„Im Super-G bin ich schon mit Papa gleichgezogen“

In der heurigen Saison ging der Stern von Nina Ortlieb so richtig auf und die smarte Lecherin raste zu ihrem ersten Weltcup-Sieg. Fotos: Breuß/Sams

In der heurigen Saison ging der Stern von Nina Ortlieb so richtig auf und die smarte Lecherin raste zu ihrem ersten Weltcup-Sieg. Fotos: Breuß/Sams

WANN & WO traf die sympathische Weltcup-Siegerin Nina Ortlieb zum Sonntags-Talk im winterlichen Oberlech und sprach mit ihr über Erfolg, Verletzungspech und ihr Vorbild Bode Miller.


WANN & WO: Vorzeitiges Saisonende: Wie sieht dein erstes Fazit aus?

Nina Ortlieb: Natürlich war die Enttäuschung groß, gerade weil ich mich in guter Form befinde. Ich bin zufrieden mit der Entwicklung und meiner Leistung. Jetzt gilt es, die Zeit zu nützen und den Grundstein für die nächste Saison zu legen, z.B. in Form von Tests mit dem neuen Material. Die Ski sollen härter werden, was meinem Stil entgegen kommen könnte.

WANN & WO: Wie beurteilst du die Situation rund um Covid-19?

Nina Ortlieb: Als Athleten befinden wir uns ständig in Absprache mit Ärzten. Natürlich ist es schade um den Sport, gerade für die Fans. Die Gesundheit der Menschen geht natürlich vor, das gilt es ohne Wenn und Aber zu akzeptieren. Die Konsequenzen für die Wirtschaft und den Sport, gerade in Hinblick auf den Tourismus sind noch nicht absehbar. Die Entscheidung, die Skigebiete zu schließen, ist aber im Sinne des Schutzes für die Bevölkerung sicher richtig. Auch wenn es den Touristikern weh tut. Und es ist ein ziemlicher Schock, wenn man von heute auf morgen das Hotel zusperren muss.

WANN & WO: Zurück zum Sport: Wieso warst du heuer so erfolgreich?

Nina Ortlieb: Ich habe mich schon während der Vorbereitung gut gefühlt und konnte dies in die Saison mitnehmen. Vielleicht habe ich bei manchen Rennen noch zuviel gewollt, was dann in Eigenfehlern gemündet ist. In Crans-Montana wusste ich, dass mir die Strecke liegt. Und die paar Hunderstel, die mir dort auf den Sieg gefehlt haben, waren dann beim Sieg in La Thuille auf meiner Seite. Mental konnte ich viel mitnehmen.

WANN & WO: Die Liste deiner Verletzungen ist eine endlose (Patellasehnenriss, Kreuzband-, Innenband- und Meniskus-Riss, Oberarm-Trümmerbruch, Schambeinbruch, Beckenbruch, zwei Sprunggelenks-Verletzungen, drei Brüche des Mittelhandknochens, Schulterluxation, Rippenfraktur sowie einige Brüche der Nase). Wie gehst du mit der Angst vor weiteren um?

Nina Ortlieb: Verletzungen dieses Grades lassen sich nicht völlig ausblenden. Schon allein wegen der Schmerzen, die man nicht vergessen kann. Aber man kann viel daraus lernen, auch das Körpergefühl verändert sich. Es benötigt einfach Zeit, wieder das Vertrauen in seinen Körper zu finden. Gerade wenn man sich wie wir in den Speed-Disziplinen am Limit bewegt – auch physikalisch. Ein spezielles Rezept der Angstbewältigung gibt es nicht. Man muss sich einfach wieder Schritt für Schritt herantasten.

WANN & WO: Wie beurteilst du den verbandsinternen „Knock-out“? Im ÖSV tragen viele Athletinnen bereits früh in ihrer Karriere schlimme Verletzung davon. Umso mehr vorbelastet agieren sie dann im Weltcup. Muss sich hier etwas verändern?

Nina Ortlieb: Natürlich ist durch den Konkurrenzkampf eine gewisse Vorleistung notwendig, damit man überhaupt im Weltcup starten darf. Verletzungsrisiko ist immer gegeben. Es wäre auch verantwortungslos, wenn man unerfahrene Athleten im Hochleistungssegment starten lassen würde. Man muss den Wettkampf sowieso annehmen. Ich sehe nicht den Verband in der Pflicht, im Gegenteil, unseren Athleten wird wahrscheinlich das beste Umfeld weltweit geboten. Verletzungen sind immer individuell.

WANN & WO: Wo liegen deine skifahrerischen Stärken, woran musst du noch arbeiten?

Nina Ortlieb: Ich glaube, dass ich ein gutes Gefühl für den Ski entwickelt habe, gerade für die langen Bretter. Eine meiner Stärken liegt auch darin, dass ich Geschwindigkeit aus Steilstücken gut in flache Passagen mitnehmen kann. Mein größtes Manko ist der Start, hier arbeite ich gerade an verschiedenen Techniken, in Anlehnung an den Skate-Stil aus dem Langlaufsport.

WANN & WO: Wie kommen die Vorarlberger Ladys rund um dich, Christine Scheyer, Ariane Rädler und Katharina Liensberger untereinander aus? Mit Magdalena Egger steht ja ebenfalls eine Oberlecher­in gerade kurz vor dem Sprung in den Weltcup?

Nina Ortlieb: Magdalena ist ja quasi meine Nachbarin, sie ist ein paar hundert Meter entfernt von unserem Elternhaus aufgewachsen. Wahnsinn, wie sie heuer aufgezeigt hat, für sie wird es jetzt wichtig, im Europacup konstante Leistungen zu zeigen. Generell kommen wir im Team gut miteinander aus, man kennt einander schon seit Jahren – mit Ariane war ich schon in der Skihauptschule in der gleichen Trainingsgruppe. Bei den österreichischen Meisterschaften, insofern diese dann stattfinden, sieht man sich dann wieder in etwas entspannterer Atmosphäre.

WANN & WO: Wie hast du die Situation rund um den Ausrüsterstreit von Team-Kollegin Katharina Liensberger wahrgenommen?

Nina Ortlieb: Es war sicher nicht einfach für sie, ich muss sagen, dass ich das Meiste auch nur über die Medien mitgekriegt habe. Sie ist sicherlich froh, das Ganze nun hinter sich gebracht zu haben. Ihre Saison hat gezeigt, dass großes Potenzial in ihr steckt. Es wäre schade gewesen, wenn man hier keine Einigung gefunden hätte. Es gibt aber einfach Richtlinien, an die man sich halten muss. Gleiche Regeln für alle, gerade in Bezug auf die Skifirmen, die auch in Sachen Nachwuchsarbeit viel investieren.

WANN & WO: Wie geht es dir als Frau im ÖSV. Wie hast du die Debatte um die Missbrauchsvorfürfe miterlebt?

Nina Ortlieb: Wir werden genau gleich wie die Männer behandelt, haben auch im Trainerstab viele Frauen. Ich hatte auch noch nie irgendwelche Probleme und vertraue unseren Betreuern voll und ganz. Das Thema war natürlich präsent, wir wurden auch von der Kommission dazu befragt. Ich verstehe einfach nicht, dass man nicht viel früher reagiert hat, bzw. damals schon eingegriffen hat.

WANN & WO: Wie sieht dein Saisonfinale aus?

Nina Ortlieb: Nach der Saison ist vor der Saison, natürlich geht es jetzt schon in die Vorbereitung. Und die Tiefschneehänge am Arlberg bieten ebenfalls beste Trainingsbedingungen (schmunzelt).

<p class="caption">WANN & WO zu Gast bei Nina Ortlieb im elterlichen Hotel Montana in Oberlech.</p>

WANN & WO zu Gast bei Nina Ortlieb im elterlichen Hotel Montana in Oberlech.

„Die Entscheidung, die Skigebiete zu schließen, ist aber im Sinne des Schutzes für die Bevölkerung sicher richtig. Auch wenn es den Touristikern weh tut. Und es ist ein ziemlicher Schock, wenn man von heute auf morgen das Hotel zusperren muss.“

Nina Ortlieb über die Conrona-Maßnahmen im Wintertourismus.

Kurz gefragt ...



Was sind deine ersten Erinnerungen an den Skilauf? Laut meinen Eltern stand ich mit zweieinhalb Jahren auf den Skiern. Bei mir war schnell klar, dass ich sehr ehrgeizig an die Sache gehe. Snowboarden habe ich auch mal kurz probiert, das war aber weniger meins.

Welches Verhältnis pflegst du zu deinem Vater? Wirst du oft mit ihm verglichen? Wir verstehen uns bestens, auch beim Sport hat er mir viel mitgegeben. Mit Vergleichen bin ich aufgewachsen, inzwischen habe ich mir aber selbst auch einen Namen machen können. Und im Super-G bin ich schon mit ihm gleichgezogen (schmunzelt). Und inzwischen bin ich garantiert schneller.


Wie steht es bei dir um die Männerwelt? Momentan bin ich single. Das Privatleben bleibt neben dem Sport und Studium etwas auf der Strecke. Da genieße ich eher meine Ruhe (schmunzelt).


Wolltest du immer schon Profi-Sporlerin werden? Seit ich elf Jahre alt war stand dieses Ziel bei mir klar an erster Stelle. Durch das Studium baue ich aber auch auf eine Zukunft nach der aktiven Karriere. Vielleicht auch daheim im Hotel, das wird sich zeigen.


Wie gehst du mit dem medialen Hype um deine Person um? Ich sehe es eher als Anerkennung und Wertschätzung für die gezeigten Leistungen. Aber es ist definitiv eine Umstellung.


Nobelskiort Lech – wie arrogant sind die Lecher? Lech hat sicher ein exklusives Angebot und deswegen eine derartige Preislage. Ich sehe das Image eher positiv.

Wie kann das Skilaufen wieder zum Volkssport werden? Der Skitourismus steht vielen Herausforderungen wie Preis, Klimaerwärmung oder der Konkurrenz zu Billigflugreisen gegenüber. Die Verbände versuchen aber, attraktive Angebote für Schulen und Jugendliche zu schaffen. Hier gilt es anzusetzen.

Stichwort Olympia? Bei einem Großereignis gehören natürlich viele Tagesfaktoren dazu, um erfolgreich zu sein. Alle vier Jahre hat man die Chance auf eine Medaille. Olympia-Gold bleibt natürlich das große Ziel. Der Weg dahin führt aber nur über den Fokus auf den Skilauf.


Wieso ist Bode Miller ein großes Vorbild von dir? Schwierig zu beantworten. Ich verknüpfe mit ihm viel Emotion. Und ich mag sein Gefühl für die Linie und seine Coolness, die er an den Tag gelegt hat.

Wann & Wo | template