„Jetzt bin ich mal dran, zu leben“

Gute Seele mit schlimmer Vergangenheit: Christina Bickel aus Bludesch hat im Leben schon vieles mitmachen müssen – und ist trotzdem immer für die Schwächsten da.

WANN & WO: Gerade hast du wieder die Nikolaus-Aktion für die W&W-Patenkinder bei Wucher Helicopter besucht, seit Jahren veranstaltest du das Sandro Bickel Charity Race. Wie bist du dazu gekommen?

Christina Bickel: Schon seit ich denken kann, liegen mir die bedürftigen Kinder sehr am Herzen. Viele Familien haben es nicht einfach. Ich bin froh, dass ich zwei gesunde Kinder und fünf gesunde Enkelkinder habe und möchte deshalb umso mehr jene unterstützen, die es nicht so gut haben.

WANN & WO: Dabei hattest du es selbst auch nicht immer leicht.

Christina Bickel: Das stimmt – gar nicht leicht. Ich habe für Tag und Nacht arbeiten müssen. Ich musste den Haushalt ganz allein versorgen, nebenbei die Kinder aufziehen und natürlich auch noch in der Werkstatt arbeiten. Mal einen Kaffee trinken gehen, Menschen treffen, das konnte ich nicht. Ich hatte keinerlei Kontakte, mein Leben bestand nur aus Arbeit. Heute habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Freundin.

WANN & WO: Und du hast das alles immer hingenommen?

Christina Bickel: Ich war schon immer die Fleißige, die Brave und kannte es ja nicht anders. Ich hatte damals schon mehrfach meine Koffer gepackt und wollte gehen. Aber wo hätte ich hin sollen? Ich hatte ja keine Freunde, kein eigenes Geld. Erst im Jahr 2015 hatte ich genug von all dem. Damals wollte mein Mann einen Wohnblock direkt neben unser Haus bauen. Da habe ich zum ersten Mal „Nein“ gesagt. Und ab da ging es bergab.

WANN & WO: Was ist passiert?

Christina Bickel: Er hat mich ständig fertiggemacht. Nichts konnte ich ihm recht machen und er ist wegen jeder Kleinigkeit an die Decke gegangen. Seine Pension hat er komplett für sich behalten und sich von meiner kleinen Frühpension mitversorgen lassen. Er sagte mir, wenn ich gehe, bräuchte ich niemals wieder kommen und er würde dafür sorgen, dass ich nicht mehr auf die Beine komme.

WANN & WO: Und als wäre das nicht schon schlimm genug, bist du 2018 auch noch schwer krank geworden.

Christina Bickel: Richtig, da wurde bei mir Brustkrebs diagnostiziert. Als ich meinem Mann davon erzählte, hat er so gut wie gar nicht reagiert. Ich habe dann auch schnell Chemotherapie bekommen, bin operiert worden und wurde bestrahlt. In all der Zeit hat er mich nicht einmal gefragt, wie es mir geht oder mir bei irgend-etwas geholfen. Ich musste selbst zu meiner eigenen OP und zu den Chemos gefahren. Daneben musste ich freilich weiter den Haushalt führen – und meine ehelichen Pflichten vollbringen.

WANN & WO: Während du so schwer krank warst?

Christina Bickel: Ja, er hat mich gezwungen – missbraucht, geschlagen. Sogar gezwungen, mich beim Sex filmen zu lassen. Es war einfach nur furchtbar erniedrigend.

WANN & WO: Wie kann ein Mensch so etwas aushalten?

Christina Bickel: Ich weiß es auch nicht. Mein Sohn und meine Tochter haben mich natürlich am Leben gehalten. Und ich glaube, es lag auch daran, dass ich keine andere Wahl gesehen habe. Er hat mich ja stets bedroht. Auch als er schon längst fremdging, hätte ich ihn nicht verlassen dürfen.

WANN & WO: Letzten Endes musstest du das auch nicht: Dein Mann hat sich das Leben genommen.

Christina Bickel: Ja, vor zwei Jahren war das. Ich weiß noch, wie ich an dem Tag aufgestanden bin und mich gewundert habe, dass überall im Haus das Licht brennt. In jedem Raum. Dann bin ich hinuntergegangen und habe schon gesehen, dass die Tür zur Werkstatt offen stand. Das hat mich gewundert, denn sie steht sonst nie offen. Ich bin zur Tür gegangen, um sie zu schließen. Und dabei habe ich ihn tot daliegen sehen.

WANN & WO: Was ging dir da durch den Kopf?

Christina Bickel: Das ist ganz schwer zu beschreiben. Denn trotz allem, was er mir angetan hat, war ich auch traurig. Es war ja nicht alles schlecht in unserer gemeinsamen Zeit, es waren ja auch schöne Sachen dabei.

WANN & WO: Wie bist du
wieder auf die Beine gekommen?

Christina Bickel: Bei meiner Krebs-Reha merkten die Ärzte, dass ich am Ende war und verschrieben mir Psychotherapie. Es tat gut, über das alles zu reden. Dort habe ich dann auch gelernt, abzuschließen. Es hilft mir auch, Gutes zu tun, wie bei unserem Sandro Bickel Charity Race. Wenn ich das Leuchten in den Augen der Kinder sehe, geht mir das Herz auf. Dann geht es mir wieder gut. Und natürlich haben mir auch mein Sohn Sandro, seine Frau und meine Enkelin Lena in den schweren Stunden geholfen.

WANN & WO: Fängt für dich jetzt ein neues Leben an?

Christina Bickel: Absolut. Gerade hab ich mir mein erstes Tattoo stechen lassen, einen Baum mit den Namen meiner Enkel. Ich habe mir auch ein Nasenpiercing stechen lassen und bekomme demnächst eine Wimpernverlängerung – ich lasse mich jetzt runderneuern. (lacht) Und ich habe mir meine kleine Hündin Maja und mein eigenes Wohnmobil gekauft.Ich will reisen – viel zu lange war ich an dieses Haus gefesselt. Ich will jetzt einfach endlich auch mal glücklich sein. Jetzt bin mal ich dran, zu leben.

<p class="title">
              Zur Person: Christina Bickel
            </p><p>Geburtsdatum, Wohnort: 28. Dezember 1956, Bludesch</p><p>Familie: verwitwet, zwei Kinder, fünf Enkel</p><p>Beruf: Pensionistin, ehem. bei Auto Bickel BludeschEngagement: Sandro Bickel’s Charity-Race,WANN & WO-Patenkinder</p>

Zur Person: Christina Bickel

Geburtsdatum, Wohnort: 28. Dezember 1956, Bludesch

Familie: verwitwet, zwei Kinder, fünf Enkel

Beruf: Pensionistin, ehem. bei Auto Bickel Bludesch
Engagement: Sandro Bickel’s Charity-Race,
WANN & WO-Patenkinder

„Während meiner Krebserkrankung hat mein Mann nicht einmal gefragt, wie es mir geht. Ich musste selbst zu meiner eigenen OP und zurück fahren. Daneben musste ich weiter den Haushalt führen – und meine ehelichen Pflichten erfüllen.“

Christina Bickel über ihre schwere Vergangenheit.

Kurz gefragt ...

Wohin geht deine nächste Reise?
Ich bin mir noch nicht sicher, aber wahrscheinlich zu einer Bekannten nach Kärnten. Ich habe mir jetzt auch extra ein E-Bike und einen Kiki für Maja gekauft, damit ich dort mit ihr radeln kann.

Was nimmst du dir für dein neues Leben vor?
Viel Zeit mit meinen Enkeln ver-bringen. Und tun, was ich möchte, was mir gut tut.

Hast du ein Lebensmotto?
Gesund bleiben und für alle da sein, die etwas brauchen – aber auch für sich selbst.

Wann & Wo | template