„Es ist alles eine Frage der Haltung“

WANN & WO bat Andreas Rudigier, den Leiter des Vorarlberg Museums in Bregenz, zum großen Sonntags-Interview. Fotos: Andreas Sillaber

WANN & WO bat Andreas Rudigier, den Leiter des Vorarlberg Museums in Bregenz, zum großen Sonntags-Interview. Fotos: Andreas Sillaber

Er bezeichnet sich selbst als „Schwätzer“, aber man hört Andreas Rudigier, dem Leiter des Vorarlberg Museums, auch gerne zu. Ein Gespräch über Pfarrer, Punks und den Piz Buin.

WANN & WO: Herr Rudigier, Sie sind als Sohn eines Kunsthändlers aufgewachsen. War Ihr Werdegang somit bereits vorbestimmt?

Andreas Rudigier: Nein, überhaupt nicht. Mein Vater war tatsächlich im Kunsthandel tätig, aber das hatte keinerlei Bezug. Ich habe erst Jus studiert, weil ich dachte, ich müsse etwas lernen, wo ich später eine Chance damit habe. Erst lange nachdem ich mit dem Jus-Studium fertig war, fand ich über Gespräche mit Freunden meinen Weg in die Kunstgeschichte.

WANN & WO: Stimmt es, dass Sie als Kind auch einmal Pfarrer oder Poltiker werden wollten?

Andreas Rudigier: Naja, werden wollte ich das in Wirklichkeit nie. Aber die Idee hat mir getaugt. Als Kind in der Kirche fand ich es faszinierend, dass da vorne eine Person steht, der alle zuhören. Ich habe dann in der Volksschule auch richtige Predigten gehalten. Später stellte ich dann im Fernsehen fest, dass es da noch eine Berufsgruppe gibt, die das macht: Politiker (lacht). Ich muss gestehen – und das werden viele Leute wohl auch so bestätigen –, dass ich ein richtiger Schwätzer bin. Ich rede gern – wie auch mein Sohnemann. Man hat mir schon gesagt, dass ich keinen Vaterschaftstest machen müsse, die Verwandtschaft sei nicht von der Hand zu weisen.

WANN & WO: Sie stammen aus dem Montafon und haben dazu einen „kleinen kulturgeschichtlichen Führer“ veröffentlicht. Was macht das Montafon so besonders?

Andreas Rudigier: Die kulturhistorische Dimension dieses kleinen Alpentals mit 30 Kilometern Länge über mehrere Jahrtausende ist spektakulär und ich wüsste nicht, wer da mithalten könnte. Erste Funde stammen aus der Bronzezeit, auch die Römer waren hier ansässig. Im Mittelalter war das Montafon bereits stark besiedelt, St. Gallenkirch war die drittgrößte Gemeinde Vorarlbergs. Das muss man sich heute einmal vorstellen. Und wo finden wir in Vorarlberg Barock? Im Montafon! Ab dem 19. Jahrhundert wurde Alpinismus und alles, was damit einhergeht, zum Thema. Die Geschichte des Skifahrens beginnt neben dem Arlberg und dem Bödele vor allem im Montafon – da gibt es irre Geschichten. Auch weltberühmte Kletterer waren in der Region unterwegs. Alpinismus fasziniert mich zudem schon seit meiner Kindheit.

WANN & WO: Sind Sie selbst ein Alpinist?

Andreas Rudigier: Ich bin sportlich sehr interessiert, auch wenn man es mir nicht immer ansieht (lacht). Ich habe sehr viel Ausdauersport gemacht und auch an Bergläufen teilgenommen. Ich wäre auch fast Sportreporter geworden. Alpinismus ist für mich aber ein zweischneidiges Schwert: Ich bin hoch interessiert an der Theorie und der Optik und bin auch gern in den Bergen unterwegs. Aber Klettern, exponierte Stellen und alles, wofür ein Seil benötigt wird, ist nichts für mich. Ich bin kein Held, das kann man definitiv so sagen. Ich war aber trotz allem schon dreimal auf dem Piz Buin – als Kind am Seil mit meinem Vater. Er war Bergführer und bei der Bergrettung.

WANN & WO: Sie leiten seit 2011 das Vorarlberg Museum. Haben Sie unter den rund 170.000 Exponaten ein persönliches Lieblingsstück?

Andreas Rudigier: Ja, und es hat tatsächlich auch mit dem Piz Buin zu tun. Ein persönliches Highlight von mir ist das originale Gipfelkreuz, das sich seit einiger Zeit in unserer Sammlung befindet. Es hat eine unglaubliche Geschichte. Es hat acht Jahrzehnte lang 365 Tage im Jahr über dem Ländle gethront, hat Kriegszeiten überlebt, Wind und Wetter getrotzt und zahllose Blitzeinschläge überstanden. 2012 wurde es von der Bergrettung abmontiert und wäre vermutlich irgendwo in einen Tobel geworfen worden. Aber für mich war klar: Genau so ein Objekt mit einer so tollen und packenden Geschichte – wir sprechen dabei von einem aufgeladenene Objekt – brauchen wir in unserem Museum. Derzeit steht das Kreuz übrigens im Bregenzerwald auf dem Dach der Firma Metzler.

WANN & WO: Soeben startete in Feldkirch die Ausstellung „45 Jahre Graf Hugo – Punk und Pädagogik“. Waren Sie selbst als Punk im Graf Hugo unterwegs?

Andreas Rudigier: Nein. Ich komme ja aus dem Montafon, das war geografisch schon zu weit weg. Aber Jugend und Jugendkultur ist für uns ein großes Thema für die Zukunft. Ich selbst habe allerdings mit Jugendkulturen nichts am Hut, deshalb ist Ihre Frage an mich auch völlig richtig. Die Idee dazu entstand schon vor einigen Jahren, im Gespräch mit der Offenen Jugendarbeit Dornbirn. Zurecht haben sie kritisiert, dass wir zwar Kultur im Land sammeln und dabei immer weiter in die Vergangenheit gehen, die vergangenen Jahrzehnte allerdings brach liegen. Dabei waren in den 60ern bis 80ern fast alle Teil einer Jugendbewegung. Die einen mehr, die andern weniger. Das ist eigentlich ein unfassbar spannendes Thema. Es ist alles eine Frage der Haltung: Wir können das Thema anschneiden und stiefmütterlich betreuen. Oder wir gehen hinaus auf die Straße, sprechen mit den Leuten, sammeln Dinge und bringen diese zurück ins Haus. Mein Kollege Fatih Özçelik steht unter anderem dazu in Kontakt mit Alex Kramer, der in der Stadt Bregenz für dieses Referat zuständig ist. Anlässlich von „45 Jahre Graf Hugo“ sind wir sind natürlich auch in Feldkirch unterwegs. In unserer Strategie 2020 wird dieser Themenbereich definitv hineingeschrieben und auch seinen Platz im Vorarlberg Museum erhalten. Damit sind wir dann in Österreich auch Vorreiter.

WANN & WO: Wie schwierig ist es heutzutage nicht nur junge Menschen, sondern Besucher allgemein ins Museum zu locken?

Andreas Rudigier: Museen gelten ja gemeinhin als Orte, an denen Dinge gesammelt werden, die nicht mehr gebraucht werden, sich der Staub drüber legt oder die gestorben sind. Früher stellte man ein Exponat aus, packte die wichtigsten Infos dazu und fertig. Heute wollen die Menschen aber eine Geschichte dazu. Was steckt dahinter? Wie kam es dazu? In Museen konnte die Bildungsbürgerschicht einst unter sich sein, das hat sich aber geändert. Heute haben wir ein breites Publikum aus allen Bereichen. Museen werden mehr und mehr zu Begegnungsstätten. Die alten Begegnungsorte – Stammtische oder auch die Kirche – funktionieren ja heute nicht mehr richtig. Da haben die Museen eine Chance. Aber wir müssen natürlich auf die Begebenheiten immer reagieren. Dabei kommt es nur drauf an, wie sehr wir uns selbst im Weg stehen. Es gilt: Geh mit der Zeit, oder du gehst mit der Zeit.

WANN & WO: Sollte ein Museum auch ein politischer Ort sein?

Andreas Rudigier: Auf jeden Fall. Wir können ja nicht so tun, als würde rundherum nichts passieren. Das müssen wir zumindest mitdenken und zum Thema machen. Das heißt aber nicht, dass wir moralisierend den Zeigefinger erheben. Ich sehe Museen aber schon als Orte, an denen man über Dinge diskutiert. Ich habe bei einem Meeting einmal gesagt, dass uns noch ein rechter Rabauke im Team fehlt. Da haben mich alle erst einmal erschrocken angesehen (lacht). Ich bin kein Rechter, aber ich sehe das wirklich so. Weil ich diese Menschen verstehen will. Und weil wir sonst immer den selben Kurs fahren und uns weiter in unserer Wohlfühlzone zusammenkuscheln. Ich will den Rechten nicht nach dem Mund reden, aber mich interessiert sehr, was da passiert. Natürlich in dem Wissen, dass nicht alles leicht zu diskutieren ist und man auch nicht alles zulassen kann. Aber mein Anspruch eines offenen Zugangs gilt in alle Richtungen. Ich habe das bei der Bundespräsidentenwahl gesehen. Man kommt da sofort in diese Echokammer hinein. Hat man sich im Netz einmal für VdB interessiert, bekommt man nur noch VdB Meldungen. Deshalb habe ich mich auch für Hofer interessiert. Ich wollte ja wissen, was da kommt. Und da haut es einem ja schon manchmal den „Schütz“ raus (lacht). Man sieht das ja auch in Internetforen. Das ist grauenhaft, was da passiert. Da kann ich nicht einfach so tun, als ob es das alles nicht gibt.

<p class="caption">Andreas Rudigier im Gespräch mit WANN & WO-Redakteur Harald Küng. </p>

Andreas Rudigier im Gespräch mit WANN & WO-Redakteur Harald Küng. 

<p class="caption">Andreas Rudigier stand Rede und Antwort. </p>

Andreas Rudigier stand Rede und Antwort. 

„Früher stellte man ein Exponat aus, packte die Infos dazu, fertig: ­Heute wollen die Menschen aber Geschichten.“ Andreas Rudigier, Direktor Vorarlberg Museum

WORDRAP



Montafon: Das Montafon ist ein ­wunderbares Tal und wie sagte schon Frau Schönborn: „Aber die Bewohner, das sind die Montafoner.“ (lacht).

Politik: Ich bin ein sehr politischer Mensch.

Kultur: Ein riesiges Sammelbecken von allem, was nicht Natur ist.

Geschichte: Geschichte haben wir alle, aber wir können nicht darin verharren, sondern müssen vorwärts schauen.

Familie: Für mich etwas ganz ­Wesentliches.

Museum: Wurde ein Teil meines Lebens, war aber nicht so geplant.

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