„Ich lasse mich jetzt nicht mehr stressen“­­

Amelie Bröll eröffnet in Bregenz die „Backstube Wunderkind“. Mit W&W sprach die 31-Jährige offen über persönliche Schicksalsschläge, ihren Traum eines eigenen Cafés und alternative Lokale in Bregenz.

WANN & WO: Amelie, du wolltest deine „Backstube Wunderkind“ schon letztes Jahr eröffnen – doch dann kam Corona und plötzlich war alles anders. Hast du schon einen neuen Öffnungstermin vor Augen?

Amelie Bröll: (lacht) Ja, das war definitiv nicht so geplant. Es gibt auch noch immer viel zu tun. Deshalb habe ich mir auch keinen Eröffnungstermin mehr gesetzt. Denn es frustriert mich sehr, wenn ich mir ein Ziel setze – und das dann nicht so klappt, wie ich es mir vorstelle. Ich mache nun einfach in meinem Tempo weiter und lasse mich da auch gar nicht stressen.

WANN & WO: Es spricht sich aber ja doch schon herum, dass hier ein neues Café entsteht.

Amelie Bröll: Das stimmt. Es stehen ab und zu auch schon Leute auf dem Parkplatz und fragen, ob sie ein „Küachle“ mitnehmen können. Ich musste kürzlich auch wegen einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus. Und der behandelnde Arzt fragte mich, ob ich nicht die von der „Backstube Wunderkind“ bin. Er sei ein treuer Follower auf Instagram (lacht). Das fand ich sehr amüsant. WANN & WO: Stichwort Gehirnerschütterung: Eine persönliche Frage zu deiner Gesundheit: Du musstet dir vor ein paar Jahren Tumore entfernen lassen. Wie geht es dir heute?

Amelie Bröll: Ich spürte eines Tages einen Knoten in der linken Brust, später auch in der rechten. Ich ließ natürlich beide entfernen. Die Biopsie ergab glücklicherweise, dass es sich um gutartige Tumore handelte. Aber das machte mir schon Angst. Ich fürchte mich eigentlich nicht vor Krankheiten, aber Brustkrebs ist da schon etwas anderes. Die Tumore sind zum Glück nicht mehr nachgewachsen und es geht mir soweit gut. Allerdings hatte ich in der Zeit danach auch mit Depressionen zu kämpfen. Zuerst dachte ich, es ginge mir aufgrund der Tumore so schlecht. Aber in Wirklichkeit steckte ich in einer schweren Depression, ohne es zu wissen.

WANN & WO: Wie hast du aus dieser Situation wieder herausgefunden?

Amelie Bröll: Vielleicht war ich damals etwas naiv, aber ich dachte immer, dass nur Leute depressiv werden, die etwas Schlimmes erlebt haben und dadurch traumatisiert sind. Das war bei mir aber nicht der Fall. Es kamen viele Kleinigkeiten zusammen und ich bin einfach nicht mehr mit mir selbst klar gekommen. Ich war dann in Therapie und es geht mir heute sehr viel besser und es fällt mir viel leichter, mit der Situation umzugehen. Und auch den Traum meines eigenen Cafés Realität werden zu lassen, hilft mir sehr.

WANN & WO: Die „Backstube Wunderkind“ ist für dich also auch eine Art Selbsttherapie?

Amelie Bröll: Ja, auch wenn es schon eine sehr große Herausforderung ist, aber ich fühle mich dabei wirklich gut. Und ich weiß, dass es vielen Menschen ähnlich geht wie mir. Gerade deshalb ist es mir auch wichtig, einen Raum zu schaffen, in dem sich die Menschen wohlfühlen und in dem sie gerne Zeit verbringen. Das ist mein großes Ziel.

WANN & WO: Warum hast du dich für deine Backstube für Bregenz entschieden und nicht für Wien?

Amelie Bröll: Ich habe mit Wien noch nicht ganz abgeschlossen. Aber es gibt extrem viel Konkurrenz. Wien ist ja die Zuckerbäckerstadt überhaupt. Ich hatte aber das Gefühl, dass so etwas in Bregenz einfach wichtiger ist, als in Wien. Weil es hier so wenig gibt, sind die Menschen viel dankbarer, wenn etwas „B’sundriges“ entsteht, bei dem sie sich denken: Wow, das haben wir so noch nicht gesehen! Das Haus, in dem die „Backstube Wunderkind“ entsteht, befindet sich seit Generationen in Familienbesitz – und ich konnte aus diesem alten Gebäude, für das ich so viel Liebe empfinde, etwas Schönes und Neues machen. Dadurch, dass ich das Haus hier renoviert habe, bin ich auch sensibler für das Thema geworden. Es tut mir weh, zu sehen, wie alte Gebäude wie das Ballhaus oder das Uwes abgerissen werden. Oder wenn sie einfach leer stehen, wie etwa das Berg Isel. Für alternative Menschen war das das Coolste überhaupt. Ich habe als Junge immer gejammert, dass in Bregenz nichts los ist – heute gibt es aber noch viel weniger. Das ist megaschade.

<p class="caption">W&W besuchte Amelie in ihrer künftigen Backstube in der Reichsstraße 12.  Fotos: Sams</p>

W&W besuchte Amelie in ihrer künftigen Backstube in der Reichsstraße 12.  Fotos: Sams

„Weil es in Bregenz so wenig gibt, sind die ­Menschen viel dankbarer, wenn etwas ,B’sundriges‘ entsteht, bei dem sie sich denken: Wow, das haben wir so noch nicht gesehen.“

Amelie auf die Frage, warum sie die „Backstube Wunderkind“ in Bregenz eröffnet und nicht in Wien.

„Es tut mir weh, zu sehen, wie alte Gebäude wie das Ballhaus oder das Uwes abgerissen ­werden. Oder wenn sie leerstehen wie das Berg Isel. Für alternative Menschen war das das Coolste überhaupt. ... Es ist megaschade, dass es das nicht mehr gibt.“

Amelie Bröll über beliebte Szene-Locations in Bregenz.

Kurz gefragt ...

Deine liebste Süßspeise?
Krapfen. Weil sie einfach gut schmecken.

Nach Corona werde ich ...?
... als allererstes meine Freunde ­umarmen.

Das Ländle ist ...?
... meine Heimat.

Warum der Name „Wunderkind“?

Das ist eine gute Frage, die ich ehrlich gesagt nicht beantworten kann (lacht). Der Name schwirrt mir schon lange durch den Kopf, ich weiß aber nicht mehr, wie ich darauf gekommen bin. Ich habe mir das Wort „Wunderkind“ im ersten Lehrjahr auch tätowieren lassen. Das Tattoo zeig ich euch aber nicht.

Studieren ...?
... war nichts für mich. Es war für mich mit Anfang 20 aber gar nicht so leicht, zu sagen: OK, ich mache eine Lehre, weil ich gerne etwas Handwerkliches mache. Es war hart, aber hat Spaß gemacht.

Zur Person: Amelie Bröll

Alter, Wohnort: 31, Bregenz

Ausbildung: Matura HLW Marienberg, angefangene Studien in Germanistik, Publizistik und Jus in Wien, Lehre und Meister zur Konditorin in Wien

Hobbys: Freunde treffen, Oldtimer („Ich habe allgemein ein Faible für alte Sachen“), gutes Essen, Städtereisen zur Inspiration

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