„Wir sind eigentlich ja total bescheuert“

Im März feiert das ­Feldkircher Gastro-­Urgestein Reinhard Rauch seinen 60. Geburtsag. Ein schöner Anlass, um auf sein Leben zurück- und auf seinen „Unruhestand“ vorauszublicken.

WANN & WO: Herr Rauch, Sie feiern in Bälde ihren 60. Geburtstag. Seit vier Jahrzehnten sind in der Gastro tätig, seit 30 Jahren selbstständig. Eine lange Zeit? Oder sind die Jahre eher im Flug vergangen?

Reinhard Rauch: (lacht) Ja, manchmal denke ich mir schon: Puh, ich weiß gar nicht, wo die letzten 40 Jahre hin sind. Ich habe den Job in der Gastro nie als Arbeit gesehen. Ich möchte nicht von Berufung sprechen, aber es war einfach mein Leben und hat mir immer sehr viel Spaß gemacht. Es ist auch wirklich so: Ich bin in all den Jahren keine fünfmal ungern zur Arbeit gegangen.

WANN & WO: Wie kamen Sie ­überhaupt in die Gastronomie?

Reinhard Rauch: Ich habe die Handelsschule besucht, war aber alles andere als ein guter Schüler. Ich bin immer ganz hinten gesessen, hatte nur Blödsinn im Schädel. Danach habe ich eine Zeit lang im Finanzamt gearbeitet. Das war aber auch nichts für mich. Zu jener Zeit bin ich mit Freunden auf Mopeds oft ins Tessin gefahren – und habe dort im Gastgewerbe richtig lässige Leute kennengelernt. Die haben mir dann gesagt: Du brauchst hier keine Lehre, du musst nur fit für den Job sein. Also habe ich mich in der Schweiz beworben. Das war mein Einstieg in die Gastro – und gleichzeitig der Ausstieg aus meinem Bürojob.

WANN & WO: Bevor Sie in der Vorarlberger Gastro erfolgreich Fuß fassten, heuerten Sie auf einem Kreuzfahrtschiff der US-amerikanischen Royal Viking Line an. Wie erlebten Sie diese Zeit?

Reinhard Rauch: Ich arbeitete anderthalb Jahre auf einem Fünfstern-Kreuzer, landete in Alaska, auf Fidschi, in Shanghai oder auch Australien. Das Reisen hat mir sehr gefallen. Aber es war eine sehr US-amerikanische Struktur an Bord. Im Gang hingen beispielsweise Schilder mit dem Schriftzug: Smile! Ich bin ein natürlicher „Smiler“ – wenn es angebracht ist. Auf Dauer war es dann aber viel Lächeln für nichts. Irgendwann hat es mich auch nur noch abgestoßen: Die Gäste haben sich Berge von Lachs und Rentier auf den Teller geladen, zum Schluss dann noch den Pudding drauf. Am Anfang hatte das Ganze noch etwas Kabarettistisches, aber irgendwann hat es mir gereicht. Ich bin dann aufs Festland zurück, war in der Türkei, in Italien, Griechenland oder auch in Frankreich. Und schließlich ging es zurück ins Ländle.

WANN & WO: Wo Sie 1992 gemeinsam mit Ihrem Bruder die „Sonderbar“ in Feldkirch ins Leben gerufen haben. Wie lief der Start in die Selbstständigkeit?

Reinhard Rauch: Die Sonderbar war durchaus etwas Spezielles für mich. Was mir in der Szene damals gefehlt hat, war Musik, die uns getaugt hat. Und die Sonderbar wurde vom ersten Tag an super angenommen. Das hat mich damals schon überrascht. Das Ende der Bar im Jahr 2012 nahm ich schon mit einem weinenden Auge wahr. Aber es ging dann ja mit dem Rauch Club, der Gastro und dem Café weiter.

WANN & WO: Stichwort Rauch Club: Wie haben Sie die vergangenen zwei Jahre Pandemie erlebt und was steht auf dem Programm? Am 5. März geht‘s in den Clubs ja wieder los.

Reinhard Rauch: Wir freuen uns schon sehr auf den Club, haben auch ein Top-Programm! Endlich wieder. Denn es war schon schwierig. Zwischendurch dachte man: Jetzt wird es besser – und dann ist wieder ein Dämpfer gekommen. Ich muss auch wirklich sagen: Die armen jungen Leute! Mit 17, 18 Jahren, wo man seine musikalischen Vorlieben findet, Lieblingslokale hat, sein soziales Umfeld sich festigt oder auch noch Schule ansteht – das wurde ihnen alles entzogen. Aber ich weiß, dass sie sich das nicht nehmen ließen. Das hätten wir auch nicht.

WANN & WO: Mit Blick auf Ihren 60er: Werden Sie es künftiger etwas ruhiger angehen?

Reinhard Rauch: Es hat bei mir schon ein Umdenken gegeben. Als Klaus Feurstein im Dezember 2020 verstarb, hat mich das schon sehr beschäftigt. Er war ein guter Freund und ein Urgestein im Vorarlberger Nachtleben. Er hat bis 68 gearbeitet, aufgehört – und wenig später die Krebsdiagnose bekommen. Das gibt einem schon zu denken. Ich hatte Zeiten, in denen ich sieben Tage in der Woche bis zu 15 Stunden gearbeitet habe. Dann bin ich in einen Club. Und am nächsten Tag wieder zur Arbeit. Das kann und will ich aber nicht mehr bis 70 machen.

WANN & WO: Freuen Sie sich auf den Ruhestand?

Reinhard Rauch: Ich glaube ja eher an einen Unruhestand. Drei, vier Monate im Jahr werde ich sicherlich auf Ibiza verbringen. Das wäre der Plan. Ibiza ist schon lange mein Rückzugsort. Der Norden der Insel ist schön ruhig, es ist überall sehr sauber und im Süden gibt es Party in den Clubs. Zudem ist Ibiza sehr international, ein Konglomerat von alten Coolen und jungen Coolen aus aller Welt. Zudem liegt bei mir zuhause noch ein ganzer Stapel ungelesener Bücher, durch die ich mich wälzen möchte – bevorzugt an einem Strand. Der Rest kommt wie er kommt.

WANN & WO: Abschließend: Welche Hoffnungen oder Erwartungen haben Sie für 2022? Sehen Sie einen ­Silberstreifen am Horizont?

Reinhard Rauch: Den Silberstreifen habe ich am Kopf. (lacht) Wenn ich an die Lage in der Ukraine denke, sträubt sich alles in mir. Das klingt jetzt vielleicht etwas Hippie-mäßig, aber ich wünsche mir einfach nur Frieden. Und dass der Mensch be­­dachter mit sich und der Natur um­­geht. Wir sind ja eigentlich total bescheuert. Wohin soll das alles noch führen? Ein Umdenken würde mich sehr freuen. Denn wir können nicht so weitermachen wie bisher.

<p class="caption">Im September schließt das RIO in Feldkirch. Reinhard Rauch wird dem Rauch Club aber – zumindest in den kommenden Jahren – an der Seite von Daniel Schweighofer ­erhalten ­bleiben, verrät der Gastronom im Gespräch mit WANN & WO. Fotos: Stiplovsek</p>

Im September schließt das RIO in Feldkirch. Reinhard Rauch wird dem Rauch Club aber – zumindest in den kommenden Jahren – an der Seite von Daniel Schweighofer ­erhalten ­bleiben, verrät der Gastronom im Gespräch mit WANN & WO. Fotos: Stiplovsek

Kurz gefragt ...


Wie verbringen Sie Ihre Zeit, wenn Sie nicht in Restaurants oder Clubs ­anzutreffen sind?
Ich reise sehr gerne, bin auch ein großer Filmfan. Zudem lese ich sehr viel, speziell Bücher zum Thema Natur. Die Welt ist voller Wunder. Und der Mensch zerstört sie nach und nach.

Sie sind ein großer Musikliebhaber. Sind Sie selbst auch musikalisch?
Musik ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens und wirkt auch therapeutisch. Sie kann beruhigen, aber auch – wenn ich etwa an Punk denke – sozial herausfordern und ein Ventil sein, um Ärger abzulassen. Ich habe tausende Platten zuhause und habe als Junger auch Gitarre gespielt. Ich habe auch ein Klavier, spielen kann ich aber nicht. Das steht noch auf meiner Liste. (lacht)


Gibt es etwas, das Sie bereuen? Oder worauf Sie besonders stolz sind?
Eigentlich nein. Ich weiß, wo meine ­Fehler liegen. Es ist einfach alles so gekommen, wie es eben gekommen ist – und das hat gepasst. (lacht)