„Es wird zu einer Verlagerung der Abhängigkeiten kommen“

Noch sind die Regale im Zimmer von Dr. Willis leer. Univ.-Prof. Primar. Dr. Haller hat seine Bücher alle mitgenommen.  Fotos: MiK

Noch sind die Regale im Zimmer von Dr. Willis leer. Univ.-Prof. Primar. Dr. Haller hat seine Bücher alle mitgenommen.  Fotos: MiK

Seit Anfang des Jahres leitet Dr. Michael Willis die Stiftung Maria Ebene. Nach den ersten Monaten spricht er mit W&W im Sonntags-Talk.

WANN & WO: Herr Willis, Sie kommen aus Tirol und leiten seit drei Monaten nun als Nachfolger von Dr. Haller die Maria Ebene. Sind Sie gut in Vorarlberg angekommen?

Dr. Michael Willis: Das kann man sagen. Die Menschen sind sehr interessiert und freundlich. Es gefällt mir sehr gut hier.

WANN & WO: Wie war ihre Kindheit?

Dr. Michael Willis: Sie war davon geprägt, dass ich in einem Dorf in der Nähe von Innsbruck aufgewachsen bin und meistens draußen war. Meine Kindheit war – im Gegensatz zu vielen Kindern heute – dadurch geprägt, dass wir die meiste Zeit im Freien waren. Wir waren immer im Grünen und ganz selten zuhause. Ich erinnere mich an mein kleines Fahrrad und an zahlreiche Überschläge.

WANN & WO: Ihr Vater war Amerikaner.

Dr. Michael Willis: Genau. Er ist sehr früh verstorben. An ihn habe ich gar keine großen Erinnerungen.

WANN & WO: Sie selber sind Vater von vier Kindern. Was geben Sie ihnen mit, damit sie nicht in der Maria Ebene landen?


Dr. Michael Willis: Das Wichtigste auf das man bei der Kindererziehung achten muss, ist, dass man mit ihnen reden kann, dass eine offene und ehrliche Kommunikation stattfindet. Meiner Meinung nach einer der wichtigsten Faktoren in der Eltern-Kind-Beziehung. Wichtig ist auch der restriktive Umgang mit den neuen Medien. Man sollte darauf schauen, dass sie in jungen Jahren nicht stundenlang vor dem Computer sitzen oder mit dem Handy unterwegs sind. Die Eltern haben eine Vorbildfunktion.

WANN & WO: Wie machen Sie das bei ihren Kindern?

Dr. Michael Willis: Sie sind noch zu klein. Der Älteste ist elf, daher ist das noch kein Thema.

WANN & WO: Wie viel trinken Sie?

Dr. Michael Willis: Ich trinke sehr selten. Ich vertrage nicht sehr viel Alkohol. In der Studienzeit war es natürlich etwas mehr, aber jetzt mit den Kindern macht es keinen Sinn, da groß Alkohol zu trinken.

WANN & WO: Haben Sie in der Studienzeit Erfahrungen mit anderen Drogen gemacht?

Dr. Michael Willis: Nein. Ich hatte immer einen sehr großen Respekt vor Drogen. Schon als Jugendlicher wusste ich, dass es Drogen gibt, die ganz gefährlich sein können. Es gab genug Ältere bei denen man sehen konnte, was passieren kann.

WANN & WO: Was sind ihre besten Eigenschaften, was ihre schlechtesten?

Dr. Michael Willis: Die Ruhe ist sicher eine der besten Eigenschaften. Schlecht hingegen ist, dass ich mich manchmal nervös machen lasse, eigentlich genau das Gegenteil.

WANN & WO: Von was lassen Sie sich nervös machen?

Dr. Michael Willis: Von ungewohnten Situationen.

WANN & WO: Welche Patienten sind ihnen am unliebsten?

Dr. Michael Willis: Patienten, die alles besser wissen. Oft sind die Patienten, die zu uns kommen, überzeugt von dem, was sie machen und haben ihre eigene Sichtweise. Da habe ich dann große Schwierigkeiten die Patienten vom Gegenteil zu überzeugen. Gerade wenn es idealistische Ansichten sind, wie wenn sie behaupten, sie kiffen, weil sie die Freiheit lieben, wird es schwierig.

WANN & WO: Sie möchten das Bild von außen ändern und so Patienten dazu bringen, Therapien anzunehmen. Wie gehen Sie da vor?

Dr. Michael Willis: Es gibt Patienten, die Abhängigkeitserkrankungen haben und sich selber dafür die Schuld geben. Eine Selbststigmatisierung, wie: „Ich bin jetzt alkoholsüchtig, bin selber dafür verantwortlich und habe das unter Kontrolle“, führt zu einer großen Scheu, sich selber überhaupt in Behandlung zu begeben zu lassen oder ihre Verwandtschaft einzubeziehen – sie verheimlichen ihre Sucht. Wenn wir allerdings nach außen tragen, dass wir die Erkrankungen gut therapieren können und vermitteln, dass man als Patient selber nicht richtig Schuld trägt, sondern die Krankheit sich entwickelt hat, ändert das die Lage. Das Wissen alleine, das der Patient die Krankheit nicht selbst verschuldet hat, kann schon helfen.

WANN & WO: Was war die emotional schlimmste Situation, in die sie während ihrer Karriere gekommen sind?

Dr. Michael Willis: Es ist immer extrem tragisch, wenn junge Menschen, die Drogen konsumieren, daran sterben. Es ist schwierig damit umzugehen. Die Drogen, die am Markt erhältlich sind, können sehr gefährlich sein. Gerade Jugendliche sind mit ihrer mangelnden Erfahrung sehr gefährdet in ein Konsummuster hineinzurutschen, an dem sie in weiterer Folge sterben. Da reicht oft schon eine Mischung aus Alkohol und Beruhigungsmittlen.

WANN & WO: Was für eine Meinung haben sie von ihrem Vorgänger
Dr. Haller?

Dr. Michael Willis: Eine starke Meinung. Er hat Großes gemacht. Er hat in Vorarlberg von der Präventation bis zur ambulanten Therapie, über die stationären Einrichtungen und auch zur Rückfallprofilaxe, über viele Jahre hinweg ein breites Angebot über die Grenzen hinweg geschaffen. Für die Patienten ist das ideal. Ein großes Glück, dass er das so gemacht hat.

WANN & WO: Wie sieht die Maria Ebene in zehn Jahren aus?

Dr. Michael Willis: Seit über zehn Jahren gibt es Smartphones und in zehn Jahren wird wieder etwas ganz anders enorm wichtig sein. Ich denke, es wird zu einer Verlagerung der Abhängigkeiten kommen. Kinder werden schon von ganz klein an mit neuen Medien konfrontiert, was in Zukunft ganz andere Dimensionen annehmen wird. Therapeutische Möglichkeiten müssen auf diese Verhältnisse abgestimmt werden.

WANN & WO: Könnte es sein, dass hier in der Maria Eben eigene Räumlichkeiten und Therapien für Online-Süchtige entstehen?

Dr. Michael Willis: Ich bin kein Hellseher, aber das könnte sehr wahrscheinlich sein. Neben den Drogen gibt es Spiele, die das Belohnungssystem so weit aktivieren, dass für viele das echte Leben gar nicht mehr so interessant ist. Man bleibt darin hängen und lebt nur noch darin.

WANN & WO: Sie betreiben nebenher eine kleine Landwirtschaft. Wie wichtig ist ihnen Ausgleich?

Dr. Michael Willis: Unsere Kinder, wie auch wir Erwachsenen, bekommen immer seltener die Möglichkeit, in unserer Freizeit draußen was machen zu können. Durch die Arbeit auf einer Landwirtschaft kann man auch zu einem erfüllenderen Leben beitragen und zufriedene Freizeitgestaltungen herstellen. Da ist die Möglichkeit, einen kleinen Bauernhof zu haben interessanter, als ins Fitnessstudio zu gehen. Wichtig ist, den Kindern diese Möglichkeit zu geben, damit sie lernen, dass man Freizeit aktiv draußen in der freien Natur gestalten kann.

<p class="caption">Die Ruhe zählt für Dr. Michel Willis zu seinen besten Eigenschaften. </p>

Die Ruhe zählt für Dr. Michel Willis zu seinen besten Eigenschaften. 

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