„Klestil war kreidebleich“

Heute vor 109 Jahren wurde der Bodenseedampfer „Hohentwiel“ offiziell in Dienst gestellt. Ohne den ­Harder Ingenieur Reinhard Kloser wäre das Schiff aber dem Untergang geweiht gewesen. WANN & WO sprach mit ihm über Abenteuer auf See, einen Salutschuss mit Nachspiel und warum er sich um die „Hohentwiel“ sorgt.

WANN & WO: Herr Kloser: Sie durchquerten 52-mal den Panamakanal, sechsmal den Suezkanal und waren über viele Jahre Kapitän der legendären „Hohentwiel“. Wie kamen Sie aber überhaupt zur Seefahrt?

Reinhard Kloser: Ich bin in Hard geboren und am See aufgewachsen. Das Element Wasser und alles, was sich darauf bewegt, hat mich schon als Kind sehr interessiert. Vor allem aber auch die Technik, die diese ganzen großen Schiffe angetrieben hat. Nach meiner Lehre als Maschinenschlosser habe ich im Sommer 1967 im Alter von 19 Jahren Hard hinter mir gelassen und in Bremen bei der Norddeutschen Lloyd als Schiffsingenieur angeheuert. Meine erste Reise führte mich auf einem verhältnismäßig kleinen Frachtschiff von Hamburg nach New York. Die Überfahrt dauerte acht lange Tage. Ich war seekrank – das war brutal. Ich dachte mir nur: Sollte ich lebend in New York ankommen, fliege ich sofort wieder zurück. Und wenn ich das Flugzeug kaufen muss. (lacht)

WANN & WO: Seekrank zu werden ist aber eher eine suboptimale Voraussetzung, um weiterhin auf einem Schiff zu arbeiten, oder?

Reinhard Kloser: Das wurde an Bord gar nicht zur Kenntnis genommen. Da hieß es ganz einfach: Voller Einsatz. Zum Abnehmen wäre das aber die ideale Kur. (lacht) Als wir dann den Hudson River hochgefahren sind und der Seegang sich beruhigte, war auch die Seekrankheit schlagartig weg. Und ich sagte mir: Jetzt kannst du auch nicht heimfahren, die lachen dich ja aus. Die Blamage wollte ich mir natürlich nicht geben. (lacht)

WANN & WO: Gibt es einen Moment in Ihrer Laufbahn, der Ihnen speziell im Gedächtnis geblieben ist?

Reinhard Kloser: Als ich zum leitenden Ingenieur befördert wurde, musste ich für unsere Reederei in Portland, Oregon ein Schiff aus alten US-Navy-Beständen übernehmen. Als wir die „Florida State“, ein Dampfschiff der Liberty-Klasse, in dem Pulk amerikanischer Marineschiffe erreichten, dachte ich mir nur: Bist du verrückt, was hast du dir da angetan? Ein Riesenteil! Die Besatzung bestand ausschließlich aus Filipinos. Da waren Leute dabei, die eine Schraube nicht von einem Nagel unterscheiden konnten. (lacht) Es dauerte 14 Tage, bis das Schiff wieder flott war. Wir sind damit mehrmals zwischen Florida und Mexiko gefahren, manchmal auch nach Venezuela. Und jeden Tag waren wir froh, dass wir ganz im Hafen angekommen sind. Aber im Nachhinein betrachtet, eignete ich mir dort das Rüstzeug für das spätere „Hohentwiel“-Projekt an. Ohne diese Erfahrungen würde es heute keine Hohentwiel geben.

WANN & WO: Stichwort „Hohentwiel“. Als Sie den Entschluss fassten, das völlig marode Schiff zu restaurieren, wurden Sie für „verrückt“ erklärt. Sind Sie ein bisschen verrückt?

Reinhard Kloser: Ja, das bringt die Seefahrt ein bisschen mit sich. (lacht) Aber ich war von dem Vorhaben felsenfest überzeugt. Ich kannte die „Hohentwiel“ schon aus meiner Jugend, war Zeuge, wie sie 1963 aus Konstanz nach Bregenz geschleppt wurde, wo sie dann rund zwei Jahrzehnte als Clubheim des Bregenzer Segelclubs diente. Und als sie in den 80ern dann verschrottet werden sollte, konnte ich das nicht zulassen. So ein tolles Schiff! Es brauchte aber dreieinhalb Jahre Überzeugungsarbeit, dass es möglich ist, den alten Schrotthaufen wieder aufzubauen. Und die Instandsetzung dauerte weitere drei Jahre. Die „Hohentwiel“ ist ein Stück Bodenseegeschichte.

WANN & WO: Das Schiff ist welt­berühmt und hatte bereits viel ­Prominenz an Bord. Blieb Ihnen jemand besonders in Erinnerung?

Reinhard Kloser: Für eine Festspielfahrt war der damalige Präsident Thomas Klestil angemeldet. Wir hatten eine kleine bronzene Signalkanone der einstigen „Kaiser Franz Josef“ ausfindig gemacht und an Bord genommen. Wir hatten die hervorragende Idee, damit zu Ehren des Präsidenten einen Salutschuss abzufeuern. Wir organisierten eine Flasche Schwarzpulver und luden die Kanone. In dem Moment, in dem Klestil seinen Fuß aufs Schiff setzte, feuerten wir sie ab. Es gab einen lauten Knall, überall flogen Fetzen von Papier durch die Luft, das wir in die Kanone gestopft hatten. Klestils Personenschützer ist gleich über ihn hergefallen und hat ihn zu Boden gedrückt. Ich dachte mir nur: Oje, da hast du dir wieder was einfallen lassen. (lacht) Klestil war kreidebleich. Die Polizei teilte mir gleich mir, dass das noch ein Nachspiel haben werde. Ein paar Jahre später kam die Polizei bei einer Festspieleröffnung wieder an Bord. Dieses Mal mit einem Sprengstoffhund. (lacht) Ob Schwarzpulver an Bord sei? Natürlich nicht! Aber der Hund marschierte schnurstracks zur Kapitänskammer. Im Schrank stand noch immer die Flasche, die wir für den Ehrenschuss verwendet hatten. Halb voll mit Schwarzpulver. Daran hatte niemand mehr gedacht.

WANN & WO: Abschließend: Im vergangenen Jahr wurden die Besitzverhältnisse der „Hohentwiel“ geändert. Nun hält auch die Schweizer Bodensee Schifffahrt Anteile. Ist der Harder Hafen gesichert?

Reinhard Kloser: Ja, solange es so funktioniert, wie sich das die Verantwortlichen vorstellen. Mit Traurigkeit muss ich feststellen, dass ich mit meinem Nachfolger die falsche Entscheidung getroffen habe und es geschafft wurde, die „Hohentwiel“ in die Insolvenz zu fahren. Das war ein einziges Trauerspiel. An der neuen Betriebsgesellschaft „Historische Schifffahrt Bodensee GmbH“ ist der „Hohentwiel“-Verein nur mehr mit 35 Prozent beteiligt, die Gemeinde nur noch mit zehn. Zuvor hielt die Gemeinde einen Anteil von 75,2 Prozent, der Verein den Rest. Dafür ist nun die Schweizer Bodensee Schifffahrtsgesellschaft (SBS) mit 20 Prozent mit an Bord. Die restlichen 35 Prozent hält die „Museumsschiff Oesterreich GmbH“. In meinen Augen verliert die „Hohentwiel“ dadurch völlig ihre Unabhängigkeit. Ich wollte diese Unabhängigkeit erhalten, dazu gab es auch sehr gute Gespräche mit den Vorarlberg Lines. Das wollte man aber nicht. Jetzt sind die Schweizer mit im Boot und es ist, wie es ist. Schauen wir mal. Ich hoffe nur, dass sich Hard und auch „Oesterreich“ für das Schiff stark machen.

<p class="caption">Reinhard Kloser in seinem Bootshaus in Hard an Bord der „Duchess of Argyll“, Baujahr 1883.</p>

Reinhard Kloser in seinem Bootshaus in Hard an Bord der „Duchess of Argyll“, Baujahr 1883.

<p class="caption">Reinhard Kloser und seine Mitstreiter ­verwandelten diesen Rostkübel ...</p>

Reinhard Kloser und seine Mitstreiter ­verwandelten diesen Rostkübel ...

<p class="caption">... in das heute wohl bekannteste Schiff auf dem Bodensee.</p>

... in das heute wohl bekannteste Schiff auf dem Bodensee.

«Als das Schiff verschrottet ­werden sollte, konnte ich das nicht ­zulassen. Die Hohentwiel ist ein Stück Bodenseegeschichte.» Reinhard Kloser über seinen Entschluss, die „Hohentwiel“ zu retten

«Traurig musste ich feststellen, dass ich mit meinem Nachfolger die falsche Entscheidung getroffen habe und die Hohentwiel in die Insolvenz gefahren wurde.»

Reinhard Kloser sorgt sich um die Zukunft seines Schiffes

Kurz gefragt

Sie haben in vielen Häfen ­angelegt, Ihre Liebe aber im ­Heimathafen gefunden. Kann man das so sagen?
(lacht) Ich bin rund um die Welt gefahren und habe natürlich auch nette Damen kennengelernt. Aber die hübsche Blondine, die ihren roten Triumph Spitfire vor dem Nachbarhaus gewaschen hat, hat es mir angetan. Das Auto gibt‘s nicht mehr, die Blondine aus der Nachbarschaft zum Glück schon. Ich konnte sie aber nie für die Seefahrt begeistern. Sie kommt aus Rankweil und ist wasserscheu.