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„Ich war eine echte Rampensau“

Analog statt digital: Der pensionierte Psychiater Dr. Albert Lingg lauscht seiner Lieblingsmusik zuhause ausschließlich auf dem Plattenspieler.  Fotos: Sams

Analog statt digital: Der pensionierte Psychiater Dr. Albert Lingg lauscht seiner Lieblingsmusik zuhause ausschließlich auf dem Plattenspieler.  Fotos: Sams

Dr. Albert Lingg war über viele Jahre Leiter des LKH Rankweil. Mit WANN & WO spricht der Psychiater über seinen verdienten Ruhestand, seine aktive Zeit als Musiker, digitale Medien und eine immer verrückter werdende Welt.

WANN & WO: Herr Dr. Lingg, Sie haben sich vor fünf Jahren in die Pension verabschiedet. Was trifft auf Sie eher zu: Pensionsschock oder Pensionsstress?

Dr. Albert Lingg: Es ist ein ständiges Auf und Ab. Von Pensionsschock kann ich aber in keiner Weise sprechen. In großartigem Stress bin ich aber eigentlich auch nicht. Es gibt schon Zeiten, in denen ich noch einiges zu tun habe – ich bin ja noch immer als Ausbilder an der Krankenpflegeschule sowie in Schlosshofen tätig und halte auch noch regelmäßig Vorträge, etwa zu den wichtigen Themen Demenz oder Einsamkeit. Das lasse ich nun aber langsam ausklingen – man sollte ja schon auch einmal aufhören, wenn es genug ist. (lacht)

WANN & WO: Sie sind ein großer Fan der Lustenauer Austria. Nach ihrer Pensionierung sind Sie in die Stickergemeinde gezogen. War die Austria der Grund für ihren Umzug aus Feldkirch?

Dr. Albert Lingg: (Lacht) Es stimmt, ich bin ein großer Anhänger der Austria – mit allen Höhen und Tiefen. Der Verein war aber höchstens in dritter Ordnung ein Grund für meinen Umzug. In erster Linie wollte ich aber wegen meiner Familie ins Unterland ziehen. Meine Tochter und ihr Mann sind Architekten, gemeinsam haben wir hier in Lustenau ein Generationenhaus gebaut. Wir wollten so einer Vereinsamung im Alter vorbeugen. Ich habe mich in meiner Zeit am LKH Rankweil sehr meinem Beruf hingegeben, meine Familie – gerade auch meine Enkel – haben deshalb noch vieles gut bei mir.

WANN & WO: Sie waren ja auch als der „musizierende Primar“ bekannt. Ist Musik für Sie noch immer ein Thema?

Dr. Albert Lingg: Nein, das aktive Musizieren ist für mich gegessen. Meine einstigen Bandkollegen sind alle noch aktiv, ich betreibe Musik aber nur mehr passiv. Ich höre sehr viele Platten – nichts Digitales, sondern ausschließlich analog. Ich liebe den Sound der 1960er und 1970er, höre auch Klassik und zwischendurch auch neuere Sachen. Mein Sohn ist zudem Musiker in Wien, da bin ich auch gerne dabei. Ab und an höre ich im Garten die Musik aus dem benachbarten Parkbad – für mich das Schönste, all die jungen Menschen. Ich habe in meiner Jugend selbst ein bisschen Klavier gespielt. Im Internat hatte ich dann die Wahl zwischen Klavier und Fußball – und habe mich für den Fußball entschieden. Ein Hobby, dem ich heute auch noch gerne mit meinen Enkeln im Garten nachgehe.

WANN & WO: Waren Sie in ihrer aktiven Zeit als Musiker eine ­Rampensau?

Dr. Albert Lingg: Auf jeden Fall. Man würde es mir vielleicht nicht zutrauen, aber das war definitiv so. (lacht). Wir haben sehr viele Konzerte gespielt, eigentlich ausschließlich für karitative Zwecke, etwa im Kolpinghaus, bei der Lebenshilfe, oder in Gefängnissen. Das waren sehr spannende Erfahrungen. Ein Highlight waren die Schwestern­diplombälle – da haben wir immer als Abräumer gespielt.

WANN & WO: Das LKH Rankweil war über Jahrzehnte ein lebensbestimmender Inhalt für Sie. Vermissen Sie die Zeit im Krankenhaus?

Dr. Albert Lingg: Ich habe noch viele Kollegen und Freunde am Landeskrankenhaus Rankweil und bin ja – wie bereits erwähnt – auch noch immer als Ausbilder aktiv. Aber ehrlich gesagt bin ich froh, dass ich diesen Rucksack los bin. Vor allem das Thema Nachwuchs ist kein einfaches. Als ich damals meine Ausbildung gemacht habe, war die Psychiatrie sehr gefragt bei jungen Ärzten. Heute wenden sie sich aber mehr den technischen Fächern zu, die natürlich eine besondere Faszination ausüben. Auch beim Einkommen gibt es hier eklatante Unterschiede. Man muss schon ein großes Interesse am gesellschaftlichen Leben und für den Menschen per se haben, um diesen Beruf zu wählen. Er ist aber unglaublich interessant – und ich würde mich sofort wieder dafür entscheiden.

WANN & WO: Stichwort Gesellschaft: Wie nehmen Sie die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen wahr?

Dr. Albert Lingg: Für mich ist das schon ein Stück weit bedenklich. Wehret den Anfängen! Es macht mir keine Angst, aber bereitet mir durchaus Sorge. Die Premierministerin von Neuseeland hat kürzlich ein wunderbares Programm aufgestellt. Darin heißt es: Das Wohlbefinden des Menschen ist die oberste Priorität, die ein Staat hat. Kinderarmut muss bekämpft, Ausgleiche beim Einkommen geschaffen und die Umwelt beachtet werden. Großartige Vorsätze. Man würde am liebsten unseren Politikern, die sich aktuell im Zwangsurlaub befinden, empfehlen, dieses Programm einmal anzuschauen – sie müssen dafür ja nicht gleich nach Neuseeland fliegen (lacht). Das Erstarken der rechten Szene geht oft mit – teils berechtigter – Unzufriedenheit und Ängsten einher. Kommt man mit diesen Menschen ins Gespräch, hört man Biografien und Verhältnisse, bei denen man sich durchaus vorstellen kann, dass ein Mensch in rechtem Gedankengut sein Heil sucht. Das ist verheerend.

WANN & WO: Wird die Welt immer verrückter?

Dr. Albert Lingg: Ich habe in der Pension nun natürlich mehr Zeit, die Dinge zu beobachten. Und man muss schon aufpassen, nicht pesimistisch zu werden. Da wehre ich mich aber klar dagegen. Mit Kindern und Enkeln muss man Zweckoptimist sein und es gibt ja auch durchaus sehr viele positive Dinge. Aber die Politik in letzter Zeit war schon ein richtiger Hammer. Ich glaube, dass sich der Mensch an vieles erst wieder gewöhnen muss. Wir sind so fasziniert von den technischen Möglichkeiten, dass wir sie bis zum Exzess nutzen, andere Dinge aber zu wenig beachten: Wir bauen Lifte, wo immer wir Platz dafür finden, können mit dem Verkehr kaum mehr umgehen und fliegen in der Weltgeschichte herum, als gebe es kein Morgen mehr – das darf ja auch sein und ist ein großer Fortschritt, aber es sollte auch Qualität dazugehören.

WANN & WO: Wie stehen Sie zu digitalen Medien? Sie haben ja bereits erwähnt, dass sie Musik ausschließlich analog konsumieren.

Dr. Albert Lingg: Wir haben heute eine enorme Informationsflut, die manche Menschen ganz einfach aus der Bahn wirft. Die Möglichkeiten, die sich bieten, sind großartig. Ich habe aber einmal einen Vortrag eines Startuppers gehört, der vorgeschlagen hat, man solle jedem ein digitales Gen einpflanzen. Da ist mir schlecht geworden und ich bin aus dieser Veranstaltung geflüchtet. Wird Technik gut eingesetzt, ist sie eine tolle Sache, von der wir alle profitieren. Aber damit umzugehen, müssen wir erst noch lernen.

WANN & WO: Hatten Sie selbst schon einmal das Gefühl, verrückt zu werden? Was tun Sie, um einen ­klaren Kopf zu behalten?

Dr. Albert Lingg: Ich habe meinen Beruf sehr leidenschaftlich gelebt und auch Situationen angetroffen, in denen hoher Einsatz gefragt war. Ich habe für mich selbst ein Ampel­system etabliert. Blinkt die Ampel gelb, weiß ich, dass ich wieder mehr in die Natur muss, oder zu Dingen auch mal nein sagen. In Feldkirch gibt es ein Waldstück, da bin ich nachts oft auf einer Bank gelegen und habe in den Sternenhimmel geblickt. Dann fühlte ich mich so klein und nichtig und stellte fest: All die Probleme sind doch nicht mehr als ein Fliegenschiss im All (lacht). Dann bin ich zufrieden nach Hause gegangen. Zwischendurch ist es ratsam, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Manchmal kommt es auch vor, dass man sich mit Alkohol tröstet. Da ist man auch schnell gefährdet, wenn man nicht aufpasst. Ich bin eher von der melancholischen Seite, aber Depressionen sind mir Gott sei Dank erspart geblieben. Ansonsten lese und schreibe ich sehr viel.

WANN & WO: Sie richten den Blick in die Sterne, andere erfahren die Welt nur noch durch das Smartphone oder die Kamera. Wie sehen Sie das?

Dr. Albert Lingg: Da drehe ich durch, wenn ich so etwas sehe. Ich war einmal in Kopenhagen, dort gibt es „Die kleine Meerjungfrau“, eine sehr schöne Skulptur. Da kam ein Bus voller Japaner angefahren. Die Leute stiegen aus, man hörte das Dauerfeuer des Kameraauslösers, dann ging es zurück in den Bus. Sie haben die Welt nur durch ihren Handydisplay gesehen. Das ist einfach furchtbar. Da sind mir die Sterne doch viel lieber.

<p class="caption">W&W-Redakteur Harald Küng traf Dr. Albert Lingg in Lustenau zum Interview.</p>

W&W-Redakteur Harald Küng traf Dr. Albert Lingg in Lustenau zum Interview.

„Ich bin oft nachts auf einer Bank gelegen, habe in die Sterne geschaut und festgestellt: Alle ­Probleme sind nur ein Fliegenschiss im All.“ Dr. Albert Lingg

„In einem Vortrag habe ich einmal den Vorschlag gehört, jedem Menschen ein digitales Gen ­einzupflanzen. Da ist mir schlecht geworden und ich bin aus der Veranstaltung geflüchtet.“ Dr. Albert Lingg über digitale Medien

WORDRAP



Vorarlberg: Ein schöner Platz zum Leben.

Stress: Gehört dazu, die Dosis macht allerdings das Gift.

Gesellschaft: Ihr Zustand ist wichtig für das Wohlergehen der Menschen.

Ruhestand: Toll, wenn er nicht zu ruhig ist.

LKH Rankweil: Ein wichtiger Ort für spezielle Probleme.

Musik: Kann helfen und heilen.


Familie: Ist mir das Wichtigste.