„Die große Masse ist feige!“

Der polarisierende Hörbranzer Pfarrer Roland „Trenti“ Trentinaglia im W&W-Sonntags-Talk über den Wunsch nach einer eigenen Familie, die Kirche und Homosexualität, verlorene Gesprächskultur durch Social Media und ­Rechtsextreme.

WANN & WO: Herr Trentinaglia: Ihr Vater wollte, dass Sie sein Geschäft in Bludenz weiterführen, Sie selbst wollten allerdings Lehrer werden. Wie kamen Sie dann zur Theologie?

Roland Trentinaglia: Ich stand vor damals vielen Entscheidungen, war auch mit einem lieben Mädchen befreundet. Meine Mama hat da schon von Enkeln geträumt. Auf Anraten meines Religionslehrers in der Maturaklasse habe ich an Besinnungstagen für Buben teilgenommen. Das bedeutete damals eine Woche schulfrei aus sogenannten religiösen Gründen. Also dachten wir uns: Da gehen wir hin! Und als ich nach dieser Woche wieder nach Hause gekommen bin, habe ich zur Überraschung meiner Eltern gesagt: Ich will Theologie studieren.

WANN & WO: Der Traum ihrer Mutter, Oma zu werden, ist dann mit Ihrer Priesterweihe geplatzt. Hat eine eigene Familie Sie nie gereizt?

Roland Trentinaglia: Jein. Ich würde lügen, wenn ich sage, es hätte mich nicht gereizt. Aber: Ich habe mich damals ganz klar ausgesprochen. Ich wollte kein Blockierer sein, so nach dem Motto: „Woasch was, i luag amol“. Es wäre lieblos dem Mädel gegenüber gewesen, wenn ich ihr weiterhin Hoffnungen gemacht hätte, die sich dann aber unter Umständen nie erfüllen. Also war für mich klar, einen sauberen Schnitt zu vollziehen. Ich habe diesen Schritt auch nie bereut und würde mich heute gleich entscheiden.

WANN & WO: Sie gelten als jemand, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt – auch gerade gegenüber der Amtskirche. Sie bekommen da sicherlich des Öfteren Gegenwind?

Roland Trentinaglia: Würde ich mich nach dem richten, was andere Menschen von mir wollen, müsste ich jede Viertelstunde eine neue Frisur haben. Das Entscheidende ist, dass ich als Pfarrer, mehr noch – als Christ – die Würde von allen Menschen achte. Und da lasse ich mir von niemandem dazwischenreden. Weil Entschuldigung: Das kommt ja nicht von mir heraus, das ist ja kein Spleen, den ich habe, sondern es kommt von jemandem, auf den ich mich letztlich ja berufe. Und ja, man hat mir schon öfter gesagt, ich sei ein „total bunter Vogel“ und es stimmt: Ich habe meinen Weg. Und der ist so gekennzeichnet, das manche ihn befürworten und andere eben nicht. Aber es heißt ja: Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.

WANN & WO: Zuletzt sorgte der Vatikan mit der Ankündigung, homosexuelle Paare nicht zu segnen, für große Aufregung. Sie vertreten hier ja einen klaren Standpunkt.

Roland Trentinaglia: Diese Diskussion ist total leidig. Denn der Bereich der Sexualität, so macht- und kraftvoll er im Leben der Menschen sein kann – ist nicht das Hauptziel der Bibel. Auch nicht der Lehre Jesu Christi. Und egal wie ein Mensch empfindet, ob hetero-, homo-, bisexuell oder weiß Gott was: Jeder Mensch hat seine Würde. Und wenn ich die Botschaft Jesu ernst nehme, muss ich das auch als Kirche ohne Wenn und Aber vertreten. Für mich widerspricht diese Anmaßung, homosexuelle Paare nicht zu segnen, vollkommen der Botschaft Jesu.

WANN & WO: 2020 sind die Kirchenaustritte wieder leicht gesunken, dennoch verliert die römisch-katholische Kirche weiterhin ihre Schäflein. Können Sie das nachvollziehen?

Roland Trentinaglia: Ich verstehe es einerseits schon, dass die Leute gehen. Aber es ist auch ein bisschen ein moderner Trend – speziell bei den Jungen. Ich verstehe es aber nicht, wenn es sang- und klanglos passiert. Und dies in einer Zeit, wo Kommunikation anhand on Facebook, Whatsapp, Telegram und Co. so einfach wäre. Aber es kommt keine Nachricht, man geht einfach. Diese Sprachlosigkeit tut mir schon „a kläle“ weh. Weil in einem Gespräch könnten viele Missverständnisse und Probleme schnell aufgeklärt werden.

WANN & WO: Aber sind das nicht die Zeichen unserer Zeit? Wir haben soviele Kommunikationswege, haben es aber verlernt, miteinander in einen Diskurs zu gehen?

Roland Trentinaglia: Da stimme ich vollkommen zu! Das ist die große Gefahr, die von Whatsapp, Facebook und Co. ausgeht: Dass die Gesprächskultur immer mehr verloren geht. Dies macht letztlich auch die Empathie des Menschen kaputt. Das ist brutal

WANN & WO: Stichwort kaputte Em­­­pathie: Wie sehen Sie das ­Erstarken der rechten Szene in den vergangenen Monaten und Jahren?

Roland Trentinaglia: Was ich zuletzt in den Verbrennungen der Regenbogenfahnen oder in den Weiten des Internets und in der Nachbarschaft sehe, das bereitet mir durchaus großes Kopfzerbrechen. Denn offenbar haben wir nichts aus der Geschichte gelernt. Und es macht mich persönlich auch sehr betroffen. Mein Vater wurde in Bludenz von der Gestapo verhaftet, weil er in der Widerstandsbewegung war. Ich frage mich: Wie kann man nur rechtslastig denken und so menschenverachtend unterwegs sein? Es zeigt sich aktuell auch wieder: Krisenzeiten bringen immer Extreme hervor, speziell aus dem rechtsradikalen Bereich.

WANN & WO: Wie kann hier aber entgegengesteuert werden? die rechten Recken bekommen immer mehr Zulauf?

Roland Trentinaglia: Die große Masse – und das sag ich jetzt in der „Trenti“-Sprache – macht nie das Maul auf! Dafür ist sie nämlich zu feige. Hintenrum wird aber natürlich schon geredet – anstatt man sich grad hinstellt, Charakter zeigt und sagt: Bis hierher und nicht weiter! Das ist bei der großen Masse leider so. Die Ruhe ist des Bürgers erste große Pflicht … doch das fällt allen irgendwann auf den Kopf.

<p class="caption">Pfarrer Roland Trentinaglia im Gespräch mit W&W. Mit dabei: Kater Fridolin.  Fotos: Sams</p>

Pfarrer Roland Trentinaglia im Gespräch mit W&W. Mit dabei: Kater Fridolin.  Fotos: Sams

Das Entscheidende ist, dass ich als Pfarrer, mehr noch – als Christ – die Würde von allen Menschen achte. Und da lasse ich mir von niemandem dazwischen­reden ... Und ja, man hat mir schön öfter gesagt, ich sei ein ,total bunter Vogel‘“

Roland „Trenti“ Trentinaglia ist bekannt für seine klaren Worte

Kurz gefragt ...

Lederjacke oder Priesterrobe?
Lederjacke.

Rockmusik oder Kirchenchor?
Ich entstamme der 68er-Generation und liebe die Beatles. Das hat sich hier in Hörbranz auch sehr schnell herumgesprochen. Eines Tages kam der Vorstand der Musikvereins und sagte: Trenti, wir würden dir gern eine Freude machen. Könntest du dir vorstellen, dass wir in einer Messe ausschließlich Beatles-Musik spielen? Das haben wir dann natürlich auch gemacht – und nicht nur einmal!

Welchen Buchtipp haben Sie – ­abgesehen von der Bibel?
Giannina Wedde: In deiner Weite lass mich Atem holen. Und alles von Karl May. Ich habe jedes Buch von ihm gelesen. Das ist auch der Grund, warum ich heute eine Brille habe (lacht). Ich habe als Kind immer verbotenerweise mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke gelesen.

Welche Botschaft haben Sie für die Menschen in diesen schwierigen Zeiten?
Wage ein Leben – weil Gott mit dir das Leben lebt.

Vervollständigen Sie bitte folgenden Satz: Das Zölibat ist ...?
.. für manche Scheiße.

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