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Kokserland Vorarlberg?

Für den aktuellen Suchtbericht wurden erstmals Abwässer in Vorarlberg auf Drogenrückstände analysiert. Das Team rund um Reinhard Haller entdeckte dabei äußerst interessante – und bedenkliche – Entwicklungen im Konsumverhalten der Vorarlberger. Foto: Sams

Für den aktuellen Suchtbericht wurden erstmals Abwässer in Vorarlberg auf Drogenrückstände analysiert. Das Team rund um Reinhard Haller entdeckte dabei äußerst interessante – und bedenkliche – Entwicklungen im Konsumverhalten der Vorarlberger. Foto: Sams

An einer Cannabis-Legalisierung führe wohl kein Weg vorbei und Kokain werde im Ländle nach und nach zur Volksdroge, so die Einschätzung von Reinhard Haller bei der gestrigen Präsentation des Vorarlberger Suchtberichts 2018.

Haller, der den Suchtbericht als Drogenbeauftragter des Landes ge­meinsam mit einem Forscherteam verfasst hat, stellte im Zuge seiner Recherchen eine starke Zunahme beim Kokain-Konsum in Vorarlberg fest. Bei Cannabis stelle sich angesichts der weltweit steigenden Akzeptanz die Frage, wie man in Zukunft damit umgehen wolle. Derzeit werde beim Cannabis ja geradezu eine Mystifizierung betrieben, so Haller. „Es hat eine gewisse Heilwirkung, sie wird aber maßlos überschätzt“, befand der Experte. Im Rückgang begriffen sei der Heroin-Missbrauch, Heroin werde inzwischen als „Loser-Droge“ gesehen.

Nikotin: „Großes Problem“

Als „großes Problem“ titulierte Haller die Nikotin-Sucht. In Vorarlberg sterben jährlich 600 Personen an den Folgen des Rauchens, während es bei illegalen Drogen zehn bis 20 Menschen sind. Für die Zukunft gibt sich Haller optimistisch: Aufklärungsmaßnahmen und die Vernunft der Bürger würden sich gegen die „Unvernunft der Bundesregierung“ durchsetzen. Der Nikotin-Konsum werde ebenso zurückgehen wie jener von Alkohol, der sich aber auf hohem Niveau einpendeln werde. Auch die Verhaltenssüchte werden laut dem Experten in Zukunft eine große Rolle spielen, eine besondere Herausforderung stelle dabei die Therapie dar.

Drogen im Abwasser

Um faktenbasierte Daten über den Drogenkonsum in Vorarlberg zu erhalten, wurden in der Hofsteigregion (knapp 70.000 Einwohner) im vergangenen April an 22 aufeinanderfolgenden Tagen Abwasserproben genommen und analysiert. Die Hochrechnung ergab, dass in der Region pro Jahr 436 Kilo Cannabis, über 26 Kilo Kokain und 1,8 Kilo Amphetamin konsumiert werden. Haller wies darauf hin, dass das pro Jahr Ausgaben zwischen zehn und 30 Mio. Euro für illegales Suchtgift bedeute. Im Vergleich mit Regionen in der Schweiz seien die Konsummengen aber deutlich niedriger, allerdings vergleichbar mit jenen in Innsbruck und München

Sucht und Todesfälle

Dem Bericht zufolge sind in Vorarl­berg – ohne das Rauchen – etwa fünf Prozent der Bevölkerung von einer substanzgebundenen Sucht abhängig, davon entfallen drei Prozent auf den Alkohol, 1,2 Prozent auf Medikamente und etwa ein Prozent auf die illegalen Drogen. Der Anteil der Raucher liegt unter den Erwachsenen bei 35 Prozent. 2017 wurden in Vorarlberg sechs drogenbezogene Todesfälle registriert, weniger als 2016 (11) und 2015 (15). Laut Haller „alt gewordene Drogensüchtige“ über 50 Jahre, die schon jahrelang abhängig waren.

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