„Menschliche Katastrophe“

Kämpften bis zum Schluss: Laura Melzer, Qamar Abbas und Norbert Loacker (ÖGB) während einer Verhandlungs­pause im BVwG Linz (v.l.n.r.). Foto: handout/Melzer

Kämpften bis zum Schluss: Laura Melzer, Qamar Abbas und Norbert Loacker (ÖGB)
während einer Verhandlungs­pause im BVwG Linz (v.l.n.r.). Foto: handout/Melzer

Der 26-jährige Gastro-Lehrling Qamar Abbas sitzt in Schubhaft. Am Samstag soll er nach Pakistan abgeschoben werden. Im Ländle werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Abschiebung zu verhindern. Doch die Uhr tickt.

Seit sechs Jahren befindet sich Qamar bereits in Österreich, seit vier Jahren im Ländle. In Wifi-Kursen, für die der 26-Jährige selbst aufkam, lernte er Deutsch auf B1-Niveau, brachte sich im Caritas-Projekt „Nachbarschaftshilfe“ ein und begann schließlich in Lustenau eine Lehre in der Gastronomie. In Hard fand er Freunde bei Familie Melzer, denen er in Haushalt und Garten tatkräftig unter die Arme griff. Qamar gilt als „Musterasylwerber“ – und soll nun abgeschoben werden: Für den kommenden Samstag, den 27. Oktober – also einen Tag, nachdem Österreich seine Freiheit feierte – ist bereits ein Abschiebeflug nach Pakistan gebucht. Dort erwarten ihn als erklärten „Volksverräter“ Gefängnis und Folter.

Schock im Ländle

Die Nachricht von Qamars Abschiebung lässt die Menschen, die ihn kennenlernen durften, sprachlos zurück. „Die ganze Belegschaft ist geschockt“, teilt Marcel Lerch, Geschäftsführer des Restaurants Schmugglar in Lustenau, bei dem Qamar in die Lehre ging, mit und fügt hinzu: „Es ist eine menschliche Katastrophe und auch ein wirtschaftlicher Wahnsinn. Qamar war immer freundlich, pünktlich und zuvorkommend. Es kann doch nicht sein, dass jemand, der bei uns Schutz sucht und sich so gut integriert, abgeschoben werden soll.“ Auch ÖGB Vorarlberg-Chef Norbert Loacker kann nur verärgert den Kopf schütteln. „Ich bin zutiefst erschüttert, was sich da abspielt. Dem aktuellen Innenminister ist einfach alles zuzutrauen. Sollte Qamar am Samstag wirklich abgeschoben werden, zeigt sich, dass der Innenminister mehr zu sagen hat, als der Bundespräsident. In meinen Augen wackelt die Demokratie in Österreich hier ganz gewaltig.“ Norbert Loacker war am vergangenen Freitag bei Qamars Anhörung am Bundesverwaltungsgericht in Linz dabei und spricht von „einem rabenschwarzen Tag für die österreichische Rechtssprechung. Ich bin wirklich enttäuscht.“

Die Zeit läuft ab

Qamars Schicksal liegt nun noch einmal in den Händen Justitias. Anwalt Stefan Harg hat gegen das Ersturteil des BVwG Beschwerde eingelegt, um eine aufschiebende Wirkung zu erzielen. „Im Verfahren wurde meinem Mandanten Fluchtgefahr vorgeworfen, dabei wurde er ja zuhause aufgegriffen. Somit kann von Fluchtgefahr keine Rede sein.“ Das Gericht hat nun wenige Tage Zeit, erneut zu entscheiden. „Eine Nichtentscheidung kommt einer Negativbeurteilung gleich“, so der Jurist. Doch um mit den Worten Norbert Loackers zu schließen: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

<p>„Ich bin zutiefst erschüttert, was sich da abspielt. Das Urteil in Linz war ein rabenschwarzer Tag für die österreichische Rechtssprechung.“</p><p>Norbert Loacker, Präsident ÖGB Vorarlberg</p>

„Ich bin zutiefst erschüttert, was sich da abspielt. Das Urteil in Linz war ein rabenschwarzer Tag für die österreichische Rechtssprechung.“

Norbert Loacker, Präsident ÖGB Vorarlberg

<p>„Es kann doch nicht sein, dass jemand, der bei uns Schutz sucht und sich so gut integriert, abgeschoben werden soll.“</p><p>Marcel Lerch, Schmugglar Lustenau</p>

„Es kann doch nicht sein, dass jemand, der bei uns Schutz sucht und sich so gut integriert, abgeschoben werden soll.“

Marcel Lerch, Schmugglar Lustenau

<p>„Ein Entscheid muss schnell fallen. Eine Nichtentscheidung kommt einer Negativbeurteilung gleich.“</p><p>Stefan Harg, Qamars Anwalt</p>

„Ein Entscheid muss schnell fallen. Eine Nichtentscheidung kommt einer Negativbeurteilung gleich.“

Stefan Harg, Qamars Anwalt

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