„Qamar zählt auf uns“

WANN & WO: Laura, am kommenden Mittwoch wird am Bundesverwaltungsgericht in Linz über eine mögliche Rückkehr von Qamar Abbas entschieden. Du und deine Familie pflegen ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu ihm. Was erhoffst du dir von der Verhandlung?

Laura Melzer: Ich hoffe darauf, dass Qamar das Recht bekommt, dort zu leben, wo er leben will – das heißt in seinem Fall in Österreich. Aber das wünsche ich mir nicht nur für ihn, sondern für alle Menschen: Dass wir frei in unserem Sein sind und unsere Lebensvorstellungen – solange diese menschlich und gut sind – nicht von Staatsgrenzen und Bürokratie verunmöglicht werden.

WANN & WO: Auch nach seiner Abschiebung ist der Kontakt zwischen euch nie abgebrochen. Wie geht es ihm aktuell?

Laura Melzer: Qamar und ich sind regelmäßig in Kontakt. Es geht ihm nicht sehr gut. Er lebt bei seiner Mutter, die sich aber selbst gerade so über Wasser halten kann. Er hat keinen Job, keine sozialen Kontakte. Aber die Aussicht auf eine neue Chance in Österreich gibt ihm Kraft und freut ihn sehr.

WANN & WO: Dein Vater ist vor einigen Jahren schwer erkrankt – Qamar hat damals deine Familie sehr unterstützt. Wie hast du ihn als Mensch erlebt?

Laura Melzer: Als es meinem Vater gesundheitlich noch gut ging, war Qamar zu Beginn noch sehr oft bei uns. Mein Vater hat ihm Nachhilfe für die Berufsschule gegeben, Qamar hat im Gegenzug im Garten geholfen. Er hat die Hecken geschnitten, Unkraut gejätet und Erde aufgeschüttet. Mein Vater ist dann schwer erkrankt und wir mussten aus unserem Haus ausziehen, da es nicht rollstuhlgerecht war. Qamar hat dann auch fleißig beim Umzug geholfen. Mit seinem Rad ist er oft direkt nach der Arbeit von Lustenau nach Hard zu uns gefahren. So ging das etwa zweieinhalb Jahre.

WANN & WO: Was ging in dir vor, als du von der Abschiebung gehört hast?

Laura Melzer: Ich war natürlich erschüttert, wie viele andere Menschen im Land auch. Als er im Herbst 2018 dann abgeschoben wurde, haben sich sein Freundeskreis und auch seine ArbeitskollegInnen sehr für ihn eingesetzt. Wir haben zum Beispiel Unterschriften gesammelt, ihn zu Terminen begleitet, etc. Ich werde am Mittwoch auch in Linz dabei sein. Qamar zählt auf uns und kann jede Stütze vor Ort brauchen.

WANN & WO: Du setzt dich nicht nur für Qamar ein – dein politisches und soziales Engagement reicht noch viel weiter. Du bist Mitglied der Initiative „uns reicht’s“, hast unter anderem auch Sonntagsdemos organisiert. War es dir immer schon wichtig, die Dinge offen anzusprechen?

Laura Melzer: Eine offene und ehrliche Kommunikation ist mir sehr wichtig – egal ob im Privaten oder in der Gesellschaft. Und gerade Demonstrationen vereinen für mich die Möglichkeit des Mitteilens aber auch der medialen Aufmerksamkeit, was in Folge dann oft auch Veränderung bewirken kann. Ich lebe mittlerweile zwar in Wien, bin aber noch immer bei „uns reicht’s“ aktiv. Gerade organisieren wir einen Empfang in Form einer Kundgebung für Harald Purkart, der zu Fuß von Vorarlberg nach Wien läuft, um auf die Situation von geflüchteten Menschen an den Außengrenzen Europas aufmerksam zu machen. Am 8. Juli – also einen Tag nach Qamas’ Verhandlung – wird Harald um 18 Uhr am ‚Platz der Menschenrechte‘ in Wien eine Rede halten. Dies tut er im Rahmen der wöchentlichen Donnerstagsdemos – dem Äquivalent zu den Vorarlberger Sonntagsdemos.

WANN & WO: Stichwort Veränderung bewirken: Um selbst Veränderungen zu bewirken hast du deinen Lebensstil verändert. Du lebst seit einigen Jahren vegan und fischst noch genießbare Lebensmittel aus den Mülltonnen der Supermärkte. Wie lange machst du das schon und was gab für dich den Ausschlag zu „dumpstern“?

Laura Melzer: Ich lebe seit vier Jahren vegan. Ausschlaggebend war damals die Geburt meines Neffen. Mir wurde bewusst, dass es sich bald nicht mehr ausgehen wird, wenn es immer mehr Menschen gibt und alle Tierprodukte essen. Also habe ich mich informiert und die vegane Lebensweise für mich als den besten Weg für Klima-, Tier- und Umweltschutz gesehen. Wie wir Menschen mit den Tieren umgehen, sagt ganz schön viel über uns aus. Dumpstern bzw. Containern gehe ich seit sechs Jahren regelmäßig. Angefangen habe ich im Studium. In unserer WG konnten wir so viel Geld für den Einkauf sparen und gleichzeitig „überschüssige“ Lebensmittel aus der Tonne retten (siehe Bild oben). Welche Mengen an genießbaren Lebensmitteln wir aus den Containern der Supermärkte fischen, ist einfach unglaublich.

WANN & WO: Abschließend: Du setzt dich mit deinem Engagement und Aktivismus für nichts Geringeres als eine bessere Welt ein. Welche Message hast du abschließend für unsere Leser?

Laura Melzer: Bevor man über etwas unterteilt, einfach einmal kurz innehalten und sich die Frage stellen, wie man selbst in der Position der Anderen reagieren würde. Damit wären viele Konflikte gelöst und mehr Verständnis geschaffen.

<p class="caption">Konfliktmanagerin und Sozialarbeiterin Laura Melzer setzt sich nicht nur für ­Menschenrechte ein, sondern ist auch im Tier- und Umweltschutz aktiv.</p>

Konfliktmanagerin und Sozialarbeiterin Laura Melzer setzt sich nicht nur für ­Menschenrechte ein, sondern ist auch im Tier- und Umweltschutz aktiv.

<p class="caption">Lauras Vater half Qamar beim Lehrstoff für die Berufsschule. Im Gegenzug half Qamar bei der Familie aus.</p>

Lauras Vater half Qamar beim Lehrstoff für die Berufsschule. Im Gegenzug half Qamar bei der Familie aus.

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              Zur Person: Laura Melzer
            </p><p>Alter, Wohnort: 25, Hard/Wien</p><p>Ausbildung: Studium Soziale ArbeitFunktion: Konfliktmanagement der Stadt Wien</p><p>Hobbys: Aktivismus (Menschen, Tiere, Umwelt), Dumpstern, vegan Kochen und Backen, Familie</p>

Zur Person: Laura Melzer

Alter, Wohnort: 25, Hard/Wien

Ausbildung: Studium Soziale Arbeit
Funktion: Konfliktmanagement der Stadt Wien

Hobbys: Aktivismus (Menschen, Tiere, Umwelt), Dumpstern,
vegan Kochen und Backen, Familie

„Ich hoffe, dass Qamar das Recht bekommt, dort zu leben, wo er leben will – und das heißt in seinem Fall in Österreich.“

Laura Melzer über ihre Hoffnung auf eine mögliche Rückkehr von Qamar Abbas

„Bevor man über etwas urteilt, einfach mal kurz innehalten und sich die Frage stellen, wie man selbst in der Position der Anderen reagieren ­würde. Damit wären viele Konflikte gelöst und mehr ­Verständnis geschaffen.“

Laura Melzer würde sich mehr Empathie in der Gesellschaft

Kurz gefragt ...

Bodensee oder Donau?

Donau, weil Natur und Feiern perfekt ­kombiniert wird.

Was bringt dich so richtig auf die Palme? Augenrollen.

Und worüber freust du dich?

Über Pizza und liebe Worte.

Wann reicht’s dir so richtig?
Wenn eine Diskussion endet mit den Worten „Ja, schwieriges Thema“.

Vervollständige bitte folgenden Satz:
Die österreichische Asylpolitik ...
... ist ein schwieriges Thema. (schmunzelt)

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