„Die Drogen strömen aus allen Richtungen“

Daniel Ohr-Renn leitet die „taktisch klug“-Eventbegleitung. Mit W&W spricht er über die Wichtigkeit des Feierns für die Identität junger Menschen, psychische Belastungen durch die Pandemie und Instagram als Drogenportal.

WANN & WO: Vor Kurzem haben die Clubs wieder ihre Tore geöffnet – und somit ist auch „taktisch klug“ wieder beratend im Nachtleben unterwegs. Wie habt ihr die letzten Wochen und Monate erlebt – auch in Bezug auf Konsum?

Daniel Ohr-Renn: Wir haben bereits im Laufe des letzten Sommers gemerkt, dass der Bedarf, gemeinsam zu feiern, gerade für junge Menschen, enorm ist. Man darf ja auch nicht vergessen, was das gemeinsame Feiern für die Identitätsentwicklung der Jungen bedeutet. Der Konsum hat sich dann immer mehr in den öffentlichen Raum verschoben und wir haben ein mobiles Angebot ins Leben gerufen. An den ersten schönen Tagen dieses Sommers hat sich das Ganze erneut bestätigt und der Ansturm war extrem. Sowohl im öffentlichen Raum – siehe etwa die Bregenzer Pipeline –, als auch nun, wo die Clubs wieder offen haben.

WANN & WO: Die Pipeline war zuletzt ein Schlagzeilen bestimmendes Thema, das in endlosen Diskussionen und Verboten gipfelte. Wie kann so etwas künftig verhindert werden?

Daniel Ohr-Renn: Derartige Entwicklungen aufzuhalten, während sie passieren, ist sehr schwierig. Einfacher wäre es gewesen, sich im Vorfeld mit den jungen Menschen hinzusetzen, einen gemeinsamen Diskurs zu führen und Lösungen zu suchen. Dass der öffentliche Raum gestürmt wird, sobald es wieder möglich ist, war ja durchaus zu erwarten. Denn eines ist auch klar: Wenn das Wetter schön ist, werden sich junge Menschen ihren Rahmen selbst schaffen. Und so lange Phasen, in denen sie sich zurückziehen müssen, schlagen extrem auf die psychische Gesundheit. Wir sind nun in der Pandemiebekämpfung an einem Punkt, wo wir uns wieder auf Themen konzentrieren müssen, die zuletzt ins Hintertreffen geraten sind und die wir nun wieder vorholen müssen.

WANN & WO: Stichwort psychische Gesundheit: Allein im ersten Halbjahr 2021 gab es in Vorarlberg elf Drogentote zu betrauern. Mehr als im gesamten vergangenen Jahr. Ein Resultat der Pandemie-Situation?

Daniel Ohr-Renn: Wir wissen aus Gesprächen mit den Suchtberatungsstellen, dass der Ansturm auf die Einrichtungen enorm ist. Gerade bei jüngeren Konsumierenden gibt es durch die Pandemiesituation extreme psychische Belastungen, die sie durch problematische Strategien wie sehr riskantem Konsumverhalten versuchen, zu verdrängen. Problematisch ist in Vorarlberg auch der Mischkonsum von Opiaten, Benzodiazepinen und Alkohol. Bei diesen Substanzen handelt es sich um „Downer“, die sich auf das Atemzentrum auswirken. Im schlimmsten Fall kommt es zu Atemlähmung und Herzstillstand. Wir hören immer wieder von jungen Konsumenten, die auf diese Substanzen zurückgreifen. Zudem ist in Vorarlberg sehr hochwertiges Kokain im Umlauf – zu Jahresbeginn gab es am LKH Feldkirch vermehrt Notfälle mit der Substanz.

WANN & WO: Von welchem Alter sprechen wir bei „jungen Konsumenten“?

Daniel Ohr-Renn: Wir sind da bei 14 bis 18 Jahren. Dabei handelt es sich aber um Einzelfälle, das ist kein allgemeingültiges Einstiegsalter.

WANN & WO: Wie kommen so junge Menschen an derartige Substanzen?

Daniel Ohr-Renn: Der Zugang ist mittlerweile leider sehr einfach. Wir hören immer wieder, dass die Jungen über diverse Social Media-Kanäle dazu ge­­kommen sind. Die gängigsten Anwendungen hierzulande sind Snapchat und Instagram, Apps, die bekanntlich schon viele elf-, zwölf, 13-Jährige nutzen. Dazu kommt: Nach Vorarlberg strömen Substanzen aus allen Richtungen – von den Niederlanden nach Italien und von der Schweiz aus in den Osten. Und es zeigt sich auch durch die Informationen, die wir von Druck-Checking-Einrichtungen erhalten, dass bei uns ähnliche Substanzen im Umlauf sein dürften, wie etwa in Zürich oder Innsbruck.

WANN & WO: „taktisch klug“ bietet selbst keine Drug-Checks in Vorarlberg an. Warum nicht?

Daniel Ohr-Renn: Bislang scheiterte es am politischen Willen, die den Bedarf dafür nicht gegeben sieht. Wir wissen aber, dass im Ländle seit Jahren auf hohem Niveau konsumiert wird und es sehr wohl Bedarf geben würde – ähnlich wie in Innsbruck, wo es Drug Checks gibt, die, wie auch in Wien oder in der Schweiz, schon sehr etabliert sind. Wir verfolgen das Thema auf jeden Fall weiterhin.

<p class="caption">Daniel Ohr-Renn ist Bereichsleiter der koje-Eventbegleitung ­„taktisch klug“ in Bregenz.</p>

Daniel Ohr-Renn ist Bereichsleiter der koje-Eventbegleitung ­„taktisch klug“ in Bregenz.

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              Zur Person: Daniel Ohr-Renn
            </p><p>Alter, Wohnort: 32 Jahre, Hohenweiler</p><p>Familenstand: verheiratet, vier Kinder</p><p>Ausbildung/Beruf: Tontechnik in Wien, Studium Soziale Arbeit in Wien, ­Suchtberatung Wiener Neustadt, Bereichsleiter Eventbegleitung „taktisch klug“ – Koordinationsbüro für Offene Jugendarbeit in Bregenz</p>

Zur Person: Daniel Ohr-Renn

Alter, Wohnort: 32 Jahre, Hohenweiler

Familenstand: verheiratet, vier Kinder

Ausbildung/Beruf: Tontechnik in Wien, Studium Soziale Arbeit in Wien, ­Suchtberatung Wiener Neustadt, Bereichsleiter Eventbegleitung „taktisch klug“ – Koordinationsbüro für Offene Jugendarbeit in Bregenz

„Wir hören immer wieder, dass die Jungen über diverse Social Media-Kanäle zu den ­Substanzen gekommen sind. Die gängigsten sind ­hierzulande Snapchat und Instagram.“

Heute braucht es kein Darknet mehr, um an Drogen zu kommen, sagt Experte Daniel Ohr-Renn.

„Problematisch ist in Vorarlberg der ­Mischkonsum von Opiaten, Benzodiazepinen und ­Alkohol ... die Konsumenten sind teils ­zwischen 14 und 18 Jahre alt.“

Daniel Ohr-Renn über gefährliches Konsumverhalten bei Teenagern

Kurz gefragt ...

Wie bist du zur Jugendarbeit und Suchtberatung gekommen?
Ich spiele Bass und Gitarre und habe mit ein paar Freunden eine New Psychedelic Rock-Band. Durch die Musik war ich schon als junger Mensch mit Jugendarbeit konfrontiert und habe auch selbst Konzerte veranstaltet. Ich habe in Wien dann eine Ausbildung zum Tontechniker abgeschlossen und anschließend in einem Club gearbeitet. Dort hatte ich mit jungen Menschen, Partys und auch Substanzkonsum zu tun. Dadurch hat sich dann das Interesse entwickelt, mit jungen Menschen zu arbeiten.


Partys und Drogen sind in Wien und Vorarlberg weit verbreitet. Lässt sich ein Vergleich der beiden Regionen anstellen?
Wien hat natürlich ein viel größeres Angebot zum Ausgehen und Party machen. Aber was vor Ort passiert, ist in Wien und Vorarlberg sehr ähnlich. Auch wenn es in Wien vielleicht ein bisschen mehr den Hang zu illegalen Substanzen gibt als im Ländle. Aber auch hier ist der Konsum von illegalen Substanzen im Partysetting schon stark verbreitet. Manche Substanzen werden mehr konsumiert als andere. Hier gibt es aber einen ständigen Wandel.

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