„Es muss das klare Ziel sein, einen zweiten Lockdown zu verhindern“

Oberärztin Dr. Gabriele Hartmann im WANN & WO-Sonntags-Talk.  Foto: Karin Nussbaumer

Oberärztin Dr. Gabriele Hartmann im WANN & WO-Sonntags-Talk.  Foto: Karin Nussbaumer

Dr. Gabriele Hartmann, Leiterin des Instituts für Krankenhaushygiene und Infektionsvorsorge, über Covid-19 im Ländle, Ischgl und die Gefahr einer zweiten Welle.

WANN & WO: Sehr geehrte Frau Dr. Hartmann: Im Jänner teilten Sie im Gespräch mit WANN & WO mit, dass Sie in Vorarlberg höchstens mit Einzelfällen rechnen. Waren Sie überrascht von den tatsächlichen Fallzahlen im Ländle?

Dr. Gabriele Hartmann: Nein, es ist eigentlich das eingetreten, was ich mir erwartet habe: Ein Beginn mit Einzelfällen, dann eine Ausbreitungsphase mit deutlichem Anstieg der Fälle. Gott sei Dank gab es keine riesige Welle an Erkrankten, sodass die Betroffenen immer gut zu betreuen waren.

WANN & WO: Wurde das Virus auch in Vorarlberger Labors unter die Lupe genommen?

Dr. Gabriele Hartmann: Die Patienten wurden – und werden es noch – mittels sogenannter PCR-Tests getestet. Dabei handelt es sich um molekularbiologische Tests. Ein „unter die Lupe nehmen“ im Sinne von ausführlicher Sequenzierung des Erbgutes wird allerdings nur am Institut für Virologie in Wien gemacht.

WANN & WO: Das Virus begleitet uns nun schon eine ganze Weile. Welche Fakten konnte man in der Zeit in Erfahrung bringen, was haben Sie bislang gelernt?

Dr. Gabriele Hartmann: Wir wissen, dass das Coronavirus über Tröpfchen verbreitet wird. Besonders häufig waren Veranstaltungen mit vielen Menschen und gleichzeitig verhältnismäßig engen Räumlichkeiten für die meisten Übertragungen verantwortlich. Das doch Ungewöhnliche an diesen Coronaviren ist, dass auch bei Menschen mit wenigen oder noch gar keinen Anzeichen einer Infektion doch viele Viren mit den Atemwegssekreten ausgeschieden werden und das bis zu zwei Tage vor Beginn der Erkrankung. Das wiederum bedeutet ein deutlich erhöhtes Infektionss­risiko, weil sich der Überträger gar nicht krank fühlt und weiterhin zur Arbeit geht, oder an Veranstaltungen teilnimmt.

WANN & WO: Eine aktuelle Untersuchung zeigt, dass 42,4 Prozent der Menschen in Ischgl Anti-Körper aufweisen. 85 Prozent der Infizierten haben die Erkrankung offenbar gar nicht bemerkt. Was folgern Sie daraus?

Dr. Gabriele Hartmann: Am Beispiel Ischgl sieht man sehr gut, wie rasch sich das Virus ohne Eindämmungsmaßnahmen in einer nicht immunen Bevölkerung ausbreiten kann. Dass 85 Prozent der Erkrankungen leicht verlaufen, wusste man bereits. Ich nehme nicht an, dass die „unbemerkten“ Infektionen ganz symptomlos waren, wahrscheinlich zeigten viele nur leichte Erkältungssymptome. Auch die Situation mit großen Menschenansammlungen in engen Räumlichkeiten hat hier zur raschen Verbreitung des Virus beigetragen.

WANN & WO: Waren Sie an den Landeskrankenhäusern auf das Virus so gut vorbereitet, wie Sie es erhofft hatten, oder musste auch nachgebessert werden?

Dr. Gabriele Hartmann: Ich bin schon der Meinung, dass wir auf die Situation gut vorbereitet waren. Es hat allerdings leider schon sehr früh – noch vor Beginn der Infektionswelle – Engpässe bei der Schutzausrüstung gegeben. Wir haben es aber trotzdem geschafft, dass unsere Fachkräfte immer die notwendige Ausrüstung zur Verfügung hatten. Auf Pflegeheime sollte allerdings zukünftig eine verstärkte Aufmerksamkeit gerichtet werden – hier befinden sich doch die am stärksten gefährdeten Menschen.

WANN & WO: Auch wenn immer mehr Normalität in den Alltag zurückkehrt, befinden wir uns doch noch inmitten der Pandemie. Wie sehen Sie die aktuellen Maßnahmen-Lockerungen und Grenzöffnungen?

Dr. Gabriele Hartmann: Bei den derzeitigen Infektionszahlen in Vorarlberg – aber auch österreichweit – kann ich die Lockerungen nur befürworten. Auch die Grenz­öffnungen sind für mich derzeit kein Problem. Man sieht allerdings, dass die Lage instabil ist: Es gibt immer wieder lokale Ausbruchsgeschehen mit größeren Zahlen von Erkrankten. Diese werden derzeit aber noch ganz gut mit regionalen Maßnahmen eingedämmt.

WANN & WO: Wie sehen Sie das Risiko einer zweiten Welle? Und welche Rolle spielen dabei Ereignisse wie der aktuelle Ausbruch bei der deutschen Firma Tönnies mit über 1500 Infizierten?

Dr. Gabriele Hartmann: Hier kann ich nur auf meine vorherige Antwort verweisen: Eine zweite Welle bedeutet für mich ein großes Aufkommen von sehr vielen Erkrankten. Dass das Virus weiterhin in der Bevölkerung grassiert, sehen wir! Es hängt alles davon ab, wie gut wir kleinere Infektionsausbrüche erkennen und in den Griff bekommen. Ein Ausbruch wie bei der Firma Tönnies in Deutschland ist sicher schwierig zu beherrschen und hat stets das Potenzial, Ausgangspunkt für eine breitere Infektionswelle zu werden.

WANN & WO: Sollte sich eine zweite Welle abzeichnen: Welche Maßnahmen sollten aus den bisherigen Erfahrungen Ihrer Ansicht nach als erstes gesetzt werden?

Dr. Gabriele Hartmann: Es ist wichtig, dieselben Maßnahmen zu treffen, die bisher umgesetzt wurden – Testen bei Verdachtsfällen, Untersuchung und Nachverfolgung der Kontaktpersonen und Isolierung der Erkrankten und derer Kontakte. Aber grundsätzlich muss es das klare Ziel sein, einen zweiten österreichweiten Lockdown zu verhindern.

<p class="caption">Die Vorarlberger Krankenhäuser setzen auf strenge Hygiene-Richtlinien, um eine weitere Ausbreitung von Sars-CoV-2 zu ­verhindern.  Foto: KHBG</p>

Die Vorarlberger Krankenhäuser setzen auf strenge Hygiene-Richtlinien, um eine weitere Ausbreitung von Sars-CoV-2 zu ­verhindern.  Foto: KHBG

„Ein Ausbruch wie bei der Firma Tönnies in Deutschland ist sicher schwierig zu beherrschen und hat stets das Potenzial, Ausgangspunkt für eine breitere Infektionswelle zu werden.“

Dr. Gabriele Hartmann über den Covid-19-Großausbruch im deutschen ­Fleischbetrieb Tönnies mit aktuell über 1500 ­Infizierten