„Probleme haben zugenommen“

Seelische Verwundung: Emotionale Störungen und Ängste sollten schon früh behandelt werden. Symbolfoto: Sams,

Seelische Verwundung: Emotionale Störungen und Ängste sollten schon früh behandelt werden. Symbolfoto: Sams,

Psychopharmaka bei Kindern und Jugendlichen: W&W sprach mit Kinderpsychiater Dr. Wolfram Metzger über die Gründe.

Fakt ist, dass die Zahl an Kindern und Jugendlichen in Vorarlberg, die Psychopharmaka verordnet bekommen, angestiegen ist (WANN & WO berichtete). Der Dornbirner Facharzt Dr. Metzger ist nicht nur niedergelassener Kinder- und Jugendpsychiater, er hat bei Pro Mente auch die fachliche Bereichsleitung für Kinder und Jugendliche inne. Auch er erzählt, dass die Häufigkeit von psychischen Störungen und Anwendung von Medikamenten in der Gesellschaft deutlich gestiegen ist. Er hält jedoch fest, dass dies Erwachsene genauso betrifft. „Dies betrifft nicht nur speziell Antidepressiva, dies gilt generell für Psychopharmaka – hier haben wir es mit einem sehr breiten Spektrum zu tun. Emotionale Störungen, Depressionen und Ängste oder Folgen seelischer Verwundung müssen aber oft behandelt werden“, erzählt Dr. Wolfram Metzger gegenüber W&W. „Im Vergleich zu anderen deutschsprachigen Ländern liegen wir aber eher hinten. Der Grund, weshalb die Zahlen gestiegen sind, liegt daran, dass wir hier jahrelang unterversorgt waren. Wir haben zu wenig Ärzte auf dem Gebiet in Österreich und somit längere Wartezeiten, bzw. nicht die therap. Kapazitäten dazu.“
Die Gründe können seiner Meinung nach vielseitig sein. Die Belastungen in den Familien, Erwartungen der Gesellschaft sowie der Leistungsdruck seien deutlich gestiegen. „Man hat Angst, dass ‚us minam Kind nix wird‘, wenn es etwa keine Matura schafft. Die Leistungserwartungen sind einfach höher, als früher. Die Probleme haben zugenommen, vor allem psychosomatische Symptome, wie etwa Kopfschmerzen oder stressbedingtes Bauchweh. Gefordert werden dann Therapie und Beratung. Allerdings fehlt es an präventiven Maßnahmen, und unmittelbar unterstützenden Maßnahmen etwa an den Schulen. Hier müsste man früher ansetzen. Auch die exzessive Nutzung von Unterhaltungselektronik kann zu Reizüberflutung und Stress führen!“, erklärt der Kinderpsychiater. Ob man zu schnell oder zu früh Psychopharmaka, wie beispielsweise Antidepressiva, verschrieben bekommt? Zum Teil würden, auch zur Entlastung, Psychopharmaka verordnet, wo zunächst andere therapeutische Maßnahmen angewandt werden könnten. „Man müsste im Vergleich weniger einsetzen, wenn das (finanzierte) Therapieangebot größer wäre. Was man aber niemals vergessen darf: Psychopharmaka sollten nie ohne Gesamtherapieplan verordnet werden! Sprich, es werden auch andere Maßnahmen gesetzt, um den jungen Patienten zu helfen.“

Was passiert im Körper?

„Da wir es hier mit einer breiten Palette von Wirkstoffen zu tun haben, muss man natürlich unterscheiden: Die modernen Antidepressiva wirken zu Beginn nicht gleich stimmungsaufhellend. Sie haben im Körper oft zuerst eine aktivierende Wirkung, die ‚Freude‘ kommt quasi erst später. Gerade am Anfang eine Behandlung muss man deshalb immer abklären ob ein Heranwachsenden in seiner Stimmungskrise auch suizidale Gedanken und Impulse hat – wenn die Gefühle sind eh schon durcheinander sind können sonst die Medikamente einen befürchteten Handlungsdruck oder verzweifelte Impulse anfangs mitunter sogar verstärken. Andererseits sind diese Medikamente in der Regel oft sehr gut verträglich und bei den meisten auch sehr hilfreich. Klar ist auch, dass Antidepressiva nicht zu einer Abhängigkeitsentwicklung führen und andererseits auch nicht einfach abrupt abgesetzt werden sollten.“

<p>Dr. Metzger</p>

Dr. Metzger

„Psychopharmaka bekommt man niemals ohne Gesamtplan verschrieben.“ Dr. Wolfram Metzger

„Emotionale Störungen, Depressionen und Ängste müssen aber oft behandelt werden.“ Dr. Wolfram Metzger

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