Mein Leben mit Borderline

„Be Happy“ – heute kann sie mit Stolz sagen, dass sie auf einem guten Weg ist. Fotos: Sams

„Be Happy“ – heute kann sie mit Stolz sagen, dass sie auf einem guten Weg ist. Fotos: Sams

Angelina (19) spricht mit WANN & WO offen über ihre Borderline-Störung. Heute hat sie gelernt, damit zu leben – doch das war nicht immer so.

Ich kann nichts und ich bin nichts. Gedanken, die vielleicht jeder kennt. Es gibt sie, diese Momente, in denen man ein Tief im Leben oder mal einen schlechten Tag hat. Nichts Tragisches, denn es geht ja vorüber. Einmal kurz traurig sein und dann scheint die Sonne wieder. Was aber, wenn die Sonne nicht zurückkommt und es dunkel bleibt, im Inneren? Wenn der Tag zur Woche, zum Monat zu einem Jahr wird? „Die Diagnose Borderline kam vor knapp einem Jahr.“ Angelina gehört zu jenen Personen, die diesen einen schlechten Tag über Jahre hinweg erlebt. Zweieinhalb Monate verbrachte Angelina im LKH Rankweil. „Es war eine sehr schlimme Zeit für mich. Nicht der Krankenhausaufenthalt an sich, ich wurde als eine dieser Wahnsinnigen abgestempelt, eine die nicht ganz dicht ist. Das macht es unangenehm, darüber zu sprechen.“ Doch genau das ist der richtige Weg, das weiß die 19-Jährige heute.

„Schwer zu verstehen“

Angelinas Krankheit äußerte sich aber schon viel früher. Ihre Schulzeit war geprägt von Mobbing durch Mitschüler und Lehrpersonen. Auch ihre familiäre Situation und Sterbefälle trugen zu ihrem Leid bei. Eine Diagnose gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Damals unternahm die erst 16-Jährige ihren ersten Suizidversuch. Der zweite folgte ein Jahr später, Tabletten zu schlucken schien der einzige Ausweg. Die Krankheit, tritt selten alleine auf. Oft sind Depressionen, Leidensdruck und Stimmungsschwankungen ein Teil davon. „An einem Tag war ich überglücklich und am nächsten, todtraurig und deprimiert“, erinnert sich Angelina zurück. „Das macht es für das Umfeld so schwer, zu verstehen.“ Ein weiteres Symptom, das die 19-Jährige beschreibt, ist die gähnende Leere. Leere, die sie damals versucht hat, mit Selbstverletzungen zu dämmen. Narben zieren jetzt ihre Arme, für jeden sichtbar. Das war noch in der Zeit vor der Diagnose, als sie mit 14 Jahren zum ersten Mal zum Messer griff. Nicht nur Angelina litt unter ihrer Krankheit. Auch ihre Familie hatte damit zu kämpfen. „Es ist absolut nicht zu unterschätzen, was Familienmitglieder mitmachen müssen, wenn das eigene Kind keinen Ausweg mehr sieht, als sich das Leben zu nehmen“, erzählt sie offen gegenüber W&W. Angelina ist vor Kurzem in eine eigene Wohnung in Hohenems gezogen. Ihre Eltern hatten große Zweifel, sie alleine wohnen zu lassen. Doch für die 19-Jährige war das ein großer und wichtiger Schritt. „Mir hat man oft eingeredet, dass ich nichts kann und für nichts gut bin. Lange habe ich daran geglaubt. Durch meine eigene Wohnung – mein eigenes Leben, beweise ich mir jeden Tag wieder, dass ich mein Leben selbst in der Hand habe.“ Und das hat sie. Mittlerweile ist sie stolze Filialleiterin einer Einzelhandelskette. Vor ein paar Monaten noch kaum vorstellbar. An ihrem letzten Berufsschuljahr konnte sie größtenteils nicht teilnehmen. Zu viele Probleme stellten sich ihr in den Weg. Große Menschenmengen machten ihr Angst, Schweißausbrüche und Panikattacken standen an der Tagesordnung.

„Gelernt, damit zu leben“

Heute steht sie selbstbewusst in ihrer Filiale. Keine Spur mehr von dieser ängstlichen und depressiven Frau, die sie einmal war. „Ich habe gelernt, mit meiner Krankheit umzugehen. Dennoch werde ich immer mit ihr leben müssen, sie gehört zu mir.“ Mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, war Angelina sehr wichtig. Deswegen spricht sie auf Social Media-Kanälen ganz offen darüber.
Nicht jeder kann ihr Verhalten verstehen. „Ich sehe das so: Wenn ein Rollstuhlfahrer seine kleinen Erfolge, zum Beispiel im Sport postet, dann ist das eine kleine Sensation. Wenn das eine mental kranke Person tut, dann ein Skandal. Nicht ich brauche die Aufmerksamkeit – es ist die Krankheit die thematisiert werden sollte.“ Social Media ist ein Medium, dass kritische Inhalte einfach, effektiv und für jeden sichtbar macht. Das ist ihr wichtig. „Nur wenn darüber geredet wird, kann sich etwas ändern.“ Auf die Frage, ob es ihr heute wieder gut geht, antwortet sie: „Ich bin auf einem guten Weg.“

<p class="caption">Dieses selbstgemalte Bild zeigt, wie sich Menschen mit dieser Krankheit fühlen.</p>

Dieses selbstgemalte Bild zeigt, wie sich Menschen mit dieser Krankheit fühlen.

<p class="caption">Das Zeichnen hilft Angelina, ihre Gefühle zu verarbeiten. Ihr Tagebuch ist voll von diesen Bildern.</p>

Das Zeichnen hilft Angelina, ihre Gefühle zu verarbeiten. Ihr Tagebuch ist voll von diesen Bildern.

„Nicht ich brauche die Aufmerksamkeit – es ist die Krankheit, die thematisiert werden sollte.“ Angelina

Per E-Mail teilen