„Erstkontakt zu Pornos teils mit sechs Jahren“

Im Talk mit WANN & WO spricht der Feldkircher Medienexperte und Jugendarbeiter ­Martin Fellacher (44) über sich verbarrikadierende Jugendliche, die „Illusion der Kontrolle“, frühen Kontakt zu Pornografie und Kleinkinder, die über Fotos wischen.

WANN & WO: Herr Fellacher, die Digitalisierung hat während der Pandemie nicht nur Home Office und Home Schooling ermöglicht – auch die Mediennutzung bei Kindern und Jugendlichen ist stark angestiegen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Martin Fellacher: Es gibt dazu zwar bereits erste Studien, diese sind aber sehr mit Vorsicht zu genießen. Denn ich glaube, dass wir noch lange nicht am Ende dieser Entwicklung sind und wir das erst noch massiv spüren werden. Aber wir kennen aus unserer täglichen Arbeit bereits Fälle von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die nicht mehr aus ihrem Zimmer kommen, sich komplett verbarrikadieren und die Mediennutzung eine riesige Rolle einnimmt. Dabei ist in den meisten Fällen aber nicht die Mediennutz­ung die zugrunde liegende Ursache, Medien vereinfachen die Situation für die Betroffenen allerdings. Denn sich über Wochen oder Monate ohne Social Media im Zimmer einzusperren, kann langweilig werden.

WANN & WO: Wie können Eltern da reagieren? Braucht es stete Kontrolle? Und ab wann greift man in die ­Privatsphäre der Jungen ein?

Martin Fellacher: Es gibt da den Begriff der „Illusion der Kontrolle“. Erwachsene versuchen ja immer, Dinge zu kontrollieren. Kinder und Jugendliche sind aber sehr kreativ, wenn es darum geht, Kontrolle zu umgehen. Kontrolle bedeutet ja auch, davon auszugehen, dass das Kind „eh Scheiße baut“. Besser ist der Ansatz der Wachsamen Sorge: Solange man das Gefühl hat, mit dem Kind läuft alles gut, braucht es nicht viel Nachsicht. Wenn ich aber merke, da stimmt etwas nicht, muss ich präsent sein und Interesse zeigen. Am schlechtesten ist, heimlich den Verlauf des Nachwuchses zu prüfen. Da geht viel Vertrauen verloren.

WANN & WO: Worauf sollten Eltern spezielles Augenmerk legen?

Martin Fellacher: Wir wissen, dass Kinder im Schnitt schon im Alter von zehn bis zwölf Jahren erstmals Kontakt zu Pornografie haben. Je nach Studie sogar schon mit sechs Jahren. Neben pornografischen Inhalten wird speziell Cybermobbing zu einem immer gewaltigeren Problem. Bei Mobbing hat man zumindest zuhause seine Ruhe. Cybermobbing verfolgt Betroffene aber immer und überall. Hier möchte ich noch einmal auf das Thema Privatsphäre zurückkommen: Es ist wichtig, dass Eltern sich die Gruppenchats anschauen. Denn was in diesen passiert, hat nichts mehr mit Privatsphäre zu tun. Jeder, der in der Gruppe ist, kann alles überall hin schicken. Es geht nicht darum, die Chats meines Sohnes mit seiner ersten Freundin zu lesen. Aber Gruppenchats sind da ein ganz anderes Thema.

WANN & WO: Bringt es etwas, den Kindern und Jugendlichen einen ­zeitlichen Rahmen zu setzen?

Martin Fellacher: Dieses Thema ist in Familien weit verbreitet und ruft auch täglich Konflikte herbei. Ich halte das eher für problematisch. Nicht zuletzt in Zeiten von Home Schooling und Home Office: Ein Smartphone ersetzt heute das Telefon, den Walkman, den Taschenrechner – ja sogar die Taschenlampe. Zudem habe ich das ganze Wissen der Welt in der Hand und brauche es für Schule und Arbeit. Die Kids haben die Geräte dann trotzdem in der Hand. Zählt das dann zur zeitlichen Beschränkung, oder nicht? Besser ist es, man macht Zeiten aus, an denen klar ist: Da hat das Smartphone nichts verloren. Am Esstisch, beim Frühstück, etc. Das bedeutet aber auch, dass die Eltern ihre Smartphones weglegen und nicht dauernd draufstarren. Letzteres gilt sowieso auch ganz allgemein: Denn schon die Kleinsten sehen, dass Mama und Papa immer ins Smartphone schauen, darauf herumtippen, etc. Das geht dann so weit, dass Kleinkinder damit anfangen, auf Fotos herumzuwischen, um sie zu vergrößern, weil sie es eben so gesehen haben.

<p class="caption">Sozialarbeiter und Autor Martin Fellacher aus Feldkirch im Gespräch mit WANN & WO-Redakteur Harald Küng.</p>

Sozialarbeiter und Autor Martin Fellacher aus Feldkirch im Gespräch mit WANN & WO-Redakteur Harald Küng.

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              Zur Person: Martin Fellacher
            </p><p>Alter, Wohnort, Familienstand: 44, Feldkirch (geboren in Graz), verheiratet, zwei Kinder</p><p>Ausbildung/Beruf: HTL Rankweil, Akademie für Sozialarbeit, Jugend- und Suchtarbeiter, Leiter der Caritas Flüchtlings und Migrantenhilfe, Obmann Verein „B4HP – Bridges for Hope and Peace“, Geschäftsführer PINA – Neue Autorität, Feldkirch, Autor</p><p>Hobbys: Tennis, laufen, biken und Fußball</p>

Zur Person: Martin Fellacher

Alter, Wohnort, Familienstand: 44, Feldkirch (geboren in Graz), verheiratet, zwei Kinder

Ausbildung/Beruf: HTL Rankweil, Akademie für Sozialarbeit, Jugend- und Suchtarbeiter, Leiter der Caritas Flüchtlings und Migrantenhilfe, Obmann Verein „B4HP – Bridges for Hope and Peace“, Geschäftsführer PINA – Neue Autorität, Feldkirch, Autor

Hobbys: Tennis, laufen, biken und Fußball

„Bei Mobbing hat man zumindest zuhause seine Ruhe. Cybermobbing verfolgt Betroffene aber immer und überall.“

Martin Fellacher

Kurz gefragt ...

Sie sind in Graz zur Welt gekommen. Hat es mit dem Vorarlberger Dialekt schnell geklappt?
Ich bin schon sehr früh ins Ländle ­gekommen. Zuhause wurde aber nie Dialekt gesprochen, ich bin also quasi zweisprachig aufgewachsen (lacht). In Deutsch habe ich mir so immer ein bisschen leichter getan, als meine ­Mitschüler.


Sie haben in Papua-Neuguinea ein HIV-Zentrum aufgebaut und waren über ihren Verein „B4HP“ bereits in der Westbank – beides sehr arme und gefährliche Regionen. Was zieht Sie in diese Gegenden und was haben Sie von Ihren Reisen gelernt?
Allem voran steht immer der Wunsch, den Menschen zu helfen sowie das Interesse und die Lust, Neues kennenzulernen und andere Perspektiven auf die Dinge zu bekommen. Man lernt extrem viel, wenn man unterwegs ist. Ich meide aber Regionen wie etwa den Gazastreifen. Dort ist es zu gefährlich. Als Ehemann und Familienvater überlegt man sich doppelt, ob man dahin fliegt.

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