„Die Psyche war der ,ärgere Hundling‘“

Eine Krebsdiagnose im Jahr 2019 warf die Orchester-Violinistin Tanja Scheichl-Ebenhoch aus Götzis völlig aus der Bahn. Mit W&W sprach die 48-Jährige offen über ihre Erkrankung und ihren harten Kampf zurück ins Leben.

WANN & WO: Frau Scheichl-Ebenhoch, ich sitze heute einer lachenden und lebensfrohen Frau gegenüber, deshalb die wichtigste Frage vorweg: Wie geht es Ihnen?

Tanja Scheichl-Ebenhoch: Es geht mir gut, danke. Es fällt mir aber nicht immer leicht, eine zufriedenstellende Antwort auf diese Frage zu geben. Es fehlt mir, unbekümmert zu sein, so wie mein Leben zuvor war. Ich muss alle drei Monate zur Kontrolle und bin noch immer in psychiatrischer Behandlung. „Es isch, wie’s isch.“ Ich habe Strategien für mich entwickelt, damit umzugehen und es in den Hintergrund zu drängen.

WANN & WO: Wie haben Sie damals festgestellt, dass etwas nicht stimmt?

Tanja Scheichl-Ebenhoch: Ich habe es im Geigenunterricht gemerkt, als ich gespielt habe. Ich habe am Hals ein kleines, hartes Ei gespürt, hatte Schmerzen an der Stelle. Das war ein sehr traumatischer Moment, ich war buchstäblich in Schockstarre. Ich hatte instinktiv sofort Angst und dachte: Mah Scheiße, der Lymphknoten! Ich kannte das schon von meiner Mama. Sie bekam vor 16 Jahren dieselbe Diagnose und starb nur drei Monate später an der Krankheit.

WANN & WO: Wie sind Sie damit umgegangen?

Tanja Scheichl-Ebenhoch: Ich habe es erst zu verdrängen versucht, habe so getan, als ob nichts wäre. Ich bin dann nach Hause und es meinem Mann erzählt. Und er sagte gleich: Lass es bitte anschauen. In der folgenden Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich bin dann zu meiner Hausärztin, die mich aber ans Krankenhaus verwies. Ich merkte aber an ihrer Reaktion, dass auch sie Angst hatte. Das war das Allerärgste.

WANN & WO: Wie ging es dann weiter?

Tanja Scheichl-Ebenhoch: Ich bin ins Krankenhaus, die Abklärung zog sich aber. Nach drei, vier Wochen hatte ich genug – ich wollte das Ding einfach raushaben. In Bregenz wurde der Tumor entfernt und an die Pathologie übergeben. Das dauerte wieder zehn Tage. Das war der Horror. In der Zwischenzeit hatte sich ein zweiter Tumor gebildet. Und dann klingelte eines mittwochs das Telefon – das Krankenhaus. Wir sind dann hingefahren und der Oberarzt versuchte, mir die Diagnose möglichst schonend beizubringen. Ich hatte ein hochmalignes Lymphom, ganz bösartig. Der Primar sagte, es gebe gute Mittel, die Behandlung sei zwar hart, aber ich wäre ja noch jung. Ich wollte das aber alles eigentlich gar nicht hören. Es war kein Trost.

WANN & WO: Dann begann sofort die Chemo-Therapie?

Ja, im Krankenhaus Hohenems. Ich musste mir alle drei Wochen stundenlang das Zeug in den Körper pumpen lassen, verlor dadurch auch meine Haare. Die körperliche Belastung war extrem. Die psychische Belastung war aber noch der „ärgere Hundling“. Ich bin in ein extremes Loch gefallen, hatte Angstzustände, Panik­attacken, Depressionen. Es war alles dabei. Das war schon eine eigene Dimension. Die Behandlung hat aber zum Glück gut angesprochen. Psychisch hat es mich aber extrem hinuntergerissen. Und auch körperlich war ich zu nichts mehr in der Lage. Ich hatte zehn Kilo weniger als heute, konnte nicht mehr aus dem Bett aufstehen, nicht mehr lesen, nicht mehr musizieren.

WANN & WO: Sie haben kürzlich ein Buch veröffentlicht, in dem Sie Ihre Geschichte erzählen. Ein Rat Ihres Psychiaters?

Tanja Scheichl-Ebenhoch: Nein, das habe ich mir quasi selbst verordnet. Das Kreative, das Intellektuelle hat mir sehr gefehlt. Ich habe immer gehört: Warte, warte. Aber das Warten wird irgendwann zum ärgsten Feind. Ein Tag kann so verdammt lange sein. Und es waren Monate! Zuerst habe ich auch nur für mich geschrieben, dann auch für Familie und Freunde. Sie waren immer für mich da und konnten so auch besser verstehen, was in mir vor sich geht. Auch wenn mich das Schreiben immer wieder hineingerissen hat, weil ich das Ganze noch einmal durchleben musste. Es ging dann aber immer besser. Schlussendlich hat es mich aufgefangen. Und schließlich dachte ich mir: Vielleicht hilft die Geschichte ja auch anderen. So entstand die Idee zum Buch.

WANN & WO: Klappt es heute mit dem Musizieren wieder?

Ja. Heute kann ich wieder ­Klavierspielen und auch die Geige geht in Ansätzen wieder. Ich kann zwar noch nicht wieder ins Symphonieorchester sitzen und drei Stunden üben, aber ich kann meinen Schülern wieder eine Phrase vorspielen. Ich habe aber noch immer das Gefühl, dass da etwas drückt – das ist aber eine reine Kopfsache.

<p class="caption">Tanja Scheichl-Ebenhoch hat den Krebs besiegt. Die Angst, dass er zurückkommt, ist aber noch immer da, verrät die 48-Jährige im Gespräch mit WANN & WO-Redakteur Harald Küng.</p>

Tanja Scheichl-Ebenhoch hat den Krebs besiegt. Die Angst, dass er zurückkommt, ist aber noch immer da, verrät die 48-Jährige im Gespräch mit WANN & WO-Redakteur Harald Küng.

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              Zur Person: Tanja Scheichl-Ebenhoch
            </p><p>Alter, Wohnort, Familienstand: 48 Jahre, Götzis, verheiratet, zwei Kinder</p><p>Karriere (Auszug): BORG Götzis, Studium Anglistik/Amerikanistik und Schulmusik auf Lehramt – Uni Innsbruck, Instrumentalpädagogik (Violine, Klavier) – Mozarteum Innsbruck, Konzertfachausbildung Mozarteum Salzburg, freiberufliche Orchestermusikerin, Würdigungspreis der Republik Österreich für besondere Leistungen in Musik</p>

Zur Person: Tanja Scheichl-Ebenhoch

Alter, Wohnort, Familienstand: 48 Jahre, Götzis, verheiratet, zwei Kinder

Karriere (Auszug): BORG Götzis, Studium Anglistik/Amerikanistik und Schulmusik auf Lehramt – Uni Innsbruck, Instrumentalpädagogik (Violine, Klavier) – Mozarteum Innsbruck, Konzertfachausbildung Mozarteum Salzburg, freiberufliche Orchestermusikerin, Würdigungspreis der Republik Österreich für besondere Leistungen in Musik

„Es isch, wie’s isch. Ich habe ­Strategien für mich entwickelt, damit umzugehen und es in den Hintergrund zu rücken.“ Tanja Scheichl-Ebenhoch auf die Frage, wie es ihr heute geht.

„Das Warten wird irgendwann zum Feind. Ein Tag kann so verdammt lange sein. Und es waren Monate!“

Tanja Scheichl-Ebenhoch über die erschöpfende Zeit während der Behandlung

Kurz gefragt ...

Welche Musik hören Sie privat?
Ich verehre Prince, er war ein grandioser Musiker. Ich liebe aber auch Mahler-Symphonien. Es gibt auch großartige Filmmusik: John Williams’ Star Wars Soundtrack etwa. Grundsätzlich höre ich Musik aus allen Genres, ich mag Vielseitigkeit.

Warum Violine? Ich weiß es nicht mehr genau. Meine Mama hat mir einmal erzählt, ich hätte als Kind im Fernsehen eine Geigerin gesehen und gesagt: Das will ich auch spielen.

Was würden Sie gerne noch lernen? Genial zu singen.

Vervollständigen Sie folgenden Satz: Musik ist für mich … in jeder Form ein wichtiger Teil meines Lebens.

Und die Familie? Steht an allererster Stelle.

Worüber können Sie lachen? Über vieles. Über Stermann und Grissemann beispielsweise. Und mittlerweile auch über mich selbst.

Was stimmt Sie traurig? Die Ungerechtigkeit auf dieser Welt. Aber auch ­Intoleranz, Machtstreben und Arroganz.

Worauf freuen Sie sich in naher Zukunft? Auf neue Projekte und reisen. Reisen aber nicht im Sinne von Urlaub machen, sondern zum Entdecken und Abenteuer erleben.

Sie haben eben ein Buch geschrieben. Was lesen Sie aber selbst gerne? Ich lese viele Biografien. Ich liebe aber Gabriel García Márquez. Ein großartiger und schonungsloser Schriftsteller aus Kolumbien.

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