Frauenhass: „Zeigt Courage, schaut hin und nicht weg!“


              Fotos: Sams

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Trauriger Spitzenplatz: In keinem EU-Land werden mehr Frauen als Männer getötet als in Österreich. W&W sprach mit Gewaltschutz-Expertin Brigitte Stadelmann vom Verein Amazone über Femizide und die Lage in Vorarlberg.

WANN & WO: Die Zahlen machen sprachlos: In nicht einmal einem halben Jahr wurden bereits zwölf Frauen in Öster-reich ermordet – ein Mord alle 14 Tage, wenn man so will. Was läuft falsch in Österreich?

Brigitte Stadelmann: Rollenvorstellungen sind teils noch sehr konservativ und traditionell. Das wirkt sich auf unsere Strukturen, Diskurse und Beziehungen aus – etwa leisten Frauen einen Großteil der unbezahlten Arbeit oder verdienen immer noch weniger, kümmern sich um die Kinder. Männer finden sich eher in Positionen, in der sie Entscheidungen treffen und Stärke zeigen. Wenn Männer in Krisen geraten, kann Gewalt als Mittel erscheinen, um die Kontrolle über eine Situation zu behalten – etwa, wenn eine Frau sich trennen will.

WANN & WO: Solange also die fehlende Gleichberechtigung nicht überwunden ist, solange wird es Gewalt an Frauen geben?

Brigitte Stadelmann: Davon bin ich überzeugt. Weil Gewalt dort passiert, wo Macht missbraucht werden kann.

WANN & WO: Wie kann das aufgelöst werden?

Brigitte Stadelmann: Neben einer gerechten Verteilung von Macht und Ressourcen ist es wichtig, aktiv gegen Geschlechterrollenbilder zur arbeiten. Das beginnt in der Kindheit: Mädchen wird immer noch beigebracht, dass sie fürsorglich, konsensorientiert und konfliktlösend sein sollen. Sind sie laut, werden sie zurechtgewiesen. Jungs hingegen wird schon früh beigebracht, dass sie nicht weinen, dass sie stark sein sollen und aggressiv sein dürfen.

WANN & WO: Die Rollen setzen sich im Erwachsenenalter fort: Man rät Frauen, nachts nicht allein heimzugehen oder Telefongespräche mit dem Freund vorzutäuschen. Wäre es nicht wichtiger, das Verhalten der Männer in den Blick zu nehmen?

Brigitte Stadelmann: Absolut. Vieles, was im öffentlichen Raum passiert, wird noch immer als Kavaliersdelikt abgetan. Wenn Frauen nachgepfiffen wird, wenn ihr Körper kommentiert wird, wenn sie „sich nicht so anstellen sollen“. Das alles ist eine Form von Gewalt und schränkt ein. Viele Jungen und Männer finden es nicht okay, wenn Mädchen und Frauen bedrängt werden, trauen sich aber aus Sorge um ihr Männlichkeitsbild nicht, etwas dagegen zu sagen. Präventive Arbeit mit Jungen und die Förderung von Zivilcourage sind hier also sehr wichtig. Vielfältige Männerbilder und Vorbilder sind hier ganz zentral: Zum Beispiel, wenn es normal ist, dass Papa auch mal weint oder der Chef Kaffee für alle kocht.

WANN & WO: Stichwort Finanzierung: Kurz vor unserem Gespräch wurde bekannt, dass die Regierung 25 Millionen Euro für den Gewaltschutz freigibt. Ist es damit getan?

Brigitte Stadelmann: Das ist ohne Frage eine gute Botschaft. Wichtig ist, dass das Geld sinnvoll verteilt und eingesetzt wird – für Täterarbeit, Opferschutz, Mädchen- und Frauenberatungsstellen, Fallkonferenzen sowie für umfassende Sensibilisierungs- und Bildungsarbeit zum Thema Gewalt.

WANN & WO: Im Internet vernetzt sich zunehmend die Frauenhasser-Szene, wie etwa die Incels oder die Pick-up-Artists. Gibt es auch Hinweise auf solche Aktivitäten in Vorarlberg?

Brigitte Stadelmann: Diese radikale Szene ist schwer einzuschätzen. Wenn man sich aber die Kommentarspalten von Onlinemedien auch hierzulande anschaut, findet man teils ähnliche Hassrede wie in diesen Incel-Foren. Wir müssen verstehen, dass frauenverachtende Einstellungen nicht nur in radikalisierten Gruppen vorkommen. Diese Männer scheuen sich nicht, in Kommentaren gegen Frauen zu hetzen, bis sie gesperrt werden, oder Frauen in Lokalen zu beschimpfen und sogar zu bedrohen, wenn sie einen Korb bekommen. Dem Verein Amazone berichten viele Mädchen und junge Frauen von solchen Vorfällen.

WANN & WO: Beziehungsgewalt kann auch psychisch sein. Ist das in eurer Arbeit auch Thema?

Brigitte Stadelmann: Ganz oft sogar. Wenn wir in Workshops darlegen, was psychische Gewalt ist – etwa Kontrolle und Bevormundung durch den Partner, Abwertung und ständige Kritik – dann stellen viele Mädchen erschrocken fest, dass sie auch betroffen sind. Und zwar in allen Bevölkerungsschichten, egal welcher Nationalität und welchen Kontostands.

WANN & WO: In Bregenz fand gestern eine Demo gegen Gewalt an Frauen statt. Wie kann garantiert werden, dass der Aktionismus nicht im Sand verläuft?

Brigitte Stadelmann: Es braucht Aufmerksamkeit, ge-
schlechterreflektierende pädagogische Arbeit und ganz viel Bereitschaft vonseiten der Politik, Verantwortung zu übernehmen – immer und nicht nur, wenn wieder eine Frau ermordet wurde.

<p class="caption">Expertin Brigitte Stadelmann und Redakteurin Anja trafen sich im Vereinshaus.</p>

Expertin Brigitte Stadelmann und Redakteurin Anja trafen sich im Vereinshaus.

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              Zur Person: Brigitte Stadelmann
            </p><p>Alter, Wohnort: 51, Bregenz</p><p>Familie: ledig</p><p>Funktion: Expertin für Gewaltschutz- und Prävention beimVerein Amazone</p><p>Ausbildung: Diplom-Sozialarbeiterin</p>

Zur Person: Brigitte Stadelmann

Alter, Wohnort: 51, Bregenz

Familie: ledig

Funktion: Expertin für Gewaltschutz- und Prävention beim
Verein Amazone

Ausbildung: Diplom-Sozialarbeiterin

„Wenn Männer in Krisen geraten, kann Gewalt als Mittel erscheinen, um die Kontrolle über eine Situation zu behalten – etwa, wenn eine Frau sich trennen will.“

Brigitte Stadelmann über die Hintergründe von Gewalteskalationen und Morde in Beziehungen.

Kurz gefragt ...

Wie sicher fühlst du dich – wenn nicht gerade aufgrund einer Pandemie
abendliche Ausgangssperre gilt – beim nachts allein heimgehen?
Obwohl auch ich mich – allein schon beruflich – bereits lange mit dem Thema Gewalt auseinandersetze und viele Strategien habe, was ich im Falle des Falles tun kann, spielt sich auch in meinem Kopf der gleiche Film ab, wie bei vielen Frauen. Diese Angst ist tief verankert.


Hattest du als Jugendliche auch Mechanismen, wie etwa Telefongespräche vortäuschen?
Ja, auch mir wurden Strategien beigebracht um mich zu schützen und mir wurde auf den Weg mitgegeben, vorsichtig zu sein. Schon als kleines Mädchen habe ich zum Beispiel Judo gelernt.

Deine Botschaft an die VorarlbergerInnen?
Zeigt Zivilcourage, mischt euch ein. Schaut hin und nicht weg, wenn Gewalt passiert.

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