„Im allerschlimmsten Fall endet Radikalisierung in Terrorismus“

Seit ihrer Gründung 2016 wurden in der ifs Extremismuspräventionsstelle bereits 88 gefährdete Personen beraten.  Fotos: Frederick Sams, Russmedia

Seit ihrer Gründung 2016 wurden in der ifs Extremismuspräventionsstelle bereits 88 gefährdete Personen beraten.  Fotos: Frederick Sams, Russmedia

Die Extremismuspräventionsstelle des ifs beschäftigt sich monatlich mit bis zu 20 Fällen. W&W sprach mit Benjamin Gunz, Berater der Präventionsstelle, über Radikalisierung im Ländle, Wege aus dem Extremismus und die Rolle der Medien.

WANN & WO: Herr Gunz: Sie beschäftigen sich durchschnittlich mit bis zu 20 Extremismusfällen im Monat – eine große Zahl für ein kleines Land wie Vorarlberg. Wie kommen Sie in Kontakt mit diesen Personen?

Benjamin Gunz: Wir stehen in engem Kontakt mit Betrieben und Organisationen – aber auch Angehörige melden sich bei uns. Wir arbeiten in Einzelfällen auch mit dem Landesverfassungsschutz zusammen, dieser empfiehlt Angehörigen und Eltern unser Angebot weiter. Dann suchen wir das persönliche Gespräch mit den jeweiligen Personen. Es ist selbstverständlich auch das Ziel des Landes, Direktbetroffene, die sich in einem Radikalisierungsprozess befinden, sofort in Beratung zu bringen.

WANN & WO: Die Arbeit erfordert ein großes Maß an Fingerspitzengefühl. Wie gehen Sie als Berater vor?

Benjamin Gunz: Radikalisierung geschieht nicht einfach so – es gibt immer Gründe, warum sich Menschen extremistischen Strömungen anschließen. Der Weg zum Extremismus ist mit persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen gepflastert. Unsere Aufgabe besteht darin, die Gründe dafür zu suchen, warum jemand diese Richtung einschlägt. Und diese sind so verschieden, wie die Menschen selbst. Ich darf und möchte auf keinen Fall den Anschein erwecken, mein Gegenüber zu verurteilen, nach dem Motto: Was redest du denn da für einen Müll? Dann scheitert das Gespräch, bevor es begonnen hat. Meine Rolle ist es, gezielt zu fragen und den Menschen ganz genau zuzuhören.

WANN & WO: Wovon berichten die Menschen, wenn sie bei Ihnen sind?

Benjamin Gunz: Meist sind es Jugendliche oder junge Erwachsene, die zu mir kommen – rund ein Viertel davon ist weiblich. Drogen und Gewalt sind häufige Themen, auch Mobbing oder familiäre Probleme. Sie sind oft auf der Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft, nach Wahrheit und einem Sinn im Leben. Persönlichkeit spielt eine sehr große Rolle. Meist handelt es sich um Menschen mit labilen Identitäten, die bereits einer Gehirnwäsche unterzogen wurden und dementsprechend konditioniert sind. Sie denken nicht mehr darüber nach, was noch kommt und passiert. Ihnen geht es in der Regel um Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Es ist mitunter auch egal, um welche extremistische Strömung es geht. Ich hatte schon Personen bei mir, die erst in rechtsextremistischen Kreisen unterwegs waren und sich nun islamistisch radikalisieren. Sich also einer Gruppe anschließen, denen sie sich vor Jahren noch entschieden entgegengestellt haben.

WANN & WO: Welche Stufen durchschreiten Menschen, die sich radikalisieren?

Benjamin Gunz: Es beginnt mit einer persönlichen Meinung, die irgendwann nicht mehr ausreicht. Die Personen verspüren schließlich den Drang, selbst aktiv zu werden. Dann wird versucht, andere von seinem Weltbild zu überzeugen. Extremistische Strömungen suchen auch gezielt nach derartigen Persönlichkeiten. Es folgt der erste Schritt in den Extremismus: Gewalt in der Gruppe wird legitimiert, um die Meinung durchzubringen. Und am Ende legitimieren sich die Menschen selbst, Gewalt anzuwenden – im schlimmsten Fall in Form von Terror­ismus.

WANN & WO: Welche Rolle nehmen die Medien in der Thematik ein?

Benjamin Gunz: Gerade in den Sozialen Medien findet sehr viel Radikalisierung statt: YouTube, Facebook, … die Menschen sehen dort die Videos der Identitären oder von ISIS und können sich mit deren Ansichten identifizieren. Es wird ein gemeinsames Feindbild vermittelt, man verspricht Zusammenhalt, einen Job, Zugehörigkeit. Es geht um „Wir“ und „Die Anderen“.

WANN & WO: Das Vertrauen in die Presse geht immer mehr verloren, Medien werden als Feind des Volkes erklärt. Wie kann das Vertrauen wieder hergestellt werden?

Benjamin Gunz: Es geht darum, voll und ganz vertrauen zu können. Sobald Falschinformationen verbreitet werden, macht das – gerade in Zeiten der Digitalisierung – sehr schnell die Runde und führt dazu, dass sich Menschen immer weniger damit auseinandersetzen. Fakt ist auch: Medien platzieren Unmengen an Informationen, die für Menschen in unserer schnelllebigen Gesellschaft oft gar nicht mehr zu filtern und nachzuvollziehen sind. Und dann gibt es natürlich auch noch Menschen, die sich damit gar nicht beschäftigen wollen, nicht täglich Bad News lesen wollen. Die holen sich dann ihr (Halb-)Wissen von Freunden und Familie. Werfen wir einen Blick auf die Berichterstattung über Chemnitz: Hier wurden Nachrichten verbreitet, bevor alle Fakten auf dem Tisch lagen. Das pusht beide Seiten. Denn ob links oder rechts: Alle Extremismen biegen sich ihre Wahrheit so zurecht, wie sie es brauchen. Da gibt es nur noch dafür oder dagegen, gut oder böse – etwas, das wir täglich auch in den Kommentarspalten der Onlinemedien verfolgen können: Da wird unter der Anonymität im Netz die eigene Meinung, der eigene Frust, unreflektiert abgeladen. Da liest man dann Dinge wie „die scheiß Ausländer bekommen alles und wir Einheimischen bleiben auf der Strecke“. Rassismus wird immer weiter in die Gesellschaft getragen.

WANN & WO: Wie können wir dem als Gesellschaft entgegenwirken?

Benjamin Gunz: Wir können uns etwa die Fragen stellen: Wer bin ich und wer möchte ich eigentlich sein? Und sind es tatsächlich die anderen, die schuld an meiner Situation sind, oder müsste ich nicht erst bei mir selbst anfangen? Die Antworten darauf würden wohl viele überraschen. Wir können zu einem großen Kollektiv werden, wenn wir als Individuen mit unseren eigenen Fähigkeiten und Ansichten beginnen, andere Individuen mit den ihren zu akzeptieren. Findet ein sachlicher Austausch ohne Verurteilung und Vorurteile statt, kommen wir einer Kollektivgesellschaft näher. Und Vorurteile haben wir alle – wir müssen uns dessen nur bewusst sein.

<p class="caption">Benjamin Gunz im Gespräch mit W&W.</p>

Benjamin Gunz im Gespräch mit W&W.

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