„Irgendwann ist alles Wilde weg“

WANN & WO bat Katharina Lins, Vorarlberger Naturschutzanwältin und Vizeobfrau des Klimabündnisses, auf dem Gelände der Inatura in Dornbirn zum Gespräch. Fotos: Sams

WANN & WO bat Katharina Lins, Vorarlberger Naturschutzanwältin und Vizeobfrau des Klimabündnisses, auf dem Gelände der Inatura in Dornbirn zum Gespräch. Fotos: Sams

Seit über zwei Jahrzehnten setzt sich Naturschutzanwältlin Katharina Lins für die Erhaltung der Vorarlberger Naturschönheit ein. Mit WANN & WO sprach sie über Umweltsünden, Gesprächskultur im Ländle und Kritik an ihrer Arbeit.

WANN & WO: Industrie, Tourismus und Wohnraum dringen immer weiter in die Natur vor. Wie schwierig ist es, die Schönheit des Landes zu erhalten?

Katharina Lins: Sehr. Man hört viel über große, spektakuläre Eingriffe in die Natur. Teilweise sind es aber auch viele kleine Dinge, die sich mit der Zeit summieren. Stehen zehn Einfamilienhäuser an einem Bach und jeder will seine Böschung befestigen, sind das in Summe auch massive Eingriffe und irgendwann ist alles Wilde und Natürliche verschwunden. Ein schleichender Prozess. In den letzten fünf, sechs Jahrzehnten ging in Vorarlberg mehr verloren, als in den 500 Jahren zuvor. Und diese Entwicklungen gehen immer schneller vonstatten.

WANN & WO: Kann man hier noch reagieren, oder ist der Zug schon abgefahren?

Katharina Lins: Man muss doch reagieren! Sehen wir uns den Tourismus an, ein echtes Dilemma: Sie machen oft das kaputt, was sie in ihren Werbebroschüren verkaufen. Es wird von der schönen Landschaft und Natur gesprochen, die Praxis sieht ganz anders aus. Hat man ein Projekt realisiert, braucht man gleich das nächste. Außerdem gibt es so viele unterschiedliche Sparten: Dem einen ist Mountainbiken wichtig, dem anderen alpiner Skilauf, die nächsten wollen jedes Jahr eine neue Rutschbahn auf irgendeinem Berg bauen. Auch der Klettertourismus nimmt immer mehr zu, überall werden Routen und Klettersteige gebaut. Aber auch da muss man schauen, was verträglich ist, denn es muss einfach auch noch Orte geben, wo die Pflanzen- und Tierwelt ihre Ruhe hat. Im Ländle gibt es wenig Platz, aber viele Menschen. Und diese Menschen haben zudem viel Zeit. Freizeit ist etwas sehr Schönes, aber es ergeben sich dadurch auch überall Konflikte. Die Bauern jammern, dass ihnen die Hunde in die Wiese scheißen, die Wanderer, dass die Mountainbiker sie zusammenfahren. Letztere regt es wieder auf, dass sie nicht auf allen Forststraßen fahren dürfen. Man stößt in einem kleinen Land wie Vorarlberg immer wieder aufeinander. Aber man muss auch mal zur Kenntnis nehmen, wenn es heißt: „Bis hier und nicht weiter.“

WANN & WO: Gibt es überhaupt noch unberührte Flecken im Ländle?

Katharina Lins: Nein. Es gibt aber durchaus viele Orte, an denen sich die Eingriffe noch sehr in Grenzen halten. Diese sind allesamt in der sogenannten Weißzonenerhebung gelistet. Es gibt in Vorarlberg noch Kulturlandschaften, in die der Mensch nur wenig eingewirkt hat. Da gibt es keine großen Erschließungen, höchstens kleine Fußwege. In vielen alpinen Landschaften können entsprechende Veränderungen zudem nur durch Daten von Klimamessungen oder Lufteinträgen festgestellt werden.

WANN & WO: Welchen Einfluss der Mensch auf die Natur hat, sieht man auch an der zunehmenden Vermüllung der Natur. Wie sehen Sie das Thema Littering und was halten Sie von Strafen?

Katharina Lins: Strafen auszusprechen, ist nur ein Weg. Die Leute sollten allmählich kapieren, dass es nicht cool ist, wenn sie ihr Glump in der Natur liegen lassen. Es gibt derzeit diese Megaprojekte, wo mit Fangnetzen der Plastikmüll aus den Weltmeeren gefischt werden soll. Das ist doch eigentlich völlig absurd. Anstatt zu überlegen, was man am Anfang der Produktionskette macht, werden Jahrzehnte später unter gewaltigem technischem Aufwand, der ein Heidengeld kostet, kilometerlange Netze durchs Meer gezogen. Das kann keine Lösung sein. Man muss die Menschen für die Thematik sensibilisieren und ihnen Alternativen aufzeigen. Und wenn sie es dann immer noch nicht kapieren, muss man sie auch strafen. Das gehört ebenso zur Bewusstseinsbildung.

WANN & WO: Sollten also auch die Produzenten stärker in die Verantwortung genommen werden?

Katharina Lins: Wir haben im Land auch große Müllproduzenten. In einem Interview mit einem Vertreter eines Unternehmens hieß es einmal, man könnte durchaus abbaubare Flaschen produzieren und mehr recyclen. Das koste aber mehr und die Nachfrage sei nicht gegeben. Grundsätzlich sollte der Tenor sein: Wir produzieren keine umweltschädlichen Produkte. Da könnte auch der Gesetzgeber einfach einmal auf den Tisch hauen. Verbieten wir aber plötzlich alle Einwegplastikverpackungen, schreit die Industrie laut auf. Diese Maßnahme wäre aber nur vorübergehend, denn langfristig hätte auch die Wirtschaft etwas davon, wenn sie endlich beginnen würde, umzudenken. Nur Wirtschaftswachstum als Selbstzweck kann es nicht sein.

WANN & WO: Welcher war ihr ­bislang härtester Kampf?

Katharina Lins: Das kann ich pauschal nicht beantworten. Aber gerade bei Großprojekten ist es immer schwierig. Man hört immer die gleichen Argumente: Wir brauchen die Wirtschaft. Wir brauchen diesen Platz. Wir brauchen die Landwirtschaft. Vieles führt dann immer wieder auf Grundsatzfragen zurück.

WANN & WO: Ist das nicht sehr ermüdend?

Katharina Lins: Doch. Aber man muss trotzdem immer dran bleiben. Und ich habe auch nicht das Gefühl, dass die Menschen mir böse sind. Sie zeigen ja durchaus Verständnis für meine Arbeit und finden Naturschutz wichtig. Nur wenn sie selber etwas brauchen, sieht’s anders aus. Da kann sich dann ein Kraftwerksbauer darüber beschweren, dass die Bauern zu intensiv arbeiten, oder ein Förster darüber, dass die Gewässer zu sehr verbaut sind. Jeder hat sein eigenes Verständnis von Naturschutz. Ich lerne aber aber viel dabei und kann in viele Bereiche hineinschnuppern – von Festspielkulissen über Kraftwerksbauten bis zu Bohrungen im Ried. Das ist schon sehr spannend.

WANN & WO: Sie befinden sich bereits in Ihrer sechsten Amtsperiode. In all den Jahren waren Sie auch viel Kritik ausgesetzt. Wie gehen Sie damit um?

Katharina Lins: Sagen wir so: Neunmal ist’s mir egal, wenn man mich blöd anredet, der Zehnte fängt halt eine (lacht). Nein, im Ernst, man darf das nicht zu persönlich nehmen. Kritik ist ja oft auch gerechtfertigt und würde ich jeden Angriff persönlich nehmen, müsste ich einen anderen Job machen. Vorarlberg ist so klein, dass man die Menschen immer wieder trifft. Man hat verschiedene Meinungen, aber man diskutiert so, dass man auch beim nächsten Mal wieder miteinander reden kann. Dass ein Bauer schreit: „Ihr schikaniert uns immer, sitzt selber aber nur am Schreibtisch und verdient einen Haufen Geld“, kommt schon einmal vor. Aber es sind eigentlich Funktionen, die da kritisiert werden. Persönliche Angriffe halten sich doch in Grenzen. Physischen Angriff gab es überhaupt erst einen. Aber das war ein Schüler, der einen Apfel aus dem Fenster geworfen und dann auch noch getroffen hat (lacht).

WANN & WO: Sie haben eingangs bereits die Veränderungen im Klima angesprochen. Was entgegnen Sie Menschen, die den Klimawandel leugnen?

Katharina Lins: Es gibt Menschen, die kann man nicht überzeugen. Wenn ein Michael Manhart sagt, es gibt künftig mehr Schnee statt weniger, kann ich nur sagen: Ja, dann glaub das halt. Es sprechen allerdings ganz viele Indizien dagegen. Warum brauchen wir denn immer mehr Schneekanonen, wenn es offenbar immer mehr Schnee gibt? Die wissenschaftlichen Fakten zeichnen ein anderes Bild. Wenn es jemand gar nicht glauben will, dann glaubt er es eben nicht. Es gibt auch Menschen, die glauben, dass die Welt in sechs Tagen erschaffen wurde, oder dass die Mondlandung inszeniert wurde. Diese Menschen kann man nur schwer vom Gegenteil überzeugen. Es gibt ja auch oft die Diskussion: Darf man mit Rechtsextremen diskutieren? Viele denken, das wäre reine Zeitverschwendung. Ich denke mir aber: Man muss es versuchen. Die ganz Depperten erwischt man vielleicht nicht, aber bei den anderen kommt vielleicht mal eine Message an. Man muss sich ja auch irgendwie verständigen können, sonst hat man bald keine Gesellschaft mehr. Dann wird nur mehr der gewählt, der am lautesten schreit und man schaut, was passiert. Das kann es nicht sein.

WANN & WO: Ein Schlusswort?

Katharina Lins: Wirtschaft, Tourismus und Raumplanung sind die großen Themen im Ländle, doch hier ist die Politik gefragt. Allerdings kann sich jeder von uns auch privat im Kleinen einbringen: Etwa das Auto stehen lassen, wenn man nur einen Kilometer weiter will. Weniger Plastik nutzen, oder ein paar Blumen im Garten stehen lassen. Es macht viel aus, wenn der Roboter ständig durch den Garten fährt und alle Blümchen abhackt. Da darf dann nachher auch keiner weinen, wenn es keine Bienen mehr gibt. Bei mir im Garten sieht es aus wie im Dschungel. Nur so ergibt sich wieder Vielfalt.

<p class="caption">Seit vielen Jahren für den Erhalt der Vorarlberger Natur im Einsatz: Katharina Lins. </p>

Seit vielen Jahren für den Erhalt der Vorarlberger Natur im Einsatz: Katharina Lins. 

„In den letzten fünf, sechs Jahrzehnten ging im Ländle mehr ­verloren, als in den vergangenen 500 Jahren.“ Katharina Lins, Naturschutzanwältin Vorarlberg

„Die Bauern jammern, dass ihnen die Hunde in die Wiese scheißen, die Wanderer, dass die Mountainbiker sie zusammenfahren. Letztere regt es wieder auf, dass sie nicht auf allen Forststraßen fahren dürfen.“

Katharina Lins, Naturschutzanwältin Vorarlberg

WORDRAP



Atomkraft: Es gibt Dinge, von denen man die Finger lassen sollte und ich bin froh, dass wir kein AKW haben.

Mobilität: Ein Thema, bei dem wir im Ländle leider noch immer extrem schlecht aufgestellt sind.

Vorarlberg: Ein kleines Land, das vor großen Herausforderungen steht, mit einer relativ guten Gesprächskultur.

Wolf: Ich finde es schön, dass er sich wieder blicken lässt, nachdem wir ihn fast ausgerottet haben und er ist sicher nicht das größte Problem unserer Bauern.

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