Fürs Retten geehrt und verfolgt

Pia Klemp ist Kapitänin der „Iuventa“, dem Rettungsschiff von Sea-Watch. Foto: Paul Lovis Wagner

Pia Klemp ist Kapitänin der „Iuventa“, dem Rettungsschiff von Sea-Watch. Foto: Paul Lovis Wagner

Pia Klemp rettete als Kapitänin bei Sea-Watch 10.000 Flüchtende aus dem Mittelmeer. Dafür wird sie nun angeklagt. Am Sonntag spricht sie in Bregenz.

Ärzte retten Menschenleben. Feuerwehrleute retten Menschenleben. Und Pia Klemp rettet Menschenleben. Wie die ersten beiden Gruppen wird sie dafür gefeiert – jetzt aber auch strafrechtlich verfolgt. „Es ist doch absurd, dass meine Crew und ich da, wo große Not herrscht, bei dieser menschengemachten Katastrophe helfen und dafür angeklagt werden“, sagt die 35-jährige Kapitänin WANN & WO. Denn die italienische Staatsanwaltschaft arbeitet gerade die Anklage gegen Pia und ihre zehn Crewmitglieder vom Schiff „Iuventa“ aus. Weil sie für die Menschrechtsorganisation Sea-Watch Flüchtende aus dem Mittelmeer gerettet haben.

Rettung oder Straftat?

Mehr als 10.000 Menschen haben Pia und die Mannschaft der „Iuventa“ so vor dem Tod bewahrt. Für die Regierung Italiens ist das aber Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Mit dieser Einschätzung ist die Bonnerin jetzt an Land gefesselt: Ihre Anwälte rieten ihr, keine weiteren Einsätze zu fahren. „Wenn wir noch einmal hinausfahren und Menschen aus dem Wasser ziehen, droht uns in Italien Untersuchungshaft“, sagt Pia. „Das bedeutet, dass wir jetzt an Land bleiben, uns auf den Prozess vorbereiten, uns mit anderen solidarisieren, das Thema bekannt machen und Unterstützung suchen.“ Die ist tatsächlich nötig: „Aus Erfahrung schätzen unsere Anwälte, dass sich der Prozess über drei Jahre hinziehen wird. In dieser Zeit werden wir immer wieder zu Prozessen nach Italien reisen und die Anwälte bezahlen müssen – wir rechnen mit Kosten von etwa einer halben Million Euro“, bilanziert die Aktivistin. Dafür haben sie das Kollektiv „Solidarity at Sea“ gegründet.

Von Tieren zu Menschen

Pia stammt aus Bonn – die Großstadt mitten im deutschen Ruhrgebiet ist nicht gerade eine Hochburg der Seefahrerei. Zu der kam sie dementsprechend auch auf Umwegen: „Ich habe vor etwa acht Jahren bei der Meeresschutzorganisation Sea Shep-herd angeheuert“, erinnert sich Pia. „In den folgenden Jahren war ich so gut wie durchgängig auf See, habe in vielen Bereichen gearbeitet und bin so schließlich auf der Brücke gelandet.“ Nach einiger Zeit ist sie von Sea Shepherd zur Menschenrechtsorganisation Sea-Watch gekommen. Aber auch der Schutz der Meere und Tiere ist noch immer ein Thema für Pia. „Es ist unglaublich, welcher Raubbau an den Meeren und der Natur allgemein betrieben wird, was wir unserem Planeten und damit letztlich auch uns selbst antun. Ich finde es erschreckend, wie gemeinschaftlich dumm wir sind“, klagt sie.
Dabei sieht sie darin durchaus Parallelen zur Situation der Flüchtenden im Mittelmeer. „Genau wie bei der Ausbeutung der Umwelt wird in der Asylpolitik nur darauf geschaut, was den Regierenden am meisten bringt und nicht, was gerecht wäre. Es ist außerdem sehr frustrierend, dass wir uns heute noch mit etwas auseinander setzen müssen, von dem wir dachten, dass es vor 80 Jahren geklärt worden sei: nämlich der Tatsache, dass Menschenrechte für alle gelten. Vor allem in einem Europa, dass sich als Friedensnobelpreisträger feiert. Solidarität mit
Menschen ist keine Straftat!“

Rede bei Bregenzer Demo

Hart ins Gericht geht Pia auch mit Österreich. „Es gibt hier, genau wie in anderen Ländern, viel zu tun, um sich dem Rechtsruck entgegenzustellen.“ Als die Organisatoren sie fragten, ob sie auf der Sonntagsdemo in Bregenz spricht, hat sie sofort „Ja“ gesagt. „Ich finde es toll, dass an so vielen Ecken etwas in der Sache passiert.“ Für ihr Engagement wird die Iuventa-Crew jetzt mit dem „Paul Grüninger-Preis“ ausgezeichnet. Der Schweizer rettete als Beamter am Grenzübergang Diepoldsau 1938/39 Hunderte Juden vor der Ermordung durch die Nazis. „Das freut uns natürlich sehr, gerade dass unsere Arbeit gesehen und wertgeschätzt wird“, sagt sie WANN & WO.
„Gleichzeitig ist es natürlich absurd, dass wir einerseits geehrt und
andererseits verfolgt werden.“

<p class="caption">Die „Iuventa“ rettete zehntausendeMenschenleben. Foto: Friedhold Ulonska</p>

Die „Iuventa“ rettete zehntausende
Menschenleben. Foto: Friedhold Ulonska

<p class="caption">Pia bei der Arbeit als Kapitänin auf der Kommandobrücke. Foto: Lisa Hoffmann</p>

Pia bei der Arbeit als Kapitänin auf der Kommandobrücke. Foto: Lisa Hoffmann

„Es ist absurd, dass wir einerseits geehrt und andererseits verfolgt werden.“ Pia Klemp

„Solidarität mit Menschen ist keine Straftat.“ Pia Klemp

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