„Es wird aggressiver“

Auch in Vorarlberg gehen jede Woche Demonstranten gegen die Regierung auf die Straße. W&W sprach mit ifs-Extremismus-Experte Benjamin Gunz über die Lage.

WANN & WO: Die Corona-Demos werden immer häufiger, größer – und gefühlt auch gewaltbereiter und radikaler. Wie besorgniserregend ist das?

Benjamin Gunz: Es ist in der Tat so, dass viele Menschen aufgrund der Corona-Maßnahmen und den damit verbundenen Unklarheiten – was heute gilt, kann morgen ganz anders sein; was hier gilt, gilt dort nicht – unzufrieden mit der Politik sind. Viele haben die Maßnahmen auch schlicht satt oder sehen keinen Sinn darin. Es gibt also viele Ansatzpunkte für Kritik und diese finden alle einen Anlaufpunkt auf den Demos. Auch der Ton dort wird aggressiver, lauter und vehementer.

WANN & WO: Ist dann also die Regierung Schuld an der
Spaltung und Radikalisierung?

Benjamin Gunz: Ich bin kein Freund davon, Schuld zuzuweisen. Ich kann aber sagen, dass die Regierung auf Länder-, sowie auf Bundesebene einen Beitrag dazu leistet. Denn je mehr Informationen kommen, desto schwieriger wird es, zu
filtern und desto leichter können Frustrierte diese Informationen nehmen und so wandeln, dass sie in deren Bild und zu deren Ziel passen.

WANN & WO: Obwohl Kritiker und Verschwörungstheoretiker sich also selbst Dinge drehen, wie sie sie brauchen, werfen sie genau das anderen vor – ganz besonders den Medien. Wo und wie ging das Vertrauen in diese derart verloren?

Benjamin Gunz: Die Medien, von denen wir sprechen, werden von diesen Menschen kaum genutzt. Stattdessen wird auf andere Kanäle zurückgegriffen. In diesen wird behauptet, dass sich die Gesellschaft von einer Demokratie weg und zu einer Diktatur hinbewege. Aber genau diese Behauptung entfernt diese Menschen von demokratischen Prinzipien. Das ist eine der Ge-
fahren, die ich derzeit sehe: dass demokratische Werte in Frage gestellt werden. Viele können solche Kanäle auch nicht von seriösen Medien
unterscheiden. Ich plädiere daher für ein Medienkompetenz-Fach an Schulen.

WANN & WO: Sollten solche Kanäle bekämpft werden?

Benjamin Gunz: Aus Sicht der Prävention müsste man in der Tat eingreifen. Aber was würde passieren, würde ein solcher Kanal gesperrt? Diejenigen, die dort unterwegs, aber noch nicht ganz überzeugt sind, würden die Bestätigung bekommen: Da steckt ja wirklich ein großer Plan und eine Verschwörung gegen uns dahinter. Zudem wäre es schier unmöglich, alle diese Medien abzuschalten.

WANN & WO: Mit Fakten braucht man es aber auch nicht argumentieren, die werden als gefaked angesehen. Was kann man denn überhaupt noch tun?

Benjamin Gunz: Ich appelliere an alle Menschen, selbständig zu denken und zu hinterfragen, was dahintersteckt. Und sich selbst kritisch zu fragen: Wenn ich diese Theorien teile, trage ich dann nicht nur selbst zu einem großen Plan bei – den ich doch angeblich bekämpfen will? Und warum suche ich die Wahrheit in solchen Theorien, welche Ängste treiben mich dazu, welche Sicherheit suche ich da?

WANN & WO: Viele sagen auch: Ich gehe zwar auf die Demos, aber mit Verschwörern oder Rechten habe ich nichts zu tun. Machen sie es sich da zu leicht?

Benjamin Gunz: Wer auf solche Demos geht, muss sich anschauen, wer sie anmeldet. Es sind nicht immer Rechtsextreme – teils aber schon. Demos sind ein freies Recht. Aber man muss sich bewusst sein, neben wem man da zum Teil steht. Und nur dabei sein und nicht jubeln ist keine Ausrede: Denn man ist Teil der Masse, die diese Demos groß macht. Ich würde mir wünschen, dass Menschen auf diesen Demos auf die Bühne gehen und sagen: Dahinter stehe ich nicht. Denn schweigen lässt das nicht erkennen.

WANN & WO: Kommen wir auf die Thematik der Regenbogenflaggen zu sprechen. Haben Sie eine Erklärung für solche Taten?

Benjamin Gunz: Sie zeigen, dass die Aufklärungsarbeit, die in Vorarlberg geleistet wurde, noch nicht in der Gesellschaft angekommen ist. Genau so verhält es sich beim Thema Flucht und Asylwerber. Ich möchte da aber nicht mutmaßen und Schuldige suchen.

WANN & WO: Vorarlberg gilt oft als beschaulich und frei von Radikalen. Was ist ihr Eindruck aus der täglichen Arbeit?

Benjamin Gunz: Ich arbeite ja zum Teil mit dem Verfassungsschutz zusammen, wir gleichen uns bei bestimmten Themen ab. Wir sehen hier nicht, dass Menschen sich bewaffnen und in den Krieg ziehen wollen. Aber wir sehen, dass sich auch hier Menschen mit fanatischen Themen und Verschwörungsmythen beschäftigen. Wir kennen diese Leute. Und für manche bin ich eben Feindbild.

WANN & WO: Wurden Sie auch schon zur Zielscheibe?

Benjamin Gunz: Ja, ganz klar. Sei es in Gesprächen oder per Mail. Da gab und gibt es Beleidigungen und auch Drohungen. Aber ich bin nun mal im öffentlichen Raum unterwegs und sage Dinge, die manche Menschen nicht hören wollen. Das ist halt meine Arbeit.

„Demos sind ein freies Recht. Aber man muss sich bewusst sein, neben wem man da zum Teil steht. Und nur dabei sein und nicht jubeln ist keine Ausrede: Denn man ist Teil der Masse, die diese Demos groß macht.“

Benjamin Gunz über Corona-Demos und deren Teilnehmer.

Kurz gefragt ...

Zur Person: Benjamin Gunz

Alter: 31 Jahre

Funktion: als Sozialarbeiter bei der ifs Gewaltberatung und Extremismusprävention

Ausbildungen: Kathi-Lampert-Schule für Sozialbetreuungsberufe Götzis, Trauma-pädagoge und Traumafachberater, Resilienzcoach, Stress- und Burnoutberater,
Qualifikationen im Bereich der Extremismusprävention

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