„Sagt man heute zu einem ,Trüller‘, meldet sich gleich der Anwalt“­­

Veränderungen in der Vorarlberger Landwirtschaft sind möglich, ist Bauer Reinhard Bär im Interview mit WANN & WO überzeugt. Man müsse nur wollen. Fotos: Sams

Veränderungen in der Vorarlberger Landwirtschaft sind möglich, ist Bauer Reinhard Bär im Interview mit WANN & WO überzeugt. Man müsse nur wollen. Fotos: Sams

Landwirtschafts­pionier Reinhard Bär aus Andelsbuch im WANN & WO-Talk über freie ­Meinung, artgerechte Tierhaltung und ein krankes System.

WANN & WO: Sie gelten als jemand, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt und seine Meinung klar vertritt. So macht man sich aber nicht nur Freunde?

Reinhard Bär: Wir leben in einem Land, in dem Meinungsfreiheit gilt – und es soll auch jeder sagen dürfen, was er denkt. Das lebe ich auch so und dazu stehe ich. Das ist heute aber offenbar für viele ein Problem, die Meinung anderer wird oft nicht mehr akzeptiert. Sagt man heute einem ins Gesicht: „Du bist ein ,Trüller‘“, bekommt man gleich einen Brief vom Anwalt. Ich bin aber einfach jemand, der gerade heraus ist. Das ist vielleicht nicht immer optimal, aber ich versuche, das durchzuziehen – und auch durchzuhalten. Und mich auch selbst dran zu halten, was ich anderen sage. Jeder Mensch hat natürlich seine Fehler, das ist ganz klar und darüber muss man auch nicht diskutieren.

WANN & WO: Sie haben also ein dickes Fell, wenn es Kritik an Ihrer Person gibt?

Reinhard Bär: In der Regel schon. Ich habe mich ja an „Xi“ beteiligt, bin auch 2019 für die Partei angetreten. Aber es ist immer schwierig, eine neue Partei ins Leben zu rufen. Über Kleinparteien wird auch weniger berichtet, als über die Altbekannten. Ich habe im Dezember vergangenen Jahres auch ein kleines Video gedreht, einfach, um die Leute ein bisschen auf dem Laufenden zu halten. Denn durch das Coronathema sind viele andere Dinge einfach in den Hintergrund gerückt, die trotz allem genauso wichtig sind. Umweltschutz etwa – eine Sache, auf die momentan doch stark vergessen wird. Tiertransporte, darüber redet ja auch kein Mensch mehr. Viele Menschen haben sehr positiv darauf reagiert, andere wiederum haben mich daraufhin attackiert.

WANN & WO: Sie setzen sich seit Jahren aktiv dafür ein, Veränderungen in der Vorarlberger Landwirtschaft herbeizuführen. Alleine dürfte das aber eher schwierig werden?

Reinhard Bär: Alleine geht das nicht. Wir müssen endlich anfangen, alle an einem Strang zu ziehen. Und ich bin der Überzeugung, dass Corona hier eine große Chance darstellen würde, um in eine neue Richtung zu gehen. Aber das muss jeder einzelne mit sich selbst ausmachen. Einmal darüber nachdenken, wie es weitergehen soll, die Dinge anzupacken und einen anderen Weg einzuschlagen. Dazu braucht es natürlich auch die Politik. Sie muss ebenfalls offen sein für Neues.

WANN & WO: Sehen Sie hier bereits Ansätze?

Reinhard Bär: Leider nein. Weil Corona aktuell an vorderster Stelle steht und alles bestimmt. Im vergangenen Frühjahr habe ich ein Interview gegeben, da hat mich die junge Dame gefragt, wie es mir in Zeiten von Corona geht. Ja mir persönlich geht es gut. Aber das ganze Drumherum ist das Problem. Ein Beispiel: Im vergangenen Frühjahr hatten wir ein Problem mit der Milchvermarktung, da hat die Sennerei gesagt, sie müssen mit dem Preis zurückfahren. Das wurde dann auch getan – was alles andere als sinnvoll war. Ich hätte den Bauern einfach gesagt: Produziert weniger. Topaktuell ist derzeit auch wieder einmal das Kälberthema: Es gibt keinen Fremdenverkehr, die ganze Gastronomie ist zu und jetzt werden die Kälber einfach eingefroren. Die Kühlkammern sind gesteckt voll. Und wenn dieser Lockdown noch länger dauern sollte, bekommen wir im kommenden Frühjahr damit weitere massive Probleme. Interessant ist dabei ja, dass gute, qualitative Milch gesucht wird: Und hier sehe ich die Chance der Vermarktung eines exklusiven Produkts, Milch von Kühen mit Hörnern, reine Heumilch ohne Kraftfutter … aber das ist alles ganz schwierig.

WANN & WO: Angelehnt an den Begriff „Wutbürger“ – sind Sie ein „Wutbauer“?

Reinhard Bär: Nein, ich bin kein Wutbauer. Ich bin Idealist, der versucht, es „g’hörig“ und gut zu machen. Und ich zeige halt manchmal auch Fehler auf, die andere machen. Und eines ist Fakt: Die Bauern, die sich von mir angesprochen fühlen, fühlen sich in ihrer Haut wohl nicht ganz wohl. Ich habe auch immer wieder dazu aufgerufen, dass man sich jederzeit gerne bei mir melden kann. Diesem Aufruf sind bislang zwei, drei Landwirte nachgekommen. Und die anderen sprechen halt hinterrücks über mich, sagen, was ich für ein „Volldepp“ sei, ich würde die ganzen Bauern schädigen und in Verruf bringen. Aber nochmal – es kommen nur die Wenigsten direkt auf mich zu. Ich möchte auch ganz klar sagen: Vieles läuft sehr gut. Aber es läuft einfach auch sauviel verkehrt. Drum nochmal: Ich sehe die aktuelle Lage, in der wir uns befinden, als Chance, etwas Neues auf die Beine zu stellen. Aber es ist keine Politik dazu bereit, es ist kein Bauer dazu bereit.

WANN & WO: Wie sehen Sie das Thema artgerechte Tierhaltung?

Reinhard Bär: Ich hatte unlängst Tierschützer aus Bregenz hier, sie haben hier eine Exkursion gemacht. Da haben wir auch lange die Themen Anbindehaltung und Laufstall diskutiert. Es kam auch gleich die Frage, warum ich bei mir keinen Laufstall habe. Ich habe ihnen dann gesagt, dass ich das einst so gelernt habe, meine Kühe haben auch noch Hörner, jede Kuh hat ihren Nachbarn und sie fühlen sich hier wohl. Sie haben natürlich auch ihren Auslauf – kommen im Frühling aufs Feld, im Sommer sind sie auf der Alp, im Herbst wieder auf dem Feld und im Winter sind sie hier – wo sie aber auch hinaus können. In den Laufställen geht es den Tieren auch nicht schlecht – aber es ist nicht unbedingt meine Sicht einer artgerechten Tierhaltung.

WANN & WO: Sie werden aber gerade auch dafür auch kritisiert, dass Anbindeställe eben nicht mehr zeitgemäß und artgerecht seien.

Reinhard Bär: Wie den Hund haben wir auch die Kühe domestiziert, zu Haustieren gemacht. Der Hund hat im Haus seinen Bereich, in dem er sein darf, und meine Kühe haben ihren im Stall. Sie haben ihre Nachbarinnen, mit denen sie gut auskommen, da passt das auch. Im Laufstall aber gibt es oft Platzmangel, die Tiere stampfen durch den eigenen Gatsch, etc. Bevor da nicht eine bessere Lösung gefunden wird, solange ist die Anbindehaltung meine Lösung.

Reinhard Bär: In dem von Ihnen eingangs angesprochenen Video haben Sie gesagt, die Alpwirtschaft in Vorarlberg sei „kriminell“: Wo liegt das Problem?

Reinhard Bär: Überall. Es ist ein systemisches Problem, weil unser System krankt. Im Tal werden die Höfe immer größer, die Bauern bekommen Bodenmangel. Dann pachten sie Alpen, dass sie wieder mehr Hektar zur Verfügung haben. Ich habe vor zehn Jahren schon vorgezeigt, wie es gehen könnte, das Land Vorarlberg war daran allerdings nicht interessiert. Mein Ansatz war: Was oben auf der Alpe wächst, das bekommen die Kühe und nur zur Not wird Heu hinzugefüttert. Ich habe damals ausschließlich das produziert, was auf der Alpe gewachsen ist. Das gab ein schönes, qualitatives und ursprüngliches Produkt. Heute ist der Käse, der auf der Alpe gemacht wird, derselbe, der im Tal produziert wird. Weil man haufenweise Kraftfutter und Heu hinaufführt. Und unser System verlangt immer noch mehr und noch mehr. Anstatt man einfach mal sagen würde, weniger ist mehr.

WANN & WO: Wie könnte dieses System neu gedacht werden? Welche Ideen bräuchte es, etwas zu ändern?

Reinhard Bär: Das ist sehr schwierig – weil es sich im weiteren Sinne ja auch um ein globales Problem handelt. Aber auch in Vorarlberg wären Veränderungen möglich. Deshalb müssen wir daran arbeiten, neue Konzepte und Strukturen zu bilden. Es braucht da gar nicht viel. Es müssten sich einfach einmal ein paar Leute zusammensitzen, die Probleme aufzeigen und ein neues Ziel definieren – nicht zuletzt die Herstellung gesunder Produkte. Ich habe vor einiger Zeit versucht, meine Sennerei größer auszulegen, alle haben gesagt, ich sei ein Vollidiot, würde mich bereichern wollen. Ich hatte damals aber die Hoffnung, dass ein paar Bauern mitmachen. Wir hätten eine komplett eigene Vermarktungsschiene machen können – von der Sau über das Kalb bis zum Bergkäse Solange ich aber alleine dastehe, bewege ich mich nur im Kreis. Würden andere sich anschließen, könnte man etwas Neues und Nachhaltiges ins Leben rufen. Die Zeit dazu, wäre gerade jetzt perfekt.

<p class="caption">Der Landwirt im Stall seines Bauernhofs im Bregenzerwald.</p>

Der Landwirt im Stall seines Bauernhofs im Bregenzerwald.

<p>„Wir leben in einem Land, in dem ­Meinungsfreiheit gilt – und es soll auch jeder sagen dürfen, was er denkt. Das lebe ich so und dazu stehe ich.“</p><p/><p>Reinhard Bär spricht offen aus, was er denkt – auch wenn das nicht immer allen gefällt.</p>

„Wir leben in einem Land, in dem ­Meinungsfreiheit gilt – und es soll auch jeder sagen dürfen, was er denkt. Das lebe ich so
und dazu stehe ich.“

Reinhard Bär spricht offen aus, was er denkt –
auch wenn das nicht immer allen gefällt.

„Wir leben in einem Land, in dem ­Meinungsfreiheit gilt – und es soll auch jeder sagen dürfen, was er denkt. Das lebe ich so und dazu stehe ich.“

Reinhard Bär spricht offen aus, was er denkt – auch wenn das nicht immer allen gefällt.

Zur Person: Reinhard Bär

Alter, Wohnort: 47, Andelsbuch

Familienstand: verheiratet, ein Sohn, eine Tochter

Beruf: Landwirt in Andelsbuch

Hobbys: Seine Arbeit und Tanzen