„Die Formel 1 ist eine verrückte Welt“

Illustre Runde: FIA-General­sekretär Peter Bayer (­vorne rechts) mit Toto Wolff (Mercedes), Mattia Binotto (Ferrari) und Ex-FIA-Präsident Jean Todt.

Illustre Runde: FIA-General­sekretär Peter Bayer (­vorne rechts) mit Toto Wolff (Mercedes), Mattia Binotto (Ferrari) und Ex-FIA-Präsident Jean Todt.

Peter Bayer aus Au (50) bekleidet als ­FIA-General­­­­­- sekretär Sport eines der höchsten Ämter im Formel 1- Zirkus. Mit W&W sprach er über den Bregenzerwald, die „Faszination F1“, Superstars und warum in Russland nicht gefahren wird, in Saudi-Arabien aber schon.

WANN & WO: Wie kommt man aus dem kleinen Au im Bregenzerwald in eine der wichtigsten Funktionen im internationalen Sport?

Peter Bayer: Ich bin noch immer sehr mit Au verbunden, bin auch noch zwei- bis dreimal im Jahr auf Heimatbesuch. Mein Papa war Gendarm in Au, meine Mama arbeitete im Gasthaus Adler. Damals war das noch eine Landwirtschaft, heute steht hier das Hotel Adler. Die Zeit auf dem Bauernhof hat mich sehr geprägt. Gleichzeitig war Au aber auch zu klein für mich. Ich wollte immer wissen, was in der großen weiten Welt passiert. Außerdem kennt jeder jeden im Dorf – das hat mich unglaublich genervt. (lacht) Ich wollte da eigentlich immer raus. Das hat mir dann auch sehr viel Energie und Motivation für meine Karriere gegeben, bei der aber auch das Glück immer wieder auf meiner Seite war.

WANN & WO: Trotz Ihrer Karriere und Ihrer Funktion machen Sie einen sehr bodenständigen ­Eindruck. Haben Sie das von zuhause so ­mitbekommen?

Peter Bayer: Ich glaube, Bodenständigkeit ist definitiv eine Qualität, die man im „Wold“ mitbekommt und die auch meinen Eltern wichtig war. Ich versuche auch, in dem ganzen Wahnsinn, in dem ich mich bewege, normal zu bleiben, mich zu besinnen, wo ich herkomme. Denn am Ende des Tages bin ich einfach der Peter Bayer. Manche Leute haben aber tatsächlich ein Problem damit: Die erwarten sich, dass der Generalsekretär der FIA/ Formel 1 eine totale Zicke sein muss. Und die sind dann ganz verwundert: Warum bist du so normal? (lacht) Ich gebe das auch meinen Kindern so weiter, mir ist das sehr wichtig. Und sollte es einmal hart auf hart kommen – an einem Sessel wie meinem wird gern gesägt – habe ich immer noch meine Skilehrerlizenz. (lacht)

WANN & WO: War Motorsport in Ihrem Elternhaus ein Thema?

Peter Bayer: Ja, mein Papa ist jeden Sonntag vor dem Fernseher gesessen und hat Formel 1 geschaut. Als Kind hat mich das sehr fasziniert: die Technologie, die Geschwindigkeit, das ganze Drumherum und der Aufwand, der betrieben wird. Das sind sehr schöne Erinnerungen. Ich dachte mir immer: Da will ich irgendwann selbst ein Teil davon sein. Und es geht mir heute noch so wie in meiner Kindheit: Sobald die Rolex auf Null springt, gibt mir das den Kick, dann beginnt die Show.

WANN & WO: Wer war denn der Held Ihrer Kindheit?

Peter Bayer: Ganz klar Niki Lauda. Seine Geschichte, sein Fahrstil, das hat mich wahnsinnig interessiert. Ich hatte auch das Glück, mit ihm arbeiten zu dürfen. Das war sehr beeindruckend. Er war unglaublich präzise. Am Anfang war ich nervös, er wirkte immer sehr ernst. Auch in den Meetings. Er schien unnahbar. Aber wenn er dich gekannt hat, dann war er ein unglaublich netter und herzlicher Mensch. Ich erinnere mich noch an einen Termin mit ihm, Chase Carey von Liberty Media, Jean Todt, Toto Wolff und Sergio Marchionne im neuen F1-Büro in London. Plötzlich ging der Feueralarm los. Wir dachten erst an eine Übung und haben einfach weitergemacht. Chase ging dann nachschauen, kam zurück und sagte: Leute, wir müssen raus, es brennt wirklich. Alle standen auf und rannten hinaus, nur Niki blieb sitzen. Und ich sagte: Niki, wir müssen gehen. Und er meinte nur cool: Macht euch keine Sorgen, ich bin feuerfest. (lacht) Es ist wirklich schade, dass es ihm nicht besser gegangen ist. Er war eine große Persönlichkeit und eine österreichische Legende.

WANN & WO: Hollywood und Superstars sind seit jeher ein großer Bestandteil des F1-Zirkusses. Welche Persönlichkeit ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Peter Bayer: Letztes Jahr überreichte Basketball-Legende Shaquille O’Neal die Trophäen beim GP in Austin, Texas. Mein Büro befand sich direkt hinter dem Podium. Nach der Siegerehrung kam er herein und bat um ein Glas Wasser. Auf meinem Schreibtisch stand ein Teller mit Keksen und er fragte, ob er einen haben dürfe. Ich sagte natürlich ja und er griff mit seiner riesigen Hand zu: Mit einem Griff war der Teller leer. (lacht) Ich durfte auch Fußballstar Neymar kennenlernen, ein unfassbar netter Mensch. George Lucas oder Michael Douglas sind regelmäßige Gäste. Die F1 ist eine verrückte Welt und ich denke mir immer wieder: Unglaublich, nie im Leben hätte ich geträumt, solche Persönlichkeiten kennenlernen zu dürfen als „Peterle us dr Ou“. (lacht)

WANN & WO: Wenn dieses Interview erscheint, sind Sie gerade in Saudi-Arabien. Es gibt Kritik daran, dass die FIA Russland ausgeschlossen hat, in Saudi-­Arabien aber fährt. Wie sehen Sie das?

Peter Bayer: Die Grundregel, dass man Sport und Politik nicht vermischen darf, muss bestehen bleiben. Sowohl in der Olympic Charta als auch in den F1-Statuten ist verankert, dass Diskriminierung aufgrund Ethnie, Religion, sexueller Orientierung etc. keinen Platz hat. Daran arbeiten wir auch in Saudi-Arabien, das sich ja durchaus öffnen will. Es ist allerdings ein langwieriger Prozess. Aber: Als Sebastian Vettel im vergangenen Jahr mit einem Regenbogenhelm gefahren ist, war das mit uns abgestimmt. Ich habe Prinz Khalid angerufen und gesagt: Wir unterstützen das und ich möchte nicht, dass es zu Konsequenzen kommt. Vor unserem Rennen war gleichgeschlechtliche Liebe kein öffentliches Thema. Der Russland-Ukraine-Konflikt ist aber ein Jahrhundertereignis, das alles übersteigt, was wir in den vergangenen Jahrzehnten gesehen haben. Und ich denke, unsere Reaktion war schnell und angebracht. Fotos: handout/Peter Bayer

<p class="caption">Meeting mit Stefano Domenicali (F1-Präsident und CEO sowie ein enger Freund Bayers), FIA-Präsident Mohammed Ben Sulayem und Flavio Briatore.</p>

Meeting mit Stefano Domenicali (F1-Präsident und CEO sowie ein enger Freund Bayers), FIA-Präsident Mohammed Ben Sulayem und Flavio Briatore.

<p class="caption">Peter Bayers Frau Isabelle und seine beiden Söhne Marlon und Fernando am Red Bull Ring. „Ohne die Unterstützung meiner Familie könnte ich meinen Job nicht machen.“</p>

Peter Bayers Frau Isabelle und seine beiden Söhne Marlon und Fernando am Red Bull Ring. „Ohne die Unterstützung meiner Familie könnte ich meinen Job nicht machen.“

<p class="caption">Auf dem Grid in Monaco mit „Spider-Man“ Tom Holland.</p>

Auf dem Grid in Monaco mit „Spider-Man“ Tom Holland.

«Wir hatten ein Meeting und plötzlich ging der ­Feueralarm los. (...) Alle standen auf und rannten hinaus, nur Niki blieb sitzen und meinte cool: Macht euch keine Sorgen, ich bin feuerfest.»

Peter Bayer über die Arbeit mit der österreichischen F1-Legende Niki Lauda

Kurz gefragt

Kürzlich erschien auf Netflix die vierte Staffel „Drive to Survive“. Schon gesehen?

Ich hatte noch nicht die Zeit dazu, werde das aber wohl beim Flug nach Australien nachholen. (lacht) „Drive to Survive“ hat die F1 aber massiv verändert, die Fanbase ist dadurch unglaublich gewachsen.

Ihre favorisierte Strecke?
Spa ist sehr beeindruckend. Oder auch Monza, der „Temple of Speed“. Ich bin da wohl eher Traditionalist, wobei Jeddah auch großartig ist.

Inwiefern waren Sie in das neue Reglement involviert?

Ich bin kein Ingenieur, kann also keine Lorbeeren für das Aerodynamikkonzept beanspruchen. Das Racing in Bahrain war aber großartig, das neue Reglement funktioniert. Ich habe die „Cost-Cap“ mitentwickelt, die für mehr Chancengleichheit sorgen soll.