„Die Dynamik hat auch mich überrascht!“

List hofft weiterhin, durch das Senken der Zahlen eine Triage zu verhindern. „Ein Wechsel in die Katastrophenmedizin ist das schlimmste Szenario.“  Fotos: Bernd Hofmeister/handout LKH Feldkirch

List hofft weiterhin, durch das Senken der Zahlen eine Triage zu verhindern. „Ein Wechsel in die Katastrophenmedizin ist das schlimmste Szenario.“ Fotos: Bernd Hofmeister/handout LKH Feldkirch

Dr. Wolfgang List, Leiter der Intensivstation des LKH Feldkirch, über Massentests im Ländle, Corona-Skeptiker und die Situation für das medizinische Personal.

WANN & WO: In Vorarlberg ist das Massentest-Wochenende angebrochen. Was erwarten Sie sich davon?

Wolfgang List: Die Idee, möglichst flächendeckend und rasch Erkrankte zu erkennen, kann ich unterstützen. Ob die Antigen-Tests dafür das geeignete Werkzeug sind, kann ich nicht ausreichend beurteilen. Wir wissen aus unserem Alltag, dass die Tests sehr gut dazu geeignet sind, symptomatische Patienten schnell als Covid-positiv zu erkennen. Wie gut und zuverlässig dies bei symptomlosen Patienten funktioniert, bleibt abzuwarten.

WANN & WO: Als Alternative wird derzeit fleißig an möglichen Impfungen geforscht. Würden Sie diese selbst in Anspruch nehmen?

Wolfgang List: Eine funktionierende Impfung ist die einzige Möglichkeit, rasch aus dieser Pandemie herauszukommen. Ich kenne auch nur die in der Presse veröffentlichen Daten. Diese klingen sehr vielversprechend, was den Impfschutz betrifft. Ich persönlich stehe einer Impfung, sobald sie zugelassen ist, sehr offen gegenüber und würde mich auch frühestmöglich selbst impfen lassen.

WANN & WO: Als Leiter der
Intensivstation am LKH Feldkirch erleben Sie die derzeitige Situation an vorderster Front. Wie viel haben Sie in letzter Zeit geschlafen?

Wolfgang List: Ich würde sagen, ausreichend. Durch regelmäßige Nachtdienste sind wir Mediziner ein Stück weit an Phasen mit weniger Schlaf gewöhnt. Es waren sehr intensive Wochen und die spezielle Situation macht es einfach nötig, dass man auch außerhalb der Dienstzeiten erreichbar ist.

WANN & WO: Viele Menschen versuchen aus Angst vor einer Ansteckung Arzt-Praxen zu meiden. Befürchten Sie negative Folgen in Bezug auf anderer Krankheiten?

Wolfgang List: Es gab bereits im Frühjahr Hinweise, dass Patienten manchmal aus Furcht vor einer Ansteckung bei Beschwerden zu lange gewartet haben, bis sie medizinische Hilfe in Anspruch genommen haben. Man kann nur dringend raten, Beschwerden nicht zu bagatellisieren und rechtzeitig den Hausarzt beziehungsweise bei bedrohlichen Symptomen (Herzinfarkt oder Schlaganfall) den Rettungsdienst zu alarmieren.

WANN & WO: Wie würden Sie die gegenwärtige Stimmung des medizinischen Personals beschreiben?

Wolfgang List: Ich habe dieses Jahr trotz aller Belastung als sehr konstruktiv erlebt. Schon im Frühjahr konnte innerhalb kürzester Zeit viel auf die Beine gestellt werden: oftmals unbürokratisch und mit Unterstützung vieler Mitarbeiter. Unter den Intensivstationen des Landes haben wir ein sehr enges Netzwerk aufgebaut – neben fast täglichen Telefonaten halten wir außerdem einmal wöchentlich eine Video-konferenz ab. Das ist wichtig, um unsere Erfahrungen auszutauschen und manchmal tut es auch nur gut, zu hören, dass wir alle mit den gleichen Problemen kämpfen. Intensivmedizin bei Covid-19-Patienten ist oftmals frustrierend. Die Verläufe sind langwierig und eine große Anzahl der Patienten, die beatmet werden muss, verstirbt schlussendlich. Das ist für Ärzte und Pfleger die größte Belastung.

WANN & WO: Wie verkraftet man als Mediziner diese Eindrücke?

Wolfgang List: Die Konfrontation mit dem Tod gehört leider zu der Intensivmedizin dazu. Man lernt ein Stück weit damit umzugehen. Trotzdem machen uns manche Schicksalsschläge, mit denen wir konfrontiert werden, besonders betroffen und sprachlos. Manches davon nimmt man auch nach Dienstschluss mit nach Hause. Insbesondere, wenn es sich um jüngere Patienten handelt. Auch bei der Covid-Erkrankung sehen wir mittlerweile ein paar jüngere Erkrankte ohne Vorerkrankungen, die dennoch sehr schwere Verläufe durchleiden. Das stimmt schon nachdenklich und zeigt, dass sich niemand völlig sicher fühlen kann.

WANN & WO: Die zweite Welle hat Österreich fest im Griff. Hätten Sie mit diesem Ausmaß gerechnet?

Wolfgang List: Diese zweite Welle hat ganz Europa heftig getroffen, die Dynamik hat aber auch mich überrascht. Ich hatte lange die Hoffnung, dass die Zahlen durch Appelle an die Eigenverantwortung eingedämmt werden können und wir so einem Lockdown entgehen könnten. Leider hat dies nicht funktioniert, sodass der harte Lockdown dann zur Notbremse wurde. Wenn man im Sommer in Deutschland oder Italien unterwegs war, dann war das Covid-19-Thema dort im öffentlichen Leben deutlich mehr spürbar. In Österreich hatten wir wieder auf „Normalbetrieb“ umgestellt – ohne Masken und Abstände. Diese Freiheit erneut aufzugeben, fiel dann wahrscheinlich schwierig.

WANN & WO: Woran scheitert die Eigenverantwortung noch?

Wolfgang List: Covid-19 hat für einen Großteil der Bevölkerung den Schrecken verloren, weil mittlerweile jeder von uns nun eine ganze Reihe von Menschen kennt, die das Virus (zum Glück) ohne größere Probleme überstanden haben. Das hat wahrscheinlich auch dazu beigetragen, dass eine Rücknahme der sozialen Kontakte nur auf wenig Akzeptanz gestoßen ist.

WANN & WO: Was würden Sie den Skeptikern gerne mitteilen?

Wolfgang List: Diese Pandemie hat die Gesundheitssysteme weltweit an die Grenzen der Belastbarkeit und darüber hinaus gebracht. Aktuell arbeiten sehr viele Mitarbeiter in den Krankenhäusern unter großer physischer und psychischer Belastung und an Arbeitsplätzen, die nicht für die Behandlung von Intensivpatienten vorhergesehen sind. Es mussten zusätzliche Beatmungsplätze geschaffen werden, weil die normalen Kapazitäten nicht ausreichen. Wenn dann Menschen auf die Straße gehen, weil sie sich durch das Masken-Tragen in ihren persönlichen Rechten beschnitten fühlen, dann kann ich nur fassungslos den Kopf schütteln. Ich habe das Gefühl, dass es diesen Mitbürgern zu gut geht und ihnen leider ein Verantwortungsgefühl gegenüber der Gesellschaft und insbesondere der älteren Generation fehlt.

WANN & WO: Befürchten Sie den Ausbruch einer dritten Welle?

Wolfgang List: Wir stecken noch mitten in der zweiten Welle, die wir in den Griff bekommen müssen. Aber die Aussichten auf das Weihnachtsfest mit dem verständlichen Bedürfnis, Familie und Freunde zu sehen, lässt schon befürchten, dass es im Jänner zu einer neuerlichen Eskalation kommt. Ich hoffe, dass die Bevölkerung trotz Rücknahme der Lockdown-Beschränkungen mit Eigenverantwortung in die Feiertage geht und sich bewusst ist, dass gerade die ältere Generation geschützt werden muss.

„Manches davon nimmt man auch nach Dienstschluss mit nach Hause. Auch bei der Covid-19-Erkrankung sehen wir mittlerweile ein paar jüngere Erkrankte ohne Vorerkrankungen, die dennoch sehr schwere Verläufe durchleiden. Das stimmt schon nachdenklich und zeigt, dass sich niemand völlig sicher fühlen kann.“

Dr. Wolfgang List, bereichsleitender Oberarzt der Intensivstation am LKH Feldkirch

WORDRAP

Zur Person: Dr. Wolfgang List

Geburtsdatum, Wohnort: 27. Juni 1971, wohnhaft in Feldkirch
Familienstand: Lebensgefährtin, zwei Söhne (11 und 14 Jahre alt)
Studium: Medizin-Studium an der Universität des Saarlandes
Facharztausbildung: Anästhesie und Intensivmedizin in Wangen im Allgäu (2001)
Beruf: Bereichsleitender Oberarzt der Intensivstation am LKH Feldkirch

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