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„Hier feierten die Nazis eine Orgie“

WANN & WO traf Meinrad Pichler im Kuppelsaal der Vorarlberger Landesbibliothek, der bis zur Verschandelung durch die Nazis eine Klosterkirche war. Fotos: MiK, Bertolini Verlag

WANN & WO traf Meinrad Pichler im Kuppelsaal der Vorarlberger Landesbibliothek, der bis zur Verschandelung durch die Nazis eine Klosterkirche war. Fotos: MiK, Bertolini Verlag

Historiker Meinrad Pichler im Sonntags-Talk über den Anschluss in Vorarlberg im März 1938 und unsere Gegenwart.

WANN & WO: Heute Abend jährt sich der Anschluss an Nazideutschland zum 80. Mal. Was hat sich in Vorarlberg in diesen Tagen getan?

Meinrad Pichler: An diesem Abend des 11. März war die Landesregierung nicht von Wien aus informiert, was sich in der Bundeshauptstadt ereignet hat. Nur die Nationalsozialisten wussten Bescheid, tagten bereits seit 17 Uhr und haben nur auf Anrufe aus Wien gewartet, die sie dann auch erhalten haben. Wenige Minuten nach der Demission von Schuschnigg und seiner Rede hat der illegale Gauleiter Plankensteiner beim Landeshauptmann angerufen und ihm mitgeteilt, er habe jetzt die Macht in Vorarlberg übernommen. Der LH hat das zur Kenntnis genommen, weil er außer der Radio-Ansprache von Schuschnigg nichts gehört hatte. So ähnlich war es auch in den anderen Bundesländern. Am 11. März haben die österreichischen Nationalsozialisten die Macht übernommen, beim Einmarsch der Deutschen einen Tag später war Österreich bereits in nationalsozialistischer Hand. Es war eine Machtergreifung auf drei Ebenen: Von unten, indem auf der Straße die Nazis aufmarschiert sind. Von oben, indem die NS-Führungsgarnitur aus Österreich eine eigene Regierung und Landesregierungen gegründet hat. Und von außen, weil von Deutschland so viel Druck auf die Regierung kam, dass sie kapituliert hat.

WANN & WO: Wir befinden uns in der Landesbibliothek. Was ist in diesen alt-ehrwürdigen Hallen vor 80 Jahren passiert?

Meinrad Pichler: Vor dem Nationalsozialismus hat es keine ausgebaute Landesbibliothek gegeben, währenddessen schon gar nicht. Der herrliche Kuppelsaal war ja früher eine Kirche, die durchaus mit dem Nationalsozialismus zu tun hat. Hier in der ehemaligen Klosterkirche fand im Jahre 1940 ein großer Auftritt statt. Die Patres wurden vertrieben und die Nationalsozialisten haben in der Kirche die Messgewänder angezogen und eine Juxmesse gehalten. Es gibt sogar Fotografien davon, wie sie diese Kirche in einem großen Besäufnis im Kuppelsaal entheiligt haben. Hier wo wir sitzen, feierten die Nazis damals eine Orgie.

WANN & WO: Was waren die Verbrechen der Nazis in Vorarlberg?

Meinrad Pichler: Mindestens 80 Menschen aus Vorarlberg wurden wegen ihrer politischen Gesinnung hingerichtet oder sind in Konzentrationslagern umgekommen. Das wäre aber ohne Denunziationen durch Fanatiker aus der Bevölkerung nicht möglich gewesen.

WANN & WO: 1947 in Hörbranz geboren. Wie war Ihre Kindheit und Jugend in der Nachkriegszeit?

Meinrad Pichler: Ich bin in einer Bauernfamilie aufgewachsen. Meine Erinnerungen sind geprägt von viel Freiheit, viel Arbeit und einem sehr anregenden Elternhaus.

WANN & WO: War früher nicht alles besser?

Meinrad Pichler: Natürlich nicht. Wer in der Gegenwart lebt, sieht diese und ihre Probleme viel deutlicher und kritischer, als die Vergangenheit. Aber vor 100 Jahren hat man auch schon gejammert, dass es früher besser war. Bereits Sokrates im alten Griechenland hat über die damalige Jugend gesagt, dass die nichts mehr tauge, verweichlicht und zu nichts mehr fähig sei. Der Jammer der Erwachsenen über die Jugend, der Alten über bessere Zeiten, sind Konstanten im Menschsein, müssen mit der Realität aber nichts zu tun haben. Die Geschichte auf romantische Ereignisse zu filtern, macht das Weiterleben viel leichter, als wenn man immer sämtliche Probleme, die es einmal auf dieser Welt gegeben hat, permanent in sich tragen müsste.

WANN & WO: Wie war das nach der Zeit des Nationalsozialismus?

Meinrad Pichler: Nach 1945 hatten Menschen, die unter dem Nationalsozialismus gelitten haben, unglaublich an diesen negativen Erfahrungen zu tragen. Nach ’45 wollten das die anderen nicht mehr hören. Die ehemaligen Widerstandskämpfer und Verfolgten galten als Störenfriede. Sie wollten über diese Dinge reden und fragten verzweifelt: „Habt ihr das alles vergessen?“ Am glücklichsten waren jene, welche die Operettenwahrheit: „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist“ pflegten. In den Jahren seit ’45 ist aber auch Unglaubliches geschaffen worden. Meine Generation war von dem positiven Grundgefühl getragen, dass es noch besser wird und noch mehr aufwärts geht. Persönlich tut es mir weh, wenn Menschen aus irgendeinem Kalkül an diesem Österreich überhaupt nichts Gutes mehr lassen.

WANN & WO: Wie meinen Sie das?

Meinrad Pichler: Wenn politische Werbung alles negativ zeichnet. Den Österreichern ist es noch nie so gut gegangen, wie heute. Mit bestimmten politischen Zielen wird ihnen aber etwas anderes eingeredet. Da wird viel mit Emotion gespielt, vergleichbar mit den Methoden vor 80 Jahren.

WANN & WO: Wie ist das heute?

Meinrad Pichler: Es gibt Umfragen, die zeigen, dass es in Österreich viele gibt, die einen starken Mann einer Demokratie vorziehen würden. Demokratie braucht Kompromisse und keine klaren Lösungen in Schwarz und Weiß. Darin gibt es viele Grautöne, aber die braucht es und sie sind ein Teil unseres Lebens.

WANN & WO: Wie sind Jubelbilder von Paraden beim Anschluss in Vorarlberg zu erklären?

Meinrad Pichler: Es gab viele die dachten, viel schlimmer könne es nicht werden. Das Straßenbild und diese begeisterten Fotos täuschen aber über die wirkliche Situation hinweg. Mindestens so viele Leute wie auf der Straße haben zuhause gebangt, was jetzt kommen wird. Die gesamten Bilder von diesem 11. und 12. März waren arrangiert, darin waren die Nationalsozialisten Meister. Solch pompöse politische Inszenierungen hat es davor in dieser Form nie gegeben. Sie hatten neue Möglichkeiten der größeren Anlage, des Films, der Fotografie. Alle diese neuen Medien wurden auch für diese Inszenierung des Führerkults verwendet. Dieser spielt eine ganz wesentliche Rolle, dass dieser „Retter“ Hitler nach Österreich kommt und das Land aus der totalen Misere befreit. Die Nationalsozialisten haben den Anschluss als Befreiung und als Wiedervereinigung bezeichnet.

WANN & WO: Wie sieht man als Historiker den heutigen Wandel in Kommunikation und neuen Medien?

Meinrad Pichler: Wir sind wieder in einer Zeit der großen Umwälzung. Jeder ist offiziell selbst Herr über seine Medien. Das wurde als große Hoffnung und Möglichkeit einer Demokratisierung gesehen. Die Aktivsten in den Sozialen Medien sind aber jene, die den größten Hass als Antriebsmittel in sich tragen. Die Diffamierung der Menschen hinter einer Meinung hat ein viel größeres Gewicht bekommen, als der Meinungsaustausch oder Argumente.

WANN & WO: Wie haben Sie die Entwicklung von Vorarlberg in den vergangenen 70 Jahren miterlebt?

Meinrad Pichler: Als Jugendlicher sehr positiv. Nach fünf Jahren in Wien habe ich die Realitäten in der Schule anders empfunden, vor allem im kulturellen Sektor. Ich war ja sehr involviert bei den Bregenzer Randspielen und anderen Kulturinitiativen. Bis in die 90er-Jahre war auch die Aufarbeitung des Nationalsozialismus schwierig. 1980 haben wir um eine Subvention angesucht, um das Buch über den Widerstand in Vorarlberg zu schreiben. Damals hat die Landesregierung es nicht für notwendig empfunden. Alles, was nicht auf Linie der konservativen Landesregierung war, hat man als zu Links oder zu kritisch gesehen. Diese Dinge haben erst in der Ära Purscher begonnen, sich zu verändern.

WANN & WO: Waren Sie ein Rebell?

Meinrad Pichler: Ich habe mich nicht als Rebell empfunden, wurde aber in vielen Dingen als solcher dargestellt, weil ich bei sehr vielen Initiativen dabei war, die mir notwendig erschienen sind.

WANN & WO: Wie blicken Sie auf die Zeit als Lehrer und Schuldirektor zurück?

Meinrad Pichler: Die 40 Jahre am BRG Schoren und am BG Gallus bildeten für mich ein erfüllendes und erfülltes Berufsleben.

WANN & WO: Was machen Sie, wenn es nicht um Geschichte geht?

Meinrad Pichler: Ich versuche jeden Tag, mindestens halb so viel Zeit wie am Schreibtisch im Freien zu verbringen. Ich wandere gern und wenn es die Bedingungen zulassen, mache ich alle Wege zwischen Dornbirn und Hörbranz mit dem Fahrrad. Ich arbeite eigentlich jeden Tag. Das ist meine wirkliche Passion. Mich interessiert es, auf neue Dinge draufzukommen. Das Schreiben belastet mich eher. Bei vielen Dingen würde es mir reichen, wenn ich es für mich weiß.

WANN & WO: Es gibt aber ein neues Buch: „Menschen in Bewegung: Zeitläufte und Lebenswege“.

Meinrad Pichler: Meine Kollegen haben zu meinem 70. Geburtstag eine Sammlung von Aufsätzen, die zum Teil schon veröffentlicht wurden, herausgegeben. Es geht um Menschen, die ein spannendes oder schwieriges Leben gemeistert haben. Um die Verhältnisse, in denen sie in Vorarlberg gelebt haben. Mich interessiert der Mensch in seinem Lebens- und Handlungsumfeld. Was im Landtag beschlossen worden ist, kann man nachschauen, aber wie sich das im Alltag der Menschen ausgewirkt hat, finde ich spannend.

„Ich habe mich nicht als Rebell empfunden, wurde aber in vielen Dingen als solcher dargestellt, weil ich bei sehr vielen Initiativen dabei war, die mir notwendig erschienen sind.“ Meinrad Pichler über sein kulturelles und historisches Engagement in Vorarlberg.

„Das Straßenbild und diese begeisterten Fotos täuschen über die wirkliche Situation hinweg. Mindestens so viele Leute wie auf der Straße haben zuhause gebangt, was jetzt kommen wird.“ Meinrad Pichler über Fotos vom 11. und 12. März 1938.

WORDRAP

Zur Person

Name: Meinrad Pichler Geboren: 18. November 1947
Beruf: Historiker, ehem. Direktor BG Gallus (in Pension)
Herkunft/Wohnort: Hörbranz/Bregenz
Wirken: (u.a.) Aufarbeitung der NS-Zeit in Vorarlberg:
„Nachträge zur neueren Vorarlberger Landesgeschichte“