„Der Tatort am Sonntag ist Pflichtprogramm“

Norbert Schwendinger: „Ich bin heute noch mit Leib und Seele Polizist.“ Fotos: Sams

Norbert Schwendinger: „Ich bin heute noch mit Leib und Seele Polizist.“ Fotos: Sams

Chefinspektor ­Norbert Schwendinger im W&W-Talk über seine ­härtesten Fälle, seine Zeit als junger Polizist und auf was er stolz ist.

WANN & WO: Sie sind der ­Leiter des Ermittlungsbereichs „Leib/Leben“ im Landeskriminalamt Vorarlberg. Was beinhaltet Ihre Arbeit?

Norbert Schwendinger: „Leib/Leben“ ist der Begriff für den gesamten Ermittlungsbereich, unter den nicht nur Tötungsdelikte, Mord oder versuchter Mord, sondern die gesamte Gewaltkriminalität fällt: Erpressung, Entführung, Geiselnahme und seit Neuerem auch die Bearbeitung von Amokfällen und Rockerkriminalität. Aber auch mutmaßliche Ärztefehler werden von uns bearbeitet.

WANN & WO: Wie lange sind Sie inzwischen bei der Polizei?

Norbert Schwendinger: Ich habe in diesem Monat das 40-jährige Jubiläum. Vor meiner Polizeiausbildung besuchte ich das BG Dornbirn-Schoren, wo ich die Matura machte. Danach habe ich die Polizeiausbildung gemacht und anschließend den Grundwehrdienst abgeleistet. Währenddessen kam der Fall mit dem vergessenen Häftling am Posten Höchst in die Medien – danach ging es rund! Zwei Monate nach der Grundausbildung kam ich wieder an diesen Posten. Die nächsten Wochen war unsere Arbeit nicht angenehm, wir wurden oft in der Nacht anonym angerufen und beschimpft. Dann wurde auch noch die Zuhälterkriminalität Thema. Im Nachtdienst ist man uns nachgefahren, es wurden Sachbeschädigungen verübt und Drohungen gegen Gendarmen ausgesprochen. Über Autos von Kollegen hat man Säure geschüttet. Es war ein ziemlich ­aufregender Dienstbeginn.

WANN & WO: Wie sind Sie schlussendlich dazu gekommen, als Ermittler zu arbeiten?

Norbert Schwendinger: Wenn eine Stelle in einer Abteilung frei wird, besteht für Interessierte immer die Möglichkeit zur Bewerbung. Ich habe bestimmt ein wenig davon profitiert, dass ich mich im Vornherein stark mit der Zuhälterkriminalität beschäftigt habe. So habe ich bereits im Vorfeld sehr intensiv mit den Beamten der damaligen Kriminalabteilung zusammengearbeitet und war ihnen auch zeitweise zugeteilt. Es wurde dann eine passende Planstelle frei und man fragte mich, ob ich Interesse hätte.

WANN & WO: Hat die Gewalt in den letzten Jahren Jahren ­zugenommen?

Norbert Schwendinger: Was die Gewaltkriminalität betrifft, sind die Tötungsdelikte bzw. die versuchten Tötungsdelikte in den letzten fünf Jahren leider stark gestiegen. Es ist schwer zu sagen, warum, Fakt ist jedoch, dass schneller zugeschlagen oder auch zugestochen wird und die Hemmschwelle tiefer liegt. Wir haben auch viel mit Beziehungstaten zu tun. Früher war auch nicht immer alles eitel Wonne, aber man hat sich in einer ­Familie wieder zusammengerauft und weitergemacht. Heutzutage ist das nicht mehr selbstverständlich.

WANN & WO: Wie verarbeiten Sie die furchtbaren Bilder und Taten?

Norbert Schwendinger: Dazu muss ich eine Gegenfrage stellen: Wie verarbeitet diese Bilder ein Rettungssanitäter, wie ein Notarzt? Diese kommen genau zur gleichen Situation wie wir, haben teilweise aber noch eine viel intensivere Arbeit mit den Opfern zu leisten, auch körperliche. Sie müssen in manchen Fällen sogar zusehen, wie diese in ihren Händen sterben. Das ist einfach berufsbezogen. Es klingt sehr einfach, natürlich ist das aber nicht immer der Fall. Ich denke aber, dass, wenn man das Ganze nicht verarbeiten kann, in der Abteilung Leib/Leben oder bei der Spurensicherung falsch ist.

WANN & WO: Stumpft man im Laufe der Zeit ab, gibt es auch bei der Polizei eine Art „Gewöhnungseffekt“?

Norbert Schwendinger: „Abstumpfen“ ist der falsche Ausdruck. Auch wenn man diesen Beruf lange ausübt, gibt es Tatorte, die schlimmer sind als manch anderer. Der Familienfall in Hohenems vor zwei Wochen fällt beispielsweise in diese Kategorie. Ebenso der Fall Cain vor einigen Jahren oder die junge Frau in Frastanz, die hochschwanger ermordet, ja sogar angezündet wurde. Trotz dieser Vorfälle ist es aber für uns wichtig, dass wir quasi „über der Sache stehen“, einfach, weil es notwendig ist, sich nicht von Gefühlen leiten zu lassen. Der Sachverhalt muss objektiv bearbeitet und abgeschlossen werden.

WANN & WO: Fällt Ihnen sonst noch ein Fall ein, der Sie besonders beschäftigt hat?

Norbert Schwendinger: 2012 wurden wir zu einem Fall ins Tirol gerufen. Ein Polizist hatte eine Bankangestellte ermordet, weil er sich mit Gold bereichern wollte. Auch wurde er des versuchten Mordes an einem anderen Beamten beschuldigt. Die Ermittlung gegen einen Kollegen war eine besondere Herausforderung. Schlussendlich wurde dann klar, dass er die Tat tatsächlich begangen hatte. Solche Fälle bleiben im Gedächtnis.

WANN & WO: Wie sieht der Ablauf aus, wenn Sie zu einem Tatort gerufen werden?

Norbert Schwendinger: Der Ablauf ist ähnlich wie im Fernsehen. Der wesentliche Unterschied ist jedoch, dass in Krimiserien innerhalb von kürzester Zeit jeder Fall geklärt wird. Der Täter wird festgenommen und die Kommissare begeben sich zum Würstelstand und trinken Bier. Bei uns fängt mit der Festnahme die intensive Arbeit an. Ich muss dennoch sagen, dass ich am Sonntag gerne „Tatort“ im Fernsehen schaue – das ist sozusagen ein Pflichtprogramm für mich (lacht). Aber zurück zum Ablauf: Zuerst wird die zuständige Polizeiinspektion verständigt. Wenn diese feststellt, dass der Fall in Richtung Tötungsdelikt geht, haben die Beamten die Verpflichtung, unsereren Journaldienst anzurufen.

WANN & WO: Würden Sie rückblickend einen anderen Karriereweg wählen?

Norbert Schwendinger: Ermittler zu sein, ist ein harter Job, wobei ich unsere Tätigkeit nicht als Job, sondern als Beruf bezeichne. Ich könnte mir dennoch nicht vorstellen, etwas anderes zu machen. Die Abteilung „Leib/Leben“ wird oft als Königsdisziplin bezeichnet und man kann schon ein bisschen stolz sein, es bis hierher geschafft zu haben (lacht).

WANN & WO: Auf was sind Sie ansonsten besonders stolz?

Norbert Schwendinger: Vor vielen Jahren gab es eine Diskussion innerhalb der Polizei. Man wollte unsere Pistolen austauschen und überlegte, ob man auf eine Glock oder eine belgische Waffe wechseln sollte. Ich setzte mich für die Glock, ein österreichisches Spitzenprodukt, ein. Hauptsächlich auf mein Betreiben hin schafften wir es dann mit Hilfe zweier Nationalräte, die Waffe bei der Polizei einzuführen. Heute ist auch jeder froh darüber. Außerdem bin ich stolz auf mein sehr gutes Team.

WANN & WO: Gibt es heikle Kapitel in Ihrer Vergangenheit oder haben Sie eine „weiße Weste“?

Norbert Schwendinger: Ich glaube nicht, dass ich immer der „Brävste“ war. Ich bin als Jugendlicher mit dem Moped in der Gegend herumgerast und war immer froh, wenn kein Polizist auf der Straße war. Ich habe Jugendsünden begangen wie jeder andere auch. Auch heute bekomme ich nach wie vor die eine oder andere BH-Strafe, weil ich zu schnell gefahren bin. Was für mich aber strikt nicht akzeptabel ist, ist Alkohol am Steuer. Mit meinen Kindern hatte ich zum Glück niemals solche Probleme. Wenn sie jedoch einen Blödsinn machen würden, müssten sie sich voll verantworten.

WANN & WO: Auf welcher Seite waren Sie beim „Räuber und Gendarm“-Spiel als Kind?

Norbert Schwendinger: Das kann ich nicht mehr genau sagen. Gendarmen waren für mich immer Respektpersonen. Beim Spielen in der Kindheit würde ich sagen, dass ich beides darstellte, wobei wir das eigentlich fast nie gespielt haben. Ich bin im Bereich eines Waldes aufgewachsen, dort hat es täglich neue Herausforderungen und Entdeckungen gegeben.

WANN & WO: Wie entspannen Sie?

Norbert Schwendinger: Verschieden. Entweder lege ich mich auf die Couch und sehe fern, oder ich gehe laufen. Das heißt, wenn ich überhaupt heimkomme (lacht). Mein Bub hat einen netten Labrador. Den hole ich ab, wenn ich Zeit habe und gehe mit ihm laufen. Auch vor den Computer setze ich mich oft. Und: Alles, was mit Handwerken zusammenhängt. Die Arbeit geht auch im privaten Bereich nicht aus.

WANN & WO: Was sind Ihre ­Hobbys bzw. Lieblingsaktivitäten?

Norbert Schwendinger: Früher habe ich gern Fußball gespielt. Das ist aufgrund von verschiedenen Verletzungen nun nicht mehr möglich. Auch altersbedingt haben sich meine Lieblingssportarten geändert. Ich gehe nach wie vor gerne laufen oder schwimmen, und wenn ich frei habe, fahre ich oft mit meinem Cabrio, einem 20-jährigen BMW Z3. Auch die Arbeit am PC ist ein großes Hobby von mir, kurzzeitig habe ich mir sogar während meiner Polizeizeit überlegt, EDV zu studieren oder in den Bereich Computerkriminalität zu wechseln. Ich habe dann jedoch innerhalb der Polizei die Möglichkeit bekommen, verschiedene Ausbildungen in dieser Richtung zu machen. Mit zur Entscheidung beigetragen hat auch der Punkt, dass ich diese Leidenschaft beim Hobby belassen und nicht zum Beruf machen wollte.

WANN & WO: Wo sehen Sie sich in fünf bis zehn Jahren?

Norbert Schwendinger: In der Pension (schmunzelt). Ich mache meine Tätigkeit gern, dennoch kommt irgendwann der Zeitpunkt, bei dem ich mich in die Pension verabschiede. Ich denke auch nicht, dass ich einen „Pensionsschock“ bekommen werde, da ich einige Hobbys habe, die mir Spaß machen.

WANN & WO: Was ist Ihre ­schlechteste Eigenschaft?

Norbert Schwendinger: Ob es eine schlechte Eigenschaft ist, ist fraglich: Ich bin in vielen Bereichen als extrem genau bekannt. Bei der Arbeit muss bei mir alles passen, das erwarte ich mir in hohem Maße auch von meinen Mitarbeitern. Zuhause jedoch sagt man mir nach, dass ich überhaupt nicht genau sein, sei dies bei einer Reparatur im Haus oder beim Aufräumen meines Büros (da findet außer mir eh niemand etwas) oder meiner Werkstatt. Da höre ich öfters, dass man dies oder das montieren könnte, da es schon wochenlang herumsteht.

<p class="caption">Norbert Schwendinger feiert im Oktober sein 40-jähriges Polizeijubiläum.</p>

Norbert Schwendinger feiert im Oktober sein 40-jähriges Polizeijubiläum.

„Ich bin als Jugendlicher mit dem Moped herumgerast und habe Jugendsünden begangen wie jeder andere auch.“ Norbert Schwendinger

„Die Abteilung Leib/Leben wird oft als Königsdisziplin bezeichnet. Man kann schon ein bisschen stolz sein.“ Norbert Schwendinger

„Ich habe noch keine professionelle Hilfe in Anspruch genommen. Man sagt, ich sei da eher der Gefühlskalte.“ Norbert Schwendinger

WORDRAP



Dornbirn: I bia an Doarobirar!

Ländle: Heimat, ma fühlt sich wohl im Ländle.

Gewalt: Kann man nicht verhindern, nimmt leider zu.

Mein Beruf: Sehr abwechslungsreich, arbeitsintensiv und anstrengend, aber auch interessant.

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