„Können Krisenur gemeinsammeistern“

Dr. Philipp Kloimstein hat die Ärztliche Leitung der Stiftung Maria Ebenemitten in er Corona-Pandemie übernommen. Er kennt die Klinik praktisch nur im Ausnahmezustand. Fotos: Sams

Dr. Philipp Kloimstein hat die Ärztliche Leitung der Stiftung Maria Ebene
mitten in er Corona-Pandemie übernommen. Er kennt die Klinik praktisch nur im Ausnahmezustand. Fotos: Sams

Knapp ein Jahr ist Philipp Kloimstein Primar der Maria Ebene. Mit W&W sprach er über Ausnahme-zustand, Fortnite und Verschwörungstheorien.

WANN & WO: Herr Primar Kloimstein, Sie haben die Stelle zum
1. April 2020 übernommen – mitten in der Pandemie. Wie war der Start?

Philipp Kloimstein: Das gesamte erste Jahr war intensiv. Aber wir haben ein tolles Team, mit dem man auch eine Pandemie meistern kann. Darauf bin ich stolz.

WANN & WO: Als Maria Ebene 2020 Notspital wurde, wurden Patienten von Lukasfeld entlassen. Wie sehen Sie die Entscheidung heute?

Philipp Kloimstein: Es war eine Ausnahmesituation, niemand wusste, was kommt. Unser Beitrag war wichtig, wir haben aber gelernt: Die Einrichtung Lukasfeld zu schließen und die Patienten zu entlassen, war damals richtig. Aber wir würden jetzt nicht mehr von heute auf morgen alle Patienten entlassen. Wichtig ist es, vielleicht auch Fehler zuzugeben – das gilt auch für die Politik.

WANN & WO: Wie ging es für diese Patienten weiter? Gab es Rückfälle?

Philipp Kloimstein: Wir haben natürlich Kontakt zu ihnen gehalten und eine gewisse Anzahl der Patienten tatsächlich im Verlauf des letzten Jahres wieder aufnehmen müssen. Es kam auch ganz klar zu Rückfällen. Für die Patienten in stationärer Behandlung hat sich das Leben ebenfalls verändert, besonders hinsichtlich Besuchs- und Ausgangsmöglichkeiten. Sie verstehen und akzeptieren das bisher toll.

WANN & WO: Auch ein Primar ist nicht vor psychischen Belastungen durch die Pandemie gefeit. Wie geht es ihnen privat?

Philipp Kloimstein: Mein Ausgleich ist die Musik, damit geht es schon. Meine Kinder, knapp drei und fünf, tun mir da mehr leid. Mein Sohn hat im April Geburtstag. Vergangenes Jahr ist der wegen Corona ausgefallen, den davor konnte er wegen Krankheit nicht feiern, was mit dem heurigen wird, ist auch noch unsicher. Natürlich kann man sagen, das ist ein Luxusproblem. Aber solche Details zeigen, dass es jeden betrifft. Wir waren als Familie im März 2020 auch zwei Wochen in Quarantäne als K1-Kontakt. Da sieht man, wie herausfordernd es ist, wenn mehrere Personen im Homeoffice sind, stundenlang in Videokonferenzen hängen und nebenbei auch noch Kinder zu betreuen sind.

WANN & WO: Die Zahlen zeigen, dass viele in der Pandemie vermehrt zum Alkohol greifen. Wann wird es wirklich kritisch?

Philipp Kloimstein: Dann, wenn ich täglich Alkohol trinke und er eine Funktion bekommt, Entspannung oder Einschlafhilfe etwa. Auch die Menge spielt eine Rolle: Wenn ich jeden Tag ein Achtele Wein zu einem guten Essen trinke, ist das weniger verdächtig, als wenn es jeden Tag vier Flaschen Bier sind. Vielen fehlt aktuell auch eine Tagesstruktur. Da gleitet man schnell in eine Sucht ab.

WANN & WO: Das gilt aktuell sicher auch für andere Süchte.

Philipp Kloimstein: Im ersten Lockdown waren die Grenzen geschlossen, da gab es keinen Nachschub an illegalen Drogen. Daraufhin sind die Zahlen in der Substitutionsbetreuung gestiegen – um ganze zehn Prozent und dort liegen sie auch heute noch. Das Positive dabei ist, dass diese medizinischen Substanzen im Gegensatz zu Drogen von der Straße kontrolliert und „sauber“ sind. Allerdings ist auch da die Bürokratie groß: Jedes vom Arzt ausgestellte Methadon-Rezept, muss noch vom Amtsarzt beglaubigt werden. Jetzt in der Pandemie wurde das in allen Bundesländern abgeschafft, um effizienter zu arbeiten – nur nicht in Vorarlberg. Das verursacht wiederum Stress bei den Patienten und den Einrichtungen.

WANN & WO: Wie steht es um stoffungebunde Süchte?

Philipp Kloimstein: Das Glücksspiel hat sich ins Internet verlagert. Auch das Gamen hat zugenommen. Fortnite ist besonders schlimm. Es gibt nicht mehr Level 1, 2, 3, und dann ist Schluss. Fortnite analysiert den Spieler. Es sieht: Aha, er macht mehr Fehler – und plötzlich wird das Spiel leichter. Damit hat der Spieler wieder Erfolgserlebnisse, wird wieder motiviert und bleibt somit länger im Spiel. Natürlich wissen auch Casinos, wie so etwas funktioniert. Aber in Casinos kommen Kinder und Jugendliche nicht hinein, in Computerspiele schon. Auch bei Tik Tok & Co. werden solche Mechanismen angewandt.

WANN & WO: Vor wenigen Tagen wurde verkündet, dass in Vorarlberg die Gastronomie Mitte März öffnen darf. Für viele ist das ein Hoffnungschimmer. Wie sehen Sie das?

Philipp Kloimstein: Grundsätzlich sollte diese Entwicklung uns freuen. Es bleibt aber ein Kennzeichen dieser Pandemie, dass die Klarheit nur in kleinen Schritten kommuniziert wird. Das ruft eine zusätzliche Unsicherheit und Stress hervor, die Freude wird dadurch leider geschmälert. Wichtig wäre, dass die Öffnung wieder zu unserer ursprünglichen Normalität des Lebens werden kann und Bestand hat und nicht ein paar Wochen später wieder mit einem neuerlichen Lockdown beendet werden muss. Damit wäre der zunehmenden Resignation in der Bevölkerung Vorschub geleistet.

WANN & WO: Ausgehend von dieser Resignation nehmen auch Depressionen zu.

Philipp Kloimstein: Das beobachten auch wir. In Österreich sind gut eine Million Menschen arbeitslos oder in Kurzarbeit. Wir wissen aus der Geschichte, dass reale oder drohende Arbeitslosigkeit, psychische Probleme und Sucht zusammenhängen. Das zeigte sich nach der Finanzkrise 2008 in stark betroffenen Ländern wie Spanien oder Griechenland: Die Selbstmordrate stieg um bis zu 50 Prozent. Dort stieg auch die HIV-Rate, weil viele in Heroinsucht abglitten bei gleichzeitig eingesparten Streetworking-Programmen. Das ist ein Schneeballeffekt, dessen sich die Politiker bewusst sein sollten. Ich sage: Die wirkliche Krise kommt erst noch.

WANN & WO: Wie können wir sie abwenden oder zumindest mildern?

Philipp Kloimstein: Offenheit. Wer im Homeoffice ist und nebenher Kinder betreuen muss, ist am Anschlag. Das muss man sagen dürfen und nicht kleinreden. Und dann muss man die Menschen dazu bringen, sich Hilfe zu holen – und zwar frühzeitig.

WANN & WO: Manche Menschen
katalysieren ihre Ängste in
Verschwörungstheorien. Wie kann man sie noch erreichen?

Philipp Kloimstein: Man sollte im Gespräch bleiben – und das Thema Corona nicht gerade zum Einstieg wählen. Das Wichtige in dieser ganzen Pandemie-Frage ist doch letztlich das Wir. Man muss nur zurückschauen in der Geschichte. Börsencrash 1929, schwarzer Donnerstag – diese globale Depression damals hat zu einer weltweiten Armut geführt und die war Nährboden für Kriegstreiber. Das hat man aktuell auch bei der Amtsübergabe von Trump gesehen.

WANN & WO: Wie kann man das verhindern?

Philipp Kloimstein: Die Pandemie schafft Unsicherheit und die wird von gewissen Strömungen genutzt. Verteufeln wird bei sogenannten Querdenkern nicht zur Einsicht führen, sie werden eher in den Widerstand gehen. Wir sollten aber mit ihnen in Kontakt bleiben. Ich glaube wirklich, dass wir diese Krise nur gemeinsam meistern können.

„Fortnite analysiert den Spieler. Es sieht: Aha, er macht mehr Fehler – und plötzlich wird das Spiel leichter. Damit hat der Spieler wieder Erfolgserlebnisse, wird motiviert und bleibt länger im Spiel. Natürlich wissen auch Casinos, wie so etwas funktioniert. Aber in Casinos kommen Kinder und Jugendliche nicht hinein. In Computerspiele schon.“

Primar Dr. Philipp Kloimstein über die Tricks von Game-Designern und die davon ausgehende Suchtgefahr.

„Reale oder drohende Arbeitslosigkeit, psychische Probleme und Sucht hängen zusammen. Nach der Finanzkrise 2008 stieg in stark betroffenen Ländern die Selbstmordrate um 50 Prozent.“

Primar Dr. Philipp Kloimstein über mögliche Folgen der Corona-Pandemie.

Kurz gefragt ...

Zur Person: Philipp Kloimstein

Alter, Wohnort, Familie: 38 Jahre, Bregenz, verheiratet, zwei Kinder
Karriere: Musik- und Medizinstudium in Wien, MBA in health care management an der WU; 2013 bis 2015: ärztlicher Leiter die psychosomatischen Abteilung am Spital Wattwil; seit 2015 eigene Facharztpraxis im Kanton St. Gallen; 2015 bis 2016 Lehr-auftrag an der Universität Zürich; seit 2020 Ärztlicher Leiter der Stiftung Maria Ebene

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