„Keine Freiheit ohne Verantwortung“

In der heutigen Ausgabe des WANN & WO Sonntags-Talks gewährt der Hohenemser Bürgermeister Dieter Egger Einblick in seine Arbeit und politische Karriere.  Fotos: MiK

In der heutigen Ausgabe des WANN & WO Sonntags-Talks gewährt der Hohenemser Bürgermeister Dieter Egger Einblick in seine Arbeit und politische Karriere.  Fotos: MiK

Bürgermeister Dieter Egger spricht im Sonntags-Talk über Gesellschaft, Musik und sein Hohenems.

WANN & WO: Das Bürgermeisteramt beansprucht viel Zeit, oder?

Dieter Egger: Das ist der Preis, den man zahlen muss und dessen muss man sich bewusst sein. Zwölf bis 16 Stunden-Tage sind üblich, dazu kommen noch Wochenendtermine. Das bleibt sehr wenig Freizeit übrig. Unter der Woche bleibt kaum Zeit für Privates.

WANN & WO: Aber ein Urlaub geht sich noch aus?

Dieter Egger: Doch, ich war gerade eine Woche im Urlaub, in Kitzbühel.

WANN & WO: Wie können Sie am besten abschalten?

Dieter Egger: Je nach Stimmungslage spielt Musik für mich eine große Rolle. Von Klassik über Pop bis zu Jazz. Musik macht immer eine gute Stimmung und lässt mich abschalten.

WANN & WO: Wie sieht das musikalische Angebot in Hohenems aus?

Dieter Egger: Wir haben gute klassische Angebote mit dem Kammerorchester und der Schubertiade. Wir möchten aber auch in Zukunft Hohenems als die Stadt der Live-Musik platzieren. Da gibt’s ein tolles Programm im Bereich „Kultur im Löwen“ z.B. mit Irish-Folk. Zudem haben wir Plätze definiert, wo Straßenmusiker jederzeit spielen dürfen. Außerdem sind wir dran, einen öffentlichen Proberaum kostenlos für junge Musiker zur Verfügung zu stellen. Wir sehen uns nicht als Konkurrenz zu Feldkirch oder Bregenz, sondern eher als Bereicherung.

WANN & WO: Wie kann man sich Ihren „privaten“ Alltag vorstellen?

Dieter Egger: Sehr wenig Privatleben, das bringt der Job mit sich. Wenn ich Freizeit habe, dann nütze ich sie gerne für die Familie. Oder ich mache sehr gerne Sport, gehe wandern, wir haben ja eine wunderschöne Landschaft vor der Haustür. Im Sommer etwas Tennis spielen, Mountainbiken, im Winter Skifahren.

WANN & WO: Wie haben Sie Ihre Kindheit verbracht?

Dieter Egger: Ich hatte eine glückliche Kindheit. Die Eltern haben mich sehr unterstützt, eigentlich eine klassische Mittelstandskindheit: Schule, Gymnasium, Studium und dann bin ich den elterlichen Betrieb eingestiegen und auch früh in die Politik.

WANN & WO: Wieso der Sprung in die Politik?

Dieter Egger: Sicher dadurch, dass ich aus einer Unternehmerfamilie komme. Da war das liberale Element immer im Vordergrund, ein typisches klein-mittelständisches Unternehmen, das mit der Bürokratie und dem hohen Steueraufkommen in Österreich immer sehr zu kämpfen hatte. Das hat mich geprägt, auch meine freiheitliche Grundeinstellung.

WANN & WO: Woher kam die Motivation für ihr gesellschaftliches Engagement?

Dieter Egger: Ich war sehr früh sportlich im Vereinswesen verankert. Ich habe mit acht Jahren angefangen Tennis zu spielen. Das ist ein starkes Element bei mir – das Ehrenamtliche, in der Gemeinschaft und für die Gemeinschaft etwas zu machen.

WANN & WO: Wie könnte man verstärkt die Jugend fürs Ehrenamt gewinnen?

Dieter Egger: Wir haben einen starken Trend in Richtung Individualismus und auch zunehmend Egoismus. Das ist leider eine Wohlstands­erscheinung. Sich für das Gemeinwesen einzusetzen, etwas mehr zu tun für die Gemeinschaft, geht zurück. Ich glaube, damit kämpfen alle Vereine. Vielleicht muss man hier neue Wege gehen, es offener und attraktiver machen. Heutzutage ist es so, dass Jugendliche vielfältige Angebote haben und diese auch wahrnehmen. Deshalb sind sie auch nicht mehr nur für einen Verein tätig, sondern engagieren sich oft in mehreren Bereichen, was zeitliche Grenzen setzt.

WANN & WO: Wie sehen Sie die gesellschaftliche Entwicklung?

Dieter Egger: In den Kommunen will jeder individuelle Freiheiten. Aber man vergisst, dass es ohne Verantwortung keine Freiheit gibt. Der Sinn für das Gemeinwesen geht immer mehr verloren und das ist eine negative Entwicklung. Deshalb haben wir in Hohenems auch ein Projekt, das mir sehr am Herzen liegt: Bei „Wertschätzung und Respekt“ versuchen wir, der Stadt Hohenems genau diese Attribute entgegen zu bringen. Man soll Vielfalt leben, aber der Gemeinwesenssinn soll vorhanden sein. Verantwortung für sich, aber auch für den Nächsten.

WANN & WO: Wie genau wird das umgesetzt?

Dieter Egger: Wir nehmen die ganze Breite der Gesellschaft mit. Wir beginnen bei uns in der Stadt und reden nicht übereinander, sondern miteinander. Wir schicken uns nicht immer E-Mails, sondern setzen uns am Tisch zusammen, trinken einen Kaffee und lösen Probleme. Geplant ist auch ein Projekt an Kindergärten und Schulen, welches „Hohenems grüßt“ heißt. Es macht einfach unglaublich Stimmung auf der Straße, wenn Kinder grüßen, das kostet nichts, aber es zaubert ein Lächeln auf jedes Gesicht. Wir möchten auch die Vereine miteinbeziehen.

WANN & WO: Wie hat sich Ihr Leben nach der Übergabe der Klubobmannschaft bzw. Landesparteiobmannschaft verändert?

Dieter Egger: Das ist eigentlich nahtlos übergegangen, vor allem deshalb, weil ich Bürgermeister von Hohenems werden wollte. Etwas in meiner Heimatstadt gestalten, etwas bewegen, war immer ein Wunsch und Traum von mir. Hohenems hat unglaubliches Potenzial, das man in der Vergangenheit viel zu wenig genutzt hat. Diese Herausforderung hat mich sehr gereizt und ich bin schnell in die Aufgabe gewachsen.

WANN & WO: Nach dem ersten Wahlgang 2015 hat es nicht so ausgesehen, dass Sie Bürgermeister werden.

Dieter Egger: Ja, das war eine sehr stressige Zeit, sowohl körperlich als auch emotional – ein Wechselbad der Gefühle. Im ersten Wahlgang war es sehr knapp, also bis zum letzten Wahlsprengel hatte ich die Nase vorn und dann kam doch noch die Enttäuschung. Nach den Ungereimtheiten haben wir dann entschieden, vor Gericht zu ziehen und Recht bekommen. Der zweite Wahlkampf war dann sehr schmutzig – mit teils absurden Vorwürfen.

WANN & WO: Wie haben Sie den Sieg nach dem zweiten Wahlgang empfunden?

Dieter Egger: Der letztendliche Sieg war eine unglaubliche Erleichterung. Und auch eine Genugtuung, denn ich war immer persönlich sehr bemüht, einen konstruktiven Wahlkampf zu führen und mich nicht auf die Schlammschlacht einzulassen. Ich wollte das, was ich verändern will, in den Vordergrund stellen und war sehr froh, dass die Menschen diesem Weg die Chance gegeben haben.

WANN & WO: In welche Richtung soll sich Hohenems entwickeln?

Dieter Egger: Wir möchten Hohenems zu einer feinen, kleinen und inspirierenden Stadt machen. Wir möchten nicht in Konkurrenz zu Dornbirn gehen, sondern eine Oase der Entschleunigung schaffen, wo sich Menschen treffen, familienfreundlich, die Naherholungsgebiete nützen, Qualität vor Quantität. Das ist unsere Ausrichtung.

WANN & WO: Wo sehen Sie Defizite in Hohenems?

Dieter Egger: Hohenems hat aus der Vergangenheit strukturelle Probleme, vor allem im Zentrum. Alleine die Schlossberg-Kulisse im Hintergrund birgt unheimlich viel Potenzial. Dort wurden erste Maßnahmen gesetzt – etwa die Umgestaltung des Schlossplatzes oder die Begegnungszone im Jüdischen Viertel. Für die Menschen in der Stadt mehr anbieten, die Aufwertung der Wohnquartiere, die Sauberkeit der Stadt vorantreiben.

WANN & WO: Was macht Hohenems speziell?

Dieter Egger: Die Basis ist sicher die Geschichte. Hohenems war immer ein sehr bewegender und inspirierender Ort. Es gab die erste Bank, das erste Kaffeehaus, aus Hohenems kommen Schriftsteller wie Michael Köhlmeier. Auch die gräfische Geschichte sticht hervor. Und so soll es auch in der Zukunft sein: ein Ort der Inspiration und der Vielfältigkeit.

WANN & WO: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den anderen Parteien?

Dieter Egger: Überraschend gut. Es ist Ruhe eingekehrt. Über die Partei­­grenzen hinaus wurde Konsens geschaffen. Alle Fakten gehören auf den Tisch, eine transparente Politik ist wichtig. Parteizugehörigkeit spielt keine Rolle und auf dieser Basis haben wir einen guten Weg eingeschlagen. Schlussendlich muss es um Hohenems gehen, da ist es egal, wie die persönliche Meinung ausfällt.

WANN & WO: Wie verläuft die Zusammenarbeit mit Hanno Loewy?

Dieter Egger: Mittlerweile sehr gut und konstruktiv. Es war damals wichtig, dass ich den Schritt der Entschuldigung gesetzt habe und somit den Fehler, den ich gemacht habe auch aus der Welt räumen konnte. Ich bin mir der Bedeutung der jüdischen Geschichte und des Museums bewusst und Hanno Loewy ist sich auch bewusst, dass er eine gewisse Verantwortung gegenüber der Stadt hat.

<p class="caption">Parteizugehörigkeit spiele als Bürgermeister keine Rolle, so das Emser Stadtoberhaupt. </p>

Parteizugehörigkeit spiele als Bürgermeister keine Rolle, so das Emser Stadtoberhaupt. 

„Der letztendliche Sieg war eine unglaubliche Erleichterung. Und auch eine Genugtuung, denn ich war immer persönlich sehr bemüht, einen konstruktiven Wahlkampf zu führen und mich nicht auf die Schlammschlacht einzulassen.“

Bürgermeister Dieter Egger über die „Schlacht“ um Hohenems

WORDRAP

Zur Person

Name, Geburtstag: Dieter Egger, 19. März 1969

Beruf: Politiker (Landtagsabgeordneter und Bürgermeister)

Ausbildung: Matura, Studienlehrgang für
Betriebswirtschaft in Schloss Hofen

Familie: Verheiratet, Vater von zwei Kindern

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