„,Ghörig schaffa‘ bringt auch in New York Erfolg“

Der Bregenzer Stardesigner Stefan Sagmeister (59) blickt auf eine erfolgreiche Karriere zurück. WANN & WO traf den Wahl-New-Yorker auf Heimatbesuch im „vorarlberg museum“ und sprach mit ihm über das Älterwerden, Rockstars, die Grammys und Schönheit.

WANN & WO: Herr Sagmeister: Im August feiern Sie Ihren 60er. Ist das Alter etwas, das Sie beschäftigt?

Stefan Sagmeister: Eine meiner Schwestern feiert heuer ihren 70er. Vergangenes Wochenende hatten wir eine Familienfeier, wo wir beide Geburtstage zusammengelegt haben. Mein Neffe hat dazu eine Karte mitgebracht, die ich während meines Studiums an der Angewandten für Mama und Papa zu deren 60er und 70er gestaltet habe. Für mich als 23-Jährigen waren die beiden damals uralt. (lacht) Auf unserer Einladung stand nun Stefan und Christine – 60 und 70. Das hat mich schon ein wenig gerüttelt. Aber ich bin eigentlich sehr gerne so alt, wie ich bin. Hätte ich eine Zeitmaschine und dürfte nochmal 30 sein, würde ich nicht zurückreisen. Ich war sehr zufrieden zwischen 30 und 60, möchte es aber nicht nochmal durchleben. Ich gehöre auch überhaupt nicht zu jenen, die glauben, dass früher alles besser war.

WANN & WO: Sie haben das Ländle schon jung verlassen und blicken auf eine sehr erfolgreiche Karriere in New York zurück. Warum der Big Apple?

Stefan Sagmeister: Mich hat es schon als Jugendlicher immer in die Großstadt gezogen. Für mich stand auch fest, dass ich in Wien studiere und sicher nicht in Innsbruck. Ich bin dann aber schnell draufgekommen, dass Wien keine Metropole ist, sondern doch nur ein Konglomerat aus 23 Kleinstädten. Nach der Matura bin ich durch die USA gereist. New York war dabei ein zentraler Bestandteil und die Stadt hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Ich betone an dieser Stelle aber immer, dass ich ein österreichischer Designer bin, der in New York arbeitet und lebt. Das ist mir sehr wichtig. Denn die Jahre, die mich geformt haben, habe ich in Österreich verbracht. Es waren auch jene Eigenschaften, die man den Vorarlbergern immer vorhält, die mir meinen Erfolg ermöglicht haben: „Pünktlich si und d’Sach ghörig macha“, funktioniert auch in New York. (lacht)

WANN & WO: Kommen Sie noch oft aus der lauten Metropole zu Besuch ins kleine Bregenz?

Stefan Sagmeister: Was die Lautstärke angeht, muss ich sagen: Ich bin straßenseitig in der Römerstraße aufgewachsen, als noch Autos durch die Innenstadt fuhren. Da war es in Bregenz lauter als in New York. (lacht) Ich bin aber wahnsinnig gerne hier. Vor Ausbruch der Pandemie war ich fünf-, sechsmal im Jahr zu Besuch bei meiner Familie. Ich bin ja auch der Einzige, der weggegangen ist. Deshalb suche ich meine Wurzeln vielleicht umso mehr. Aber auch abgesehen von der Familie: Es gibt einfach ein paar Sachen, die mir hier wahnsinnig gut gefallen. Der Werkraum in Andelsbuch beispielsweise, das ausgezeichnete zeitgenössische Handwerk, das unglaublich gute Essen. Kässpätzle in Schwarzen­berg! In New York gibt es keine guten Käsknöpfle. (lacht)

WANN & WO: Ihre Arbeit wurde vielfach ausgezeichnet. Wieviel Wert legen Sie persönlich auf Preise? Und gibt es eine Auszeichnung, die für Sie einen besonderen Stellenwert hat?

Stefan Sagmeister: Insgesamt bin ich schon jemand, der eine Anerkennung gerne annimmt. Wir haben aber tatsächlich bereits so viele Design­preise gewonnen, dass sich das ein bisschen abgenutzt hat. Das 500. Mal macht eben nicht so viel Spaß, wie das erste. Das gilt beim Gestalten von Plattencovern, ab und zu auch bei Menschen (lacht) – und eben auch bei Designpreisen. Die Grammys haben mich aber sehr gefreut, weil das ein Bereich ist, in den ich lange hineinkommen wollte. Wenn dann die Kollegen sagen, das gehört zum Besten des Jahres, dann freut einen das schon.

WANN & WO: Stichwort Plattencover: Sie haben solche etwa für die Rolling Stones oder Lou Reed entworfen. Wie ist es, mit solch exzentrischen ­Persönlichkeiten zu arbeiten?

Stefan Sagmeister: Rockstars sind so verschieden, wie der Rest der Bevölkerung. Zu Mick Jagger hatte ich rein professionellen Kontakt. Er hat etwas gebraucht, ich habe es geliefert. Danach hatten wir auch nichts mehr miteinander zu tun. Mit Lou Reed (Anm. d. Red.: The Velvet Underground) war das was ganz anderes. Er hat in meiner Nachbarschaft gewohnt und wir sind uns immer wieder mal über den Weg ge­­laufen. Wir haben uns auch ab und zu sehr lange unterhalten, etwa über seine Tai-Chi-Besessenheit. Oder wie wichtig es ist, dass wir beide wahnsinnig früh gefunden haben, was wir machen wollten. Lou Reed hat mich auch einmal für ein Design-Magazin interviewt – obwohl er selbst Journalisten gehasst hat. (lacht) Mit David Byrne von den Talking Heads, für deren Boxdesign ich den Grammy gewonnen habe, bin ich noch heute befreundet. Wir hängen nicht jeden Tag miteinander herum, aber ich kann ihn jederzeit kontaktieren und wir verbringen ab und an einen Nachmittag miteinander.

WANN & WO: Abschließend: Am Abend dieses Interviews findet die Vernissage zu Ihrer aktuellen Ausstellung „Beauty“ im „vorarlberg ­museum“ statt. Was ist für Sie ­persönlich schön?

Stefan Sagmeister: Ich empfinde alles als schön, was mit Liebe und Sorgfalt gemacht wurde. Jene Dinge, die viele von uns als hässlich empfinden, sind – mit ganz wenigen Ausnahmen – nicht gemacht worden, weil es jemand hässlich wollte. Sondern weil’s jemandem egal war. Die Leute, die einst den Hirschen oder den Adler in Schwarzenberg gebaut haben, hatten Schönheit als Bauziel. Es war klar, dass die Gebäude in die Umgebung passen und deshalb schön sein müssen. Bei der Tankstelle in Dornbirn Mitte war dieser Gedanke garantiert nicht dabei. Da standen ein großes Logo und Funktionalität im Vordergrund. Und im Rahmen dieser Funktionalität haben sie es wahrscheinlich auch gut gemacht. Doch die meisten von uns empfinden die Umgebung dort als hässlich. Man geht dorthin, weil man tanken muss, Möbel kaufen will, oder man schnell was zum Essen braucht. Aber wohl die Wenigsten fahren dorthin, um Urlaub zu machen. (lacht) Wer eine Woche irgendwo bleiben will, fährt lieber nach Lech oder Schwarzenberg.

<p class="caption">Grammypreisträger ­Stefan ­Sagmeister im Gespräch mit WANN & WO. Fotos: Sams</p>

Grammypreisträger ­Stefan ­Sagmeister
im Gespräch mit WANN & WO. Fotos: Sams

«Die Grammys haben mich sehr gefreut, weil das ein Bereich ist, in den ich lange hineinkommen wollte. Wenn dann die Kollegen sagen, das gehört zum Besten des Jahres, dann freut einen das schon.» Stefan Sagmeister auf die Frage, welche seiner zahlreichen Auszeichnungen einen besonderen Stellenwert für ihn hat

«Mit Lou Reed habe ich mich ab und zu sehr lange unterhalten, etwa über seine Tai-Chi-Besessenheit. Er hat mich auch einmal für ein Design-Magazin interviewt – obwohl er selbst Journalisten gehasst hat.»

Stefan Sagmeister über seine Bekanntschaft mit dem Sänger von „The Velvet Underground“

Kurz gefragt

Sie sind Familienmensch, haben selbst aber keine Kinder. War das nie ein Thema für Sie?
Während meines Sabbaticals in Bali, habe ich intensiv über das Thema nachgedacht und hätte es mir auch vorstellen können. Als ich dann aber zurück in New York war und beim Brunch die verzogenen, selbstwichtigen Gören gesehen habe, ist’s mir wieder vergangen. New York ist kein idealer Platz für Kindererziehung, der Erfolgsdruck ist enorm. Es gibt keine moralische Verpflichtung, Kinder zu haben – doch es gibt die moralische Verpflichtung, sich um sie zu ­kümmern, wenn man welche hat.

Denken Sie bereits an den ­Ruhestand?

Nein, gar nicht. Im kommenden Jahr stehen noch zwei Projekte in Mexico City und Japan auf dem Programm und 2024 lege ich wieder ein Sabbaticaljahr ein. Design ist meine Berufung und ich kann mir vorstellen, das noch eine ganze Zeit lang zu machen.

Ihr Wunsch für 2022?
Ein Friedensvertrag für die ­Ukraine.