„Mir war immer egal, was andere über mich denken“

Wolfgang Burtscher zieht die Blicke auf sich – und hat großen Spaß dabei. Fotos: Christian Söhnel für KEX Spitzenkultur, Karl Huber für Designerin Edith Kaufmann, Magdalena Türtscher für Die Koje, Margit Burtscher

Wolfgang Burtscher zieht die Blicke auf sich – und hat großen Spaß dabei. Fotos: Christian Söhnel für KEX Spitzenkultur, Karl Huber für Designerin Edith Kaufmann, Magdalena Türtscher für Die Koje, Margit Burtscher

Marketeer, Model, Darsteller, Kurator, Faschingsnarr und extravaganter Tausendsassa, der weiß, was ihm gefällt: Wolfgang Burtscher aus Bludenz im Sonntags-Talk.


WANN & WO:
Faschingssonntag: Welche Rolle spielt das närrische Treiben in deinem Leben?

Wolfgang Burtscher: Für 20 Jahre eine sehr große, inzwischen ziehen wir uns aber ein kleiwenig zurück. Für unsere Gruppe stand immer im Vordergrund, mit eigenen Kostümideen aus der Masse herauszustechen. Mein Frau Margit saß wochenlang hinter der Nähmaschine, später war dann auch meine Tochter, die in Wien lebt, mit von der Partie. Ich kann mich noch an eine Verkleidung als Papagei erinnern. Das Federkleid bestand aus über hundert Gummihandschuhen, die aufgenäht waren. Egal, womit wir aufgelaufen sind, wir sorgten allenorts für viel positives Echo. Der Fasching soll auf jeden Fall dem Mensch eine Möglichkeit geben, sprichwörtlich mal die „Sau“ rauszulassen – ein positiver Ausbruch aus der täglichen Routine, wenn das Ganze im Maß bleibt. Außerdem gibt es für Kinder doch fast nichts Schöneres? Wünschen würde ich mir mehr satirischen Bezug auf die aktuelle Politik – denn dort ist sowieso das ganze Jahr Fasching.

WANN & WO: Marketing-Fachmann, Schauspieler, Kurator, Model, Theater-Botschafter, Freund aller Künste – wie bringst du das alles unter deinen außergewöhnlichen Hut?

Wolfgang Burtscher: Bei dem, was ich anpacke, fühle ich mich ausgesprochen wohl. Sonst würde ich es nicht machen. Natürlich spielt der Zeitfaktor eine gewichtige Rolle, hier bedarf es viel Planung. Und wenn es mir zuviel wird, ziehe ich mich wieder in meinen Garten zurück.

WANN & WO: Wann hast du deine Liebe zum Modeln entdeckt?

Wolfgang Burtscher: Irgendwann hat man mich gefragt, ob ich es mir vorstellen könnte. Ich stehe aber nur für Produkte und Firmen vor der Kamera, mit denen ich mich identifizieren kann. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Shooting in Lech – mit dem Hubschrauber auf den Mehlsack, für eine Session im schottischen Kilt auf frisch verschneiten Gipfel.

WANN & WO: Du stehst aber auch gerne vor der Filmkamera?

Wolfgang Burtscher: Zuletzt durfte ich einen Bösewicht mimen, im Film „Golden Board“ von Niko Mylonas. Das Ganze hat sich ebenfalls mehr zufällig entwickelt, auch aus meiner Tätigkeit als Model. Filmemacher sind angewiesen auf extrovertierte Menschen, die in irgendeiner Form auffallen. Vielleicht bin ich deswegen für manch einen Regisseur interessant. Das Lernen von Textpassagen zählt aber nicht zu meinen großen Stärken (schmunzelt).

WANN & WO: Kunst spielt für dich eine wichtige Rolle. Welche Aufgabe hat sie deiner Meinung nach?

Wolfgang Burtscher: Einerseits zählt sie zu meinen größten Interessen, ich mag Menschen, die sich kreativ verwirklichen, egal in welcher Form. Durch meinen Beruf lerne ich viele Menschen kennen und konnte z.B. mit Wolfgang Flatz ein einzigartiges Buch realisieren. Andererseits mag ich Kunst, die aufrüttelt und einen Spiegel vorhält. Provokation und Anregung zur Diskussion sind wichtige Aufgaben von ihr.

WANN & WO: Wie beurteilst du die heutige Diskussionskultur?

Wolfgang Burtscher: Die Menschen müssen wieder lernen, einander zuzuhören. Und auch eine andere Meinung als die eigene zu respektieren. Aussage ist ebenfalls ein elementares Thema, gerade Politiker werfen oft mit standardisierten Floskeln um sich und gehen teilweise nicht einmal mehr auf die Fragen ein, die man ihnen stellt. Social Media hat das Ganze noch einmal mehr befeuert. Zumindest werden hetzerische Postings und Kommentare inzwischen verstärkt strafrechtlich verfolgt. Hier sehe ich großes Gefahrenpotenzial, auch in Bezug auf Halbwahrheiten, die auf diesen Kanälen verbreitet werden.

WANN & WO: Du bist ein echtes Bludenzer Urgestein. Was bedeutet die Alpenstadt für dich?

Wolfgang Burtscher: Ich fühle mich hier einfach wohl und habe mein ganzes Leben hier verbracht. Auf meinen Reisen, besonders in den europäischen Städten, bekommt man natürlich viel Input – damit kann eine kleine Stadt wie Bludenz selbstverständlich nicht mithalten. Betrachtet man aber die letzten Jahre hat sich viel getan, gerade das kulturelle Angebot vergrößert sich kontinuierlich.

WANN & WO: Was fehlt der Stadt?

Wolfgang Burtscher: Das ist ein altes Thema – der Innenstadt würde es sicher gut tun, wenn sich wieder vermehrt Geschäfte und Lokale ansiedeln würden. Aber auch hier hat sich bereits viel getan, wenn man z.B. an das Tschofen oder die Mühlgasse denkt.

WANN & WO: Du bist ein Mensch, der sich gerne auffällig kleidet und aus der Masse sticht. Welche Reaktionen erntest du aufgrund deines Auftritts?

Wolfgang Burtscher: Größtenteils sehr positive. Auffallend ist, dass man in größeren Städten wie Paris oder Mailand öfter auf seinen Stil angeredet wird. Das passiert in Vorarlberg seltener, hier wird vielleicht noch mehr hinter vorgehaltener Hand geredet. Es gibt auch Menschen, die mich schräg ansehen oder schwach anmachen. Hier stehe ich aber drüber. Mir war immer egal, was andere über mich denken.

WANN & WO: Wann hast du dich dazu entschieden, bewusst aus der Reihe zu tanzen?

Wolfgang Burtscher: Ich war immer schon ein Mensch, der schwer in eine Schublade passt. Und meine Outfits sind definitiv ein Teil davon. Mit der Zeit habe ich mich dann immer mehr mit Mode auseinandergesetzt und auch Sachen anfertigen lassen. Meine Frau ist weniger glücklich damit, aber eigentlich nur aus dem Grund, weil meine Modekollektion alle Dimensionen unserer Schränke sprengt. Ich besitze allein rund 60 Hüte, Melonen und Zylinder – Tendenz steigend. Ich bin einfach kein Freund der Konformität, ich liebe die Individualität. Jeder soll so, wie er will. Seit ich 16 Jahre alt war trage ich das Rebellentum in mir. Und das hat sich bis heute nicht geändert – ganz im Gegenteil (schmunzelt).

WANN & WO: Welche Rolle spielt deine Frau Margit in deinem Leben?

Wolfgang Burtscher: Wir haben uns am Arbeitsplatz kennengelernt und waren früher schon viel gemeinsam unterwegs. 31 Ehejahre sprechen für sich, denke ich.

WANN & WO: Was ist euer Rezept für eine funktionierende Ehe?

Wolfgang Burtscher: Wir teilen viele Interessen und leben diese auch gemeinsam aus. Vertrauen ist ein Grundpfeiler. Man muss sich einfach alles erzählen können und das auch wollen. Man macht sich meistens über Dinge sorgen, die man nicht kennt. Den Rest muss man einfach auf sich zukommen lassen.

<p class="caption">Wolfgang Burtscher und seine Familie sind bekannt für aufwändige Kostümierung.</p>

Wolfgang Burtscher und seine Familie sind bekannt für aufwändige Kostümierung.

„Ich bin einfach kein Freund der Konformität, ich liebe die Individualität. Jeder soll so, wie er will. Seit ich 16 Jahre alt war trage ich das Rebellentum in mir. Und das hat sich bis heute nicht geändert – ganz im Gegenteil (schmunzelt).“

Wolfgang Burtscher ist kein Fan vom Einheitsbrei, hier auf dem Bild gemeinsam mit FLATZ und Andrea Fink

„Ich mag Kunst, die aufrüttelt und einen Spiegel vorhält. Provokation und Anregung zur Diskussion sind wichtige Aufgaben von ihr.“

Wolfgang Burtscher über die Rolle von Kunst.

Kurz gefragt ...

Zur Person: Wolfgang Burtscher

Wohnort, Alter: Bludenz, 57
Familienstand: Verheiratet mit Margit, Kinder Simon und Sina
Beruf, Tätigkeiten: Marketing und Kommunikation, Model, Darsteller, Kurator Unikat B, Botschafter Musiktheater Vorarlberg
Hobbys: Fasching, Mode (besonders Hüte), Ausstellungen, Garten

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