„Wir waren prinzipiell anti“

WANN & WO: Herr Platzgumer: Sie waren mit Ihrer Band H.P. ­Zinker Ende der 1980er bis Mitte der 1990er neben Formationen wie Sonic Youth oder Ween tief in der New Yorker Lower-Eastside-Szene verwurzelt. Wie ­erinnern Sie sich an diese Zeit?

Hans Platzgumer: Ich war noch total jung, erst 19 Jahre alt. Ich bin mit einem gefälschten Ausweis in die USA eingereist, kannte niemanden und hatte überhaupt kein Geld. Eigentlich war der Plan, ein bisschen zu jobben, ein Auto zu kaufen, nach San Francisco zu fahren und dort zu bleiben. Nebenher hat sich aber die Band formiert und es ist plötzlich alles ganz schnell gegangen. Der Gitarrist von Dinosaur Jr. hat bei uns Schlagzeug gespielt, die East-Village-Szene war sehr klein. Man hat damals auch von der New-York-Noise-Szene gesprochen, die sich dann mit dem Grunge überschnitten hat. Wir kannten auch Nirvana und haben mit ihnen gespielt.

WANN & WO: Wie ging es in der Szene damals zu? Und welchen Einfluss hatte der spätere Erfolg von Nirvana darauf?

Hans Platzgumer: Man sprach damals vom „Slackertum“. Da hingen dann die ganzen langhaarigen College-Typen – Kurt Cobain oder wer auch immer – herum, haben gekifft und getrunken, trugen Holzfällerhemden und spielten Gitarre. Als Nirvana 1992 komplett durchgestartet sind, hat das eigentlich alles zerstört und total kommerzialisiert. Sie hatten mit „Smells Like Teen Spirit“ den einen gewaltigen Zufalls-Welthit. Bis dahin hörte man im US-amerikanischen Radio eigentlich nur Classic Rock. Dann kam dieser Song und einen Monat später lief überall nur noch Alternative Rock. Und sofort hat der totale Ausverkauf stattgefunden. Da war es dann auch gleich mal wieder vorbei mit der Grunge-Szene. Wie das halt immer so geht.

WANN & WO: H.P. Zinker genießt unter Musikliebhabern regelrecht Legendenstatus. 1995 löste sich die Band auf. Warum?

Hans Platzgumer: In der New Yorker Szene wurden extrem viele Drogen konsumiert. Überall hast du für ein paar Dollar dein „Packel kriegt“. In meinem Umfeld sind auch viele gestorben. Kurt Cobain ist bei weitem nicht der Einzige, der diese Phase nicht überlebt hat. Auch H.P. Zinker ist im Drogensumpf zerbrochen: Wir waren ein Trio und am Schluss war ich mit zwei Junkies in der Band. Mich haben Drogen zwar interessiert, aber nie beeindruckt. Für andere Leute, die aber keinen Umgang damit hatten, war das extrem gefährlich. Der Sargnagel kam schließlich, als wir auf Europatournee waren. In Rotterdam wurde unser Auto aufgebrochen und alle Instrumente, Dokumente und Pässe wurden gestohlen. Das war dann das Ende der Band. Die einen sind in Rotterdam hängen geblieben, ich bin in einer Nacht- und Nebelaktion ohne Papiere nach Österreich zurückgefahren.

WANN & WO: Das Cover eures letzten Albums „Mountains of Madness“ wurde vom Bregenzer Stefan ­Sagmeister entworfen und für einen Grammy nominiert. Haben Sie noch Kontakt zueinander?

Hans Platzgumer: Ja, klar. Wir waren wohl auch mit ein Grund, warum Stefan nach New York gegangen ist. Wir waren schon in der Stadt, als er noch in Hongkong gearbeitet hat. New York war damals ein echter Magnet. Einerseits war es gefährlich, andererseits bot es sehr viele Möglichkeiten. Das ist heute anders. Mitterweile sind selbst die äußersten Stadtteile schon so durchgentrifiziert, dass es eigentlich nur noch ein Platz für Rich Kids und wohlhabende Unternehmer ist.

WANN & WO: Sie waren zwischen 1995 und 2002 auch Mitglied der Goldenen Zitronen. Der Song „Für immer Punk“ ist ein Kulthit in der Szene. Wieviel Punk steckt heute noch in Hans Platzgumer?

Hans Platzgumer: Ich spielte schon als Jugendlicher in Innsbruck in verschiedenen Punkbands. Wir waren prinzipiell „anti“ und somit auch gegen das Punkertum selbst. (lacht) Aber es war die Urgrundhaltung des Punks, die uns antrieb: Nicht mitschwimmen zu wollen, am Rande der Gesellschaft unser Ding zu machen, politisch aktiv und gegen alles zu sein, was rundherum passiert. Das gilt für mich immer noch. Ich bin wahnsinnig kritisch und ein sehr politisch denkender Mensch. Insofern ist das Punk. In der Punkszene der 80er und 90er wollten wir die Apokalypse und dass alles zusammenbricht. Das hatte aber einen verspielten Umgang. Es war ein ganz anderes Gefühl, nicht so furchtbar realistisch, wie es heute erscheint. Diese ganzen Krisen – Klimakatastrophe, Krieg, Corona – überlappen sich und sind unglaublich komplex. Da kann man schon mal die Hoffnung verlieren. (lacht) Und wenn uns irgendwann alles um die Ohren fliegt, müssen wir uns auch nicht wundern. Die Menschheit kneißt’s offenbar einfach nicht.

WANN & WO: Werfen wir ­abschließend noch einen Blick in die Zukunft. An welchen Projekten arbeiten Sie aktuell?

Hans Platzgumer: Nächstes Jahr erscheint mein neuer historischer Roman. Ein großes Ding, an dem ich schon seit fünf Jahren arbeite und das auch wahnsinnig viel vom Umbruch in dieser Welt behandelt, wie wir ihn aktuell erleben. Da will ich aber noch nicht mehr dazu verraten. Und im kommenden Juni erscheint ein kleiner Gedichtband mit den Texten unserer Band Convertible der letzten 20 Jahre. Die Texte sind mir persönlich sehr wichtig. Ich habe sie erstmals aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt und bringe sie als Poetrybook heraus. Das ist auch ein bisschen mein Lieblingsprojekt und ich freue mich schon sehr darauf.

<p class="caption">Hans Platzgumer 1991 in New York mit H.P. Zinker.</p>

Hans Platzgumer 1991 in New York mit H.P. Zinker.

<p class="caption">Musik zum Lesen: Im Juni erscheint Hans Platzgumers „Convertible Song Book“.</p>

Musik zum Lesen: Im Juni erscheint Hans Platzgumers „Convertible Song Book“.

<p class="title">Zur Person: Hans Platzgumer</p><p>Alter, Wohnort, Familienstand: geb. 1969 in Innsbruck (Johann Platzgummer), Lochau/Wien, verheiratet, zwei KinderKarriere (Auswahl): Gitarre-Studium Konservatorium Innsbruck, Diplomstudium Elektroakustik Wien, 1989 bis 1995 Grunge­band H.P. Zinker New York, 1995 bis 2002 Goldene Zitronen Hamburg, diverse Elektronikbands, 2002 bis heute ­Convertible; Film-, Hörspiel- und Theatermusiker; Autor mehrerer Romane (Bspw. „Weiß“, „Der Elefantenfuß“, „Am Rand“, ...) ­Auszeichnungen (Auswahl): Emil-Berlanda-Preis (2007), New York City Radio Award, Otto-Grünmandl-Literaturpreis (2022)</p>

Zur Person: Hans Platzgumer

Alter, Wohnort, Familienstand: geb. 1969 in Innsbruck (Johann Platzgummer), Lochau/Wien, verheiratet, zwei Kinder
Karriere (Auswahl): Gitarre-Studium Konservatorium Innsbruck, Diplomstudium Elektroakustik Wien, 1989 bis 1995 Grunge­band H.P. Zinker New York, 1995 bis 2002 Goldene Zitronen Hamburg, diverse Elektronikbands, 2002 bis heute ­Convertible; Film-, Hörspiel- und Theatermusiker; Autor mehrerer Romane (Bspw. „Weiß“, „Der Elefantenfuß“, „Am Rand“, ...) ­Auszeichnungen (Auswahl): Emil-Berlanda-Preis (2007), New York City Radio Award, Otto-Grünmandl-Literaturpreis (2022)

«Kurt Cobain war bei weitem nicht der Einzige, der diese Phase nicht überlebt hat. Auch H.P. Zinker ist im Drogensumpf zerbrochen. Wir waren ein Trio und am Schluss war ich mit zwei Junkies in einer Band.» Hans Platzgumer über das Ende seiner Band H.P. Zinker

«Ich bin wahnsinnig ­kritisch und ein sehr politisch ­denkender Mensch. Insofern ist das Punk.»

Hans Platzgumer auf die Frage, wieviel Punk heute noch in ihm steckt

Kurz gefragt

New York, L.A., Hamburg, London ... Sie lebten in vielen Großstädten dieser Welt. Warum Lochau?
Meine Frau ist aus Vorarlberg. Als unser zweites Kind geboren wurde, haben wir beschlossen, hier unseren Familienhauptsitz zu beziehen. Ich schätze Vorarlberg sehr, bin total gerne hier und kenne viele gute Leute, mit denen ich tollen Austausch habe. Und ich kann in Ruhe arbeiten. Das ist mir sehr wichtig.

Wann hatten Sie Ihre erste ­Bühnenerfahrung?
Mit elf Jahren. Mit 14 spielte ich dann auch gleich das größte Konzert meiner Karriere als Vorgruppe von Gianna Nannini im Bergiselstadion vor 30.000 Zusehern. Da waren wir vielleicht nervös. (lacht)

Was hat für Sie mehr Stellenwert: Schreiben oder Musik?
Das hat sich in den letzten 20 Jahren verschoben. Bis zum Millennium war ich nur Musiker. Es hat aber eindeutig die Schreiberei mehr Zeit eingenommen und ist altersbedingt für mich nun auch die logischere und interessantere Ausdrucksform.