„Netflix ist auf uns zugekommen“


              Fotos: handout/Grass – ETH Zürich; Bilder: Virgin (Universal Music), Netflix

Fotos: handout/Grass – ETH Zürich; Bilder: Virgin (Universal Music), Netflix

WANN & WO: Dr. Grass: Wie kommt man auf die abstrakte Idee, Daten auf DNA zu speichern? Für Laien klingt das ja so ziemlich nach Science-Fiction wie Jurassic Park?

Dr. Grass: Die Idee, DNA als Speichermedium zu verwenden, kam schon in den 1960ern auf. Überlegt man sich, wie DNA in der Biologie funktioniert, als Molekül mit einer langen Abfolge von A, C, T und G, ist es einem digitalen Datenträger, der aus Einsen und Nullen besteht, nicht unähnlich. Über die Jahre hat die Biologie immer bessere Methoden entwickelt, DNA zu lesen. Und die Chemiker haben ihnen nun quasi die Werkzeuge gestohlen, um die Idee einer DNA-basierten Datenspeicherung zu realisieren. 2012 gab es hier die ersten großen Fortschritte zweier voneinander un­­­­­­­abhängiger Forschungsgruppen. Was wir nun gemacht haben, ist, eine Methode zu entwickeln, um DNA lange Zeit haltbar zu machen.

WANN & WO: Wie ist Ihnen das gelungen?

Dr. Grass: Durch spezielle chemische Vorgänge lassen wir Glas in kleinen Kügelchen um die DNA wachsen. Dadurch ist sie von äußeren Einflüssen geschützt und über tausende Jahre auslesbar. Das ist unser Beitrag und dafür wurden mein Kollege Wendelin Stark und ich für den Erfinderpreis nominiert.

WANN & WO: Um ihre Methode öffentlichkeitswirksam zu präsentieren, speicherten Sie eine Episode von Netflix „Biohackers“ sowie das „Massive Attack“-Album „Mezzanine“ in DNA. Wie kam es dazu?

Dr. Grass: „Massive Attack“ wollte 2018 zum 20. Jubiläum von „Mezzanine“ etwas Besonderes machen und fragte bei uns nach, ob wir das Album in DNA speichern könnten. Wir sagten sofort: Klar, warum nicht? (lacht). Bei „Biohackers“ war die Situation ähnlich: Im Auftrag von Netflix wurden wir von einer Agentur angefragt, die erste Episode der Serie – eine 100 MB große Datei – im Rahmen einer PR-Aktion in DNA zu verewigen. Das waren sehr spannende Geschichten.

WANN & WO: Sind Sie selbst ein „Biohacker“?

Dr. Grass: Nein, aber „Biohacking“ ist für mich durchaus sehr faszinierend. Hier wird ja sozusagen Biologie – also etwas Lebendes – verändert. Das ist bei uns aber nicht der Fall. „Biohacking“ ist eine eigene Welt. Wir sind auch – aber vielleicht ist das auch falsch – professioneller als die „Biohacker“-Szene.

WANN & WO: Sie haben bereits er­­­­­­wähnt, dass durch Ihre Methode Daten auch noch in Jahrtausenden ausgelesen werden können. Glauben Sie, dass es dann noch jemanden gibt, der das überhaupt kann?

Dr. Grass: Ja, da bin ich mir ziemlich sicher. Solange es noch eine Hochkultur gibt, die medizinisch so weit entwickelt ist, dass sie ein Genom auslesen kann, wird sie auch diese Daten lesen können. Die Frage ist dann eher: Weiß diese Zivilisation dann überhaupt noch etwas mit diesen Nullen und Einsen – oder in unserem Fall A, T, C, und Gs – anzufangen. Das beschäftigt uns durchaus auch noch ein bisschen.

WANN & WO: Sie haben bereits über die Anwendungsbereiche Ihrer Speichermethode gesprochen. Können Sie uns hier ein praktisches Beispiel nennen?

Dr. Grass: Wir fokussieren uns vor allem auf das Datenarchiv der Zukunft – angelegt in DNA. Unsere Methode ist platzsparend und sorgt für eine hohe Stabilität der Daten.

WANN & WO: Bleiben wir in der Zukunft: Haben Sie schon ein weiteres Projekt vor Augen?

Dr. Grass: Aktuell nicht. Aber es gibt sicher wieder Dinge, bei denen wir uns sagen: Das ist spannend, das schauen wir uns genauer an. Wir lassen die Zukunft auf uns zukommen.

<p class="caption">Auch in Jahrtausenden noch ­hörbar: Das Album „Mezzanine“ von ­„Massive Attack“ wurde 2018 in DNA gespeichert.</p>

Auch in Jahrtausenden noch ­hörbar: Das Album „Mezzanine“ von ­„Massive Attack“ wurde 2018 in DNA gespeichert.

<p class="caption">Für eine PR-Aktion zur Serie „Bio­hackers“ trat Netflix an die Forscher heran.</p>

Für eine PR-Aktion zur Serie „Bio­hackers“ trat Netflix an die Forscher heran.

„,Massive Attack‘ wollte 2018 zum 20. Jubiläum von ­,Mezzanine‘ etwas Besonderes machen und fragte nach, ob wir das Album in DNA speichern können. Wir sagten sofort: Klar, warum nicht.“

Prof. Dr. Grass und sein Schweizer Kollege Wendelin Stark konservierten „Massive Attack“ für die Ohren künfitger Zivilisationen

Kurz gefragt ...

Warum Zürich?
Mein Großvater ist Österreicher, ist aber in der Schweiz aufgewachsen und hat bereits an der ETH studiert. Die Verbindung zur ETH gibt es also schon lange.

Sind Sie noch oft im Ländle?
Nein, leider nicht. Aber im Herzen ist Vorarlberg noch immer meine Heimat. Es ist wunderschön – und „dahoam isch dahoam“.

Sie haben mit „Massive Attack“ und Netflix zusammengearbeitet. Was hören/sehen Sie gerne?
In meiner Studienzeit habe ich viel Trip-Hop gehört, „Massive Attack“ war immer dabei. Ansonsten „Klangkarussell“ oder „Kruder & Dorfmeister“. Als Serie empfehle ich „The End of the F***ing World“, als Film „Dr. Strangelove – Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“.

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