schon einmal ein Lokal gepachtet, und nachdem er die „Traube“ dann gekauft hat, habe ich gesagt, wenn ich da bin, helfe ich aus, aber übernehmen werde ich es wohl nicht. Ich habe aber noch drei Geschwister.

WANN & WO: Stattdessen bist du Schauspielerin geworden.

Michaela Bilgeri: Ja, allerdings hatte ich eigentlich nie daran gedacht. Das ist einfach passiert. Ich habe in Wien Germanistik studiert und einen Aushang zur Aufnahmeprüfung der Schauspielschule Pygmalion gesehen. In dem Moment dachte ich, das muss ich tun. Ich habe die Prüfung dann auch bestanden und von da an sowohl Schauspiel als auch Germanistik studiert.

WANN & WO: Wie suchst du dir deine Rollen aus?

Michaela Bilgeri: Es gibt eigentlich nicht viele wirklich uninteressante Rollen. Es kommt immer nur darauf an, ob man sich auf einen Part einlassen will oder nicht. Wenn man das Gefühl hat, es geht nicht, soll man es lassen, aber ich habe es immer probiert.

WANN & WO: Welche Rollen sind für dich besonders interessant zu spielen?

Michaela Bilgeri: Ich bin Mitglied des Aktionstheater Ensembles, diese Arbeit gefällt mir extrem gut. Ich sah damals während der Schule ein ein Stück von ihnen, das war „Welche Krise?“ und wusste, eigentlich will ich so etwas spielen und nicht das, was wir in der Schule machen.

WANN & WO: Die Darstellungen des Aktionstheater Ensemble auf der Bühne sind teilweise extrem. Tust du dir damit nicht schwer, etwa mit Nacktheit?

Michaela Bilgeri: Ach, Nacktheit… Wenn ich auf der Bühne einen Bikini trage, fühle ich mich nicht nackt – und viel nackter war ich auf der Bühne noch nie. Es kommt immer darauf an, was das Stück verlangt. Wenn es das halt braucht, dass man da nackt oben steht, dann denkt man nicht darüber nach, ob das jetzt komisch ist, denn es gibt ja einen Sinn dahinter. Das gehört eben dazu und macht das Stück aus.

WANN & WO: Hast du trotzdem irgendwelche No-Gos?

Michaela Bilgeri: Ich habe im Brut in Wien mal ein Stück gesehen, in dem die Darsteller auf der Bühne Sex hatten. Das ist definitiv eine Grenze für mich.

WANN & WO: Wirst du daheim in Lingenau oft auf deinen Beruf angesprochen? Am Stammtisch zum Beispiel?

Michaela Bilgeri: Die Leute bekommen das schon mit, die Lesen ja alle Zeitung, aber es wird recht positiv aufgenommen.

WANN & WO: Nimmst du Rollen mit Nachhause?

Michaela Bilgeri: Nur in dem Sinn, dass man vielleicht nachts im Bett darüber nachdenkt, was der einen oder anderen Szene im Stück bei den Proben noch gut getan hätte, wie sie sich verändert, wenn man das und das ausprobiert. Aber ansonsten kann ich gut abschalten, auch wenn gerade beim Aktions-theater Ensemble viele Rollen so angelegt sind, dass auch ein Teil von den Darstellern drinsteckt.

WANN & WO: Als Schauspielerin spielst du die verschiedensten Menschen – wie bist du selbst? Pragmatisch oder rastest du auch mal aus?

Michaela Bilgeri: Dass ich ausraste, passiert eigentlich sehr selten. Ich bin aber schon emotional und zu meinem Leidwesen sehr nah am Wasser gebaut, ich weine immer sofort los (lacht). So ein richtiges Ausrasten ist mir aber eher fremd. Wobei ich schon verstehen kann, dass die Leute das manchmal einfach brauchen.

WANN & WO: Was macht dich dennoch richtig wütend?

Michaela Bilgeri: Ungerechtigkeit. Das klingt jetzt pathetisch, aber wenn ich das Gefühl habe, ich selbst oder andere werden nicht gerecht behandelt, dann werde ich wirklich wütend. Wobei sich auch die Wut meistens in Tränenflüssen äußert (lacht).

WANN & WO: Neben der Schauspielerei bist du auch Chefredakteurin des Landjäger Magazins und verfasst Beiträge für diverse Zeitungen. Was sind deine journalistischen Ansprüche?

Michaela Bilgeri: Das kommt sehr darauf an, für wen ich arbeite, da jedes Medium einen anderen Zugang verlangt. Natürlich variiert es auch mit den Themen und den anderen Leuten, die mitarbeiten. Bei unserem eigenen Magazin, wo wir unsere eigenen Chefs sind, haben wir allerdings schon enorm viele Freiheiten, da bin ich auch sehr froh drum.

WANN & WO: Ihr arbeitet auch mit Satire und Ironie. Wie weit darf Satire gehen?

Michaela Bilgeri: Ich weiß nicht, wie satirisch wir wirklich sind. Wir berichten schon über Tatsachen, wenn diese aber absurd sind, wirken sie schnell wie Satire. Das entsteht einfach durch Missstände in verschiedensten Situationen, vor allem auch in der Politik.

WANN & WO: Bist du ein politischer Mensch?

Michaela Bilgeri: Ja, unbedingt.

WANN & WO: Immer schon gewesen oder durch die Arbeit geworden?

Michaela Bilgeri: Mehr oder weniger immer gewesen. Wobei sich das mit der Zeit schon ändert. Als Jugendliche dachte ich, dass ich politisch informiert bin, aber eigentlich habe ich mich nicht ausgekannt. Ich wusste nur, auf welcher Seite ich stehen will. Das prägt sich auf Dauer natürlich mehr aus. Auch, wenn man Theater oder eine Zeitung macht, tut man das ja nicht nur für sich, sondern vor allem für andere. Man will damit etwas bewirken. Das war ja schon in der Antike so, dass man sich Gedanken machte: „Wie schaffe ich es, dass die mein Stück nicht nur ansehen, sondern es so aufnehmen, dass es etwas mit ihnen zu tun hat?“ Wenn man sich solche Fragen stellt, wird man automatisch politisch.

WANN & WO: Haben Kunst und Kultur eine Art Bildungsauftrag?

Michaela Bilgeri: Theoretisch ja, auf eine Art und Weise schon, wobei man da sehr aufpassen muss, denn sobald das Ganze zu pädagogisch wird, ist es peinlich. Es bringt auch nichts, wenn ich sage, so und so musst du denken. Es kommt eher darauf an, Situationen darzustellen, bei welchen der Zuschauer sich die Frage stellt: „Was macht das mit mir, mit meinen Emotionen und politischen Ansichten?“ Ich glaube generell, dass es nichts bringt, wenn man jemandem vorschreiben will, was er zu denken oder zu fühlen hat. Das klappt nicht.

WANN & WO: Welche besonderen Ambitionen und Pläne hast du derzeit?

Michaela Bilgeri: Mein Plan besteht darin, in Wien eine Wohnung mit Garten zu finden, aber die sind schwieriger zu bekommen als jeder Job. Wir haben jetzt zu elft so ein kleines Häuschen außerhalb Wiens gemietet, das hat einen großen Garten und jeder hat einen Schlüssel und kann hinfahren, das ist schön. Beruflich ist Film etwas, wozu ich auch noch Lust hätte. Theater ist super, weil man den direkten Kontakt zum Publikum hat, aber Film reizt mich auch, das Projekt muss ich jetzt mal angehen.

WANN & WO: Was für Stücke siehst du dir selbst gern an, welche Bücher liest du?

Michaela Bilgeri: Ich bin eigentlich dauernd auf der Suche nach Neuem. Vor allem nach Dingen, von denen ich glaube, dass sie mich in meinem Schaffen weiterbringen. Wobei ich gerade bei Büchern auch gerne alte Klassiker lese. Ich glaube sowieso, dass alles Neue daraus schöpft. Und natürlich treffe ich dauernd neue Menschen, die etwas Künstlerisches machen, dann interessiert mich natürlich auch deren Arbeit. Jetzt beim Bregenzerwälder FAQ-Forum zum Beispiel, an dem ich nächste Woche mitwirke, kommt Hans Platzgumer, da will ich unbedingt sein Buch lesen. Auf diese Veranstaltung freue ich mich sowieso schon sehr, da sind auch wieder komplett verschiedene und interessante Menschen dabei.

WANN & WO: Wenn man permanent neue Leute kennenlernt, wird der Freundeskreis dann größer oder selektiver?

Michaela Bilgeri: Auf jeden Fall wird der Bekanntenkreis größer. Ich treffe oft Menschen, von denen ich denke, dass wir gute Freunde sein könnten, aber man hat einfach keine Zeit, sich dauernd mit jemandem zu verabreden. Wenn man sich dann aber sieht, freut man sich.

WANN & WO: Stichwort Freunde: Hast du noch viele davon in Vorarl-berg und ist der Bezug zum Ländle noch stark?

Michaela Bilgeri: Ja, ich fahre viel zwischen Wien und Vorarlberg hin und her. Hier habe ich viele meiner Freundinnen, die ich teilweise seit 20 Jahren kenne. Ich mag auch den Bregenzerwald sehr gern, es war wirklich noch nie so, dass ich hier das Gefühl hatte, ich bin auf Besuch.

WANN & WO: Was machst du, wenn du einmal frei hast?

Michaela Bilgeri: Dann treffe ich am liebsten einfach Freunde und spiele mit ihnen Sachen wie Risiko und natürlich Jassen, das liebe ich. Am liebsten bin ich mit Leuten zusammen, bei denen man nicht viel tun muss, um eine nette Zeit zu haben. Das ergibt sich automatisch, wenn du mit Freunden Zeit verbringst, die du lange und gut kennst. Schon, wenn ich nur bei einer Freundin zuhause bin, sie bügelt und ich Zeitung lese – wir sind zusammen, und das ist entspannt und hat auch so eine schöne Selbstverständlichkeit.

WANN & WO: Auf was freust du dich am meisten, wenn du von Wien nach Vorarlberg kommst?

Michaela Bilgeri: Meine Freundinnen, meine Familie, meine zwei kleinen Nichten. Auf das Kaffeetrinken am Morgen und das Jassen mit den Männern am Stammtisch.

WANN & WO: Kannst du denn gut jassen?

Michaela Bilgeri: Saugut!

„Dass ich Schauspielerin geworden bin, war nicht geplant, es ist einfach so passiert“, sagt Michaela Bilgeri.
„Dass ich Schauspielerin geworden bin, war nicht geplant, es ist einfach so passiert“, sagt Michaela Bilgeri.
„„Das Thema Film reizt mich für die Zukunft noch“, verrät Michaela Bilgeri.
„„Das Thema Film reizt mich für die Zukunft noch“, verrät Michaela Bilgeri.

„Wenn das Stück es braucht, dass man nackt da oben steht, dann denkt man nicht darüber nach, ob das komisch ist, denn es gibt Sinn dahinter.“ Michaela Bilgeri

„Ich treffe oft Menschen, die gute Freunde werden könnten, aber man hat einfach nicht die Zeit dafür, sich dauernd zu verabreden.“ Michaela Bilgeri

„Ich mag den Bregenzerwald sehr gern, es war wirklich noch nie so, dass ich das Gefühl hatte, nur zu Besuch daheim zu sein.“ Michaela Bilgeri

Wordrap



Theater: Ist das, was ich liebe.

Lampenfieber: Habe ich. Bei Solo-Auftritten mehr als in einem Ensemble.

Bregenzerwald: Da komme ich her, egal, wie lange ich weg bin.

Provokation: Ein Arbeitsmittel, das, richtig eingesetzt, etwas auslöst.

Emotion: Ohne Emotion ist man eine leere Hülle.

Familie: Sie ist mein Auffangnetz.

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