Sie kommt, wenn jemand geht

Im Ernstfall durchkämmt Heike Lampert jeden noch so kleinen Flecken im Ländle. Die 38-Jährige leitet die Vorarlberg-Sektion von „Österreich findet euch“. Fotos: Breuß/Sams

Im Ernstfall durchkämmt Heike Lampert jeden noch so kleinen Flecken im Ländle. Die 38-Jährige leitet die Vorarlberg-Sektion von „Österreich findet euch“. Fotos: Breuß/Sams

Wird im Ländle ein Mensch vermisst, schlägt sich Heike Lampert ohne zu überlegen Tage und Nächte um die Ohren, bis er gefunden ist. W&W sprach mit dem Vorarlberger Gesicht von „Österreich findet euch“.

WANN & WO: Wenn es einen Vermisstenfall in Vorarlberg gibt, kann man dich zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichen, sofern du nicht gerade in Gegenden abseits von jedem Handynetz auf der Suche bist. Wie ist es dazu gekommen?

Heike Lampert: Durch einen tragischen Vermisstenfall im eigenen Bekanntenkreis: Ich habe eine sehr liebe Freundin in Oberösterreich. Ihr Bruder ist vor vier Jahren mit seinem besten Freund spurlos verschwunden. Die Jungs hatten zuhause Karten gespielt und waren am nächsten Tag mitsamt dem Auto plötzlich vollständig verschwunden. Persönliche Gegenstände, Handy – alles war noch da. Bis auf die zwei und das Auto. Man hat sie bis heute nicht gefunden. Auch das Auto ist spurlos verschwunden. Es ist ganz so, als hätte es den Bruder und seinen Freund nie gegeben.

WANN & WO: Und da wurde dir klar: Du willst Menschen in solchen Situationen helfen?

Heike Lampert: Genau. Als ich die Freundin damals kennenlernte, ging es ihr sehr schlecht. Diese Hilflosigkeit, diese Unwissenheit haben mich unglaublich tief berührt. Da wusste ich: Ich will helfen. Christian Mader, der Obmann von „Österreich findet euch“, der selbst Beamter im Bundeskriminalamt und ehemaliger Leiter der Wiener Abgängigenfahndung ist, hatte mit meiner Freundin damals schon Kontakt. So lernte ich ihn kennen wurde selbst Teil des Vereins.

WANN & WO: Das heißt, du hast die Vorarlberg-Sparte des Vereins aufgebaut?

Heike Lampert: Ja, das hat sich so entwickelt. Ich habe gemerkt, dass es so etwas in Vorarlberg bis dahin nicht gab. Klar, es gibt die Polizei, mit der wir auch sehr gut zusammenarbeiten. Aber diese menschlichere Komponente, die gab es nicht. Außerdem tun wir uns oft leichter, an die Öffentlichkeit zu gehen und auch die internen Abläufe gehen schneller. Das soll aber keinesfalls Kritik an der Polizei sein! Es braucht einfach beide Organisationen. Ich habe den Verein im Ländle dann eine Weile als „One-Woman-Show“ geführt und mittlerweile haben wir fünf aktive und einige inaktive Mitglieder.

WANN & WO: Wie läuft so eine Vermisstensuche bei euch ab?

Heike Lampert: Wir werden meist durch Freunde oder Bekannte kontaktiert oder über Social Media und die Presse aufmerksam. Dann setzen wir uns mit dem Polizeiposten in Verbindung und bieten unsere Hilfe an. Die stellen uns den Kontakt zu den Angehörigen her. Bei ihnen fragen wir schließlich nach, ob sie überhaupt wollen, dass wir uns an der Suche beteiligen und den Vermisstenfall publik machen.

WANN & WO: Manche Menschen wollen aber auch bewusst untertauchen und nicht gefunden werden. Wie könnt ihr sicherstellen, dass ihr mit der Suche das Richtige tut?

Heike Lampert: Wir werden nur aktiv, wenn es eine Abgängigkeitsanzeige gibt. Das ist die rechtliche Basis für die Polizei, eine abgängige Person zu fahnden, weil Unfall, Verbrechen, Selbstmord, Selbstgefährdung oder Fremdgefährdung befürchtet wird. Ohne Vorliegen eines dieser Gründe gibt es keine Abgängigkeitsanzeige und kein Aktiv-werden. Wir sind keine Polizei, keine Fahnder, wir versuchen nur, zu helfen und zu unterstützen.

WANN & WO: Wie ist es, wenn man als Laie so mit dem Tod von Personen in Berührung kommt?

Heike Lampert: Das stimmt, wir haben keine Ausbildung – aber ein großes Herz und den Willen, zu helfen. Bei uns hat jeder so seinen eigenen Weg gefunden, mit solchen Situationen fertig zu werden. Ich für meinen Teil gehe viel nach draußen in die Natur. Außerdem haben wir in Sulz
Dr. Raimund Frick, der uns in solchen Sachen unterstützt und auf den wir in ernsten Situationen jederzeit zurückgreifen können.

WANN & WO: Du bist selbst mehrfache Mutter. Sind Fälle, in denen Kinder vermisst werden, besonders belastend für dich?

Heike Lampert: Ja, absolut. Gerade wenn sie etwa in dem Alter sind, wie eines meiner Kinder. Das tut schon weh. Wenn du Mama bist, willst du dir so etwas gar nicht vorstellen. Ich glaube, das geht jeder Mutter so und deshalb sollte es mich nicht vom Helfen abhalten.

WANN & WO: Hast du das Gefühl, dass du durch die Arbeit bei „Österreich findet euch“ ängstlicher in Bezug auf deine Kinder wirst?

Heike Lampert: Ein bisschen schon, ja. Weil ich viel mehr mit solchen Dingen in Berührung komme und auch viel tiefer in das Thema einsteige, als wenn man lediglich in der Zeitung von solchen Fällen liest.

WANN & WO: Kannst du dich an einen Fall erinnern, der dir besonders nahe ging?

Heike Lampert: Ja, das war eine Mutter, die sich das Leben genommen und zwei minderjährige Kinder hinterlassen hat. Da habe ich wirklich zuhause gesessen und geweint. Ich weiß natürlich nicht, was in ihr vorging, aber wie verzweifelt muss man sein, dass man diesen Schritt geht und seine Kinder zurücklässt? Ich versuche zwar immer, abgegrenzt zu sein, aber da sind auch bei mir Tränen geflossen.

WANN & WO: Wie gelingen dir diese Abgrenzung und der Spagat zwischen Mitgefühl zeigen und Distanz wahren?

Heike Lampert: Das ist schwierig und ein total schmaler Grat. Da lerne ich auch bei jedem Fall noch dazu. Du siehst und hörst so viel von einem Vermissten. Bei der Suche erfährst du alles über die vermisste Person. Es gibt nichts, was du nicht weißt, weil alles wichtig ist. Und wenn es blöd läuft, lernst du sie nie kennen. Da wünsche ich mir stets, dass ich dem Menschen die Hand geben und sagen kann: „Schön, dass du wieder da bist.“

WANN & WO: Umso schöner ist es sicher, wenn ein Fall gut ausgeht.

Heike Lampert: Das stimmt! Ein gutes Beispiel ist der Fall von
Adrian aus Götzis. Die Familie war so dankbar, dass sie uns und die Hundestaffel vom „Mantrailing Team Vorarlberg“ zum Essen eingeladen hat. Es war toll, Adrian kennenzulernen und zu sehen, wie glücklich er war, wieder da zu sein.

WANN & WO: Der letzte Fall mit dem Vermissten aus Übersaxen ging hingegen leider nicht glücklich aus. Wie beeinflusst das eure Beziehung zu den Angehörigen?

Heike Lampert: Die Familie hat uns trotz allem sehr für unsere Hilfe gedankt. Ich stehe auch jetzt noch in Kontakt zu ihnen, auf deren Wunsch. Ich habe ihnen zugesichert, dass ich da bin, wenn sie jemanden brauchen. Das wollen wir gezielt in jedem Fall anbieten.

WANN & WO: Ein Stück weit begibst du dich bei jeder Suche auch selbst in Gefahr. Und mal abgesehen davon: Auch der zeitliche Aufwand für das Ehrenamt ist groß. Spielt deine Familie da mit?

Heike Lampert: Ich habe zu meinem Mann und meinen Kindern immer gesagt: Wenn sie möchten, dass ich damit aufhöre, dann höre ich auf. Sie finden es aber toll, dass ich anderen Menschen helfe. Die Unterstützung der Familie brauchst du auch einfach, sonst schaffst du das gar nicht.

WANN & WO: Wachsen deine Kinder durch deine Arbeit anders auf?

Heike Lampert: Sicher, sie bekommen schließlich die Fälle mit. Sie sind aber vielleicht auch dadurch besonders sozial.

WANN & WO: Wirst du und wird der Verein auch einmal kritisiert?

Heike Lampert: Ja, das ist schon passiert. Aber ich hege da keinen Groll. In dem Moment, in dem ein Mensch verloren geht, ob freiwillig oder nicht, bricht für die Angehörigen eine Welt zusammen. Niemand Außenstehendes kann das nachempfinden, in welchen Abgrund die Familie von einer Minute auf die andere gestürzt wird. Ich wüsste auch nicht, wie ich mich in so einer Ausnahmesituation verhalten würde. Deshalb verurteile ich niemanden, der uns kritisiert.

„Bei der Suche erfährst du alles über die vermisste Person. Es gibt nichts, was du nicht weißt, weil alles wichtig ist. Und wenn es blöd läuft, lernst du sie nie kennen.“ Heike Lampert über die Gefühle bei der Vermisstensuche.

„Ich versuche zwar immer abgegrenzt zu sein, aber da sind auch bei mir Tränen geflossen.“ Heike Lampert über einen besonders tragischen und eindrücklichen Vermisstenfall.

Zur Person


Woraus besteht dein Leben außer „Österreich findet euch noch“ und
der Familie, was arbeitest du?
„Wir haben einen Bergbauernhof. Ich bin zwar nicht gelernte Landwirtin, so wie mein Mann, aber er hatte den Hof bereits, als ich ihn kennenlernte. Und wenn man sich verliebt, fragt man ja schließlich nicht als Erstes nach dem
Job (lacht).“

Hast du ein Lieblingstier
auf dem Hof?
„Schwierig zu entscheiden, aber ich mag unsere Kälber sehr gern, die sind total süß. Vor allem, wenn sie gerade auf die Welt kommen und noch so unbeholfen auf ihren Hufen stehen.“

Ein Hof allein ist ja schon viel
Arbeit, wie geht sich das mit
dem Ehrenamt aus?
„Es geht. Zum Einen haben wir nur einen kleinen Hof und zum Anderen ist mein Mann gelernter Landwirt. Wenn es aber im Sommer ans Heuen geht, ist wirklich jede helfende Hand gefragt. Wir haben viele Hänge, die nur von Hand bewirtschaftet werden können. Das sind oft lange, schwere Tage – aber auch erfüllende.“


Fährst du selber auch Traktor?
„Ich muss gestehen, ich bin eher diejenige, die für die Handarbeit zuständig ist. Das überlasse ich lieber den Männern (lacht).“

Was machst du zum Ausgleich von der Bauernhofarbeit und der Arbeit bei „Österreich findet euch“?
„Ich gehe total viel raus. In jeder freien Minute bin ich draußen in der Natur. Als mehrfache Mama wird mir aber eh selten langweilig (lacht).“


Hast du dafür Lieblingsorte
in Vorarlberg?
„Ich mag eigentlich alle Plätze,
Hauptsache, es ist ruhig und still. So einen See wie hier wo wir gerade sitzen finde ich zum Beispiel perfekt und idyllisch. Da kann ich dann wirklich runterkommen und auch mal das Handy ausgeschaltet lassen. “


„Österreich findet euch im Internet“:

www.oesterreichfindeteuch.at
oesterreichfindeteuch@gmx.at

Sektion Vorarlberg:
heikelampert@oesterreichfindeteuch.at

Facebook: Österreich findet euch

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