„Manche Leute gehören weggesperrt“

„Für andere gibt es Alternativen“, sagt Kriminologe und Sozial­arbeiter Johannes Pircher-Sanou. Mit W&W sprach der neue Leiter von ­„Neustart“ Vorarl­berg über ­prägende Schicksale, das Risiko, hinter Gittern zu landen und wieso er sich als Opfer selbst schon fragte: „Warum ich?“

WANN & WO: Herr Pircher-Sanou: Bei „Neustart“ helfen Sie straffällig gewordenen Menschen zurück ins Leben. Hat jeder Mensch eine zweite Chance verdient?

Johannes Pircher-Sanou: Ich war mehrere Jahre in der Straffälligenhilfe in den Justizanstalten Wien-Simmering und Feldkirch tätig. Und ja: Manche Leute gehören tatsächlich weggesperrt, gar keine Frage. Aber für mich stellte sich auch oft die Frage: Welche anderen Möglichkeiten bieten sich, als die Menschen einzusperren? Klar, die Gefängnisse können wir nicht abschaffen. Aber es gibt auch Alternativen. In der Gesellschaft und der Politik sind wir aber leider oftmals nicht so weit, hier andere Schritte zu gehen. Bei „Neustart“ geben wir tatsächlich jedem eine zweite Chance. Dass wir sagen: Das ist ein hoffnungsloser Fall, den betreuen wir nicht mehr, das gibt es bei uns nicht.

WANN & WO: Warum werden ­manche Menschen straffällig, andere wiederum nicht?

Johannes Pircher-Sanou: Diese Frage ist nicht pauschal zu beantworten, dazu gibt es ganz viele Theorien. Man muss sich die Grundvoraussetzungen der jeweiligen Personen ansehen: Sind sie in einem wohlbehüteten Umfeld aufgewachsen? Welchen schulischen Werdegang haben sie? Gehen sie einer Arbeit nach? Haben sie einen strukturierten Alltag, eine Routine, und damit auch weniger Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, was sie Blödes anstellen können. Gibt es ein fixes Einkommen, mit dem ich meine Grundbedürfnisse stillen kann, etc. Sprechen wir mit unseren Klienten zeigt sich oft, dass ihr Lebensweg ein anderer war. Oftmals haben die Personen die Schule abgebrochen, hatten schon früh Berührungspunkte zu Kriminalität. Ein Blick auf die Biografie ist oft sehr aufschlussreich. Und niemand wir als böser Mensch geboren. Davon bin ich fest überzeugt.

WANN & WO: Gibt es einen Fall, der Ihnen besonders in Erinnerung ge­­­blieben ist?

Johannes Pircher-Sanou: Was mich sehr geprägt hat, war der Fall eines jungen Familienvaters, gut situiert, unbescholten. Er war mit Freunden auf einem Fest. Es wurde gefeiert und getrunken und irgendwann stellte sich die Frage, wie man nach Hause kommt. Er entschied sich, mit dem Auto zu fahren – und verursachte einen schweren Unfall. Ein Beifahrer kam dabei ums Leben, zwei Personen wurden schwer verletzt. Der Lenker war schuldeinsichtig, wurde aber wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt. Dieser Fall zeigt, wie schnell man durch unüberlegtes Handeln im Gefängnis landen kann: Betrunken ein Fahrzeug zu lenken, ist ganz klar verboten. Und dennoch setzen sich viele alkoholisiert ans Steuer. Vielleicht liest das hier nun der eine oder die andere und denkt sich: Ich bin auch schon knapp am Gefängnis vorbeigeschrammt.

WANN & WO: Ein großer Bestandteil Ihrer Arbeit liegt in der Deliktauf­arbeitung. Welche Erfahrungen haben Sie dabei schon gemacht?

Johannes Pircher-Sanou: Die spannendste Frage ist für mich immer: Warum wir jemand straffällig? Warum hat er in jenem Moment die Option gewählt, jemandem einen Schlag zu versetzen, eine Bank auszurauben oder sich wissentlich betrunken ans Steuer eines Autos zu setzen? Ein Mann, der aus finanzieller Verzweiflung heraus eine Bank überfallen hatte, sagte einmal zu mir: Es gab ja kein Opfer. Dieser Satz hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich habe ihn dann gefragt: Und was ist mit der Schalterangestellten, die von Ihnen bedroht wurde? Und er meinte: Nein, das wäre kein Opfer. Wenn ich in einer Bank arbeite, müsse ich damit rechnen, überfallen zu werden. Die Frau war durch den Vorfall aber tatsächlich schwer traumatisiert. Und bei ihm reifte durch das Gespräch die Erkenntnis: Okay, es gab doch ein Opfer durch meine Tat. Das war ihm zuerst aber überhaupt nicht bewusst. Wenn Täter solche Dinge allerdings er­­­­kennen, können sie beim nächsten Mal anders ­handeln.

WANN & WO: Den Tätern fehlt oftmals das Verständnis für die Konsequenzen ihrer Tat. Andererseits fragen sich viele Opfer: Warum gerade ich? Wie sehen Sie das?

Johannes Pircher-Sanou: Das ist richtig. Und das Wegsperren des Täters ist auch nur eine kurze Genugtuung. Im Rahmen eines Tatausgleichs hat das Opfer die Möglichkeit, den Täter zu konfrontieren und dadurch zu verstehen, warum es zum Opfer wurde. Ich wurde selbst schon Opfer von Körperverletzung, Raub und Diebstahl. Ich hatte aber nie die Möglichkeit, dem Täter gegen­überzustehen und konnte so auch nie nachvollziehen, warum gerade ich derjenige war, der zusammengeschlagen und ausgeraubt wurde. Diese Möglichkeit hat man auch in einer normalen Verhandlung nicht. Im Gegenteil: Die Gefahr einer Retraumatisierung ist groß, wenn ich vor dem Richter stehe und die Geschichte noch einmal erzählen muss.

WANN & WO: Noch einmal zurück zu „Neustart“: Sie leiten den Verein seit 1. Juli. Gibt es etwas, worauf Sie besonderen Fokus legen?

Johannes Pircher-Sanou: Was mir persönlich sehr wichtig ist, ist die Ausweitung unserer Präventiv­­arbeit. Sowohl in der Gewalt­prävention, besonders aber auch bei jungen Menschen. Denn wenn wir präventiv arbeiten, haben wir zwar weniger Klienten, aber das sollte unterm Strich ja auch das erklärte Ziel sein. Es wäre wirklich sehr schön, wenn wir möglichst viele Jugendliche unterstützen könnten, den richtigen Weg einzuschlagen und nicht in die Straffälligkeit ab­­­­­­­­­zurutschen. Wir haben dazu im Land auch viele Kooperationspartner in allen Handlungsfeldern der ­Sozialen Arbeit: Dowas, die ifs-Gewaltschutz­­­­­­­stelle, Offene Jugendarbeit und viele weitere. Ich bin auch keiner, der hier in Konkurrenz zu den anderen Institutionen denkt: Wer bietet welche Leistungen? Sondern, dass wir alle an einem Strang ziehen, an die Sache, den Klienten denken und ihn oder sie bestmöglich unterstützen. Die Vernetzung der Unterstützungsangebote, die in Vorarlberg ja wirklich großartig sind, hat für mich einen hohen Stellenwert.

<p class="title">Zur Person: Johannes Pircher-Sanou</p><p>Alter und Wohnort: 33, Dornbirn (aufgewachsen in Andelsbuch)</p><p>Familie: verheiratet, zwei Kinder</p><p>Hobbys: Familie, Joggen, Wandern, Natur, Tauchen, Skifahren, SnowboardenAusbildung/Funktion (Auswahl): Studium Soziale Arbeit Wien, Masterstudium Kriminologie Uni Hamburg, Lehr­beauftragter Rotes Kreuz, Straffälligenhilfe JA Simmering und Feldkirch, seit 1. Juli Leitung „Neustart“ Vorarlberg, Bregenz</p>

Zur Person: Johannes Pircher-Sanou

Alter und Wohnort: 33, Dornbirn (aufgewachsen in Andelsbuch)

Familie: verheiratet, zwei Kinder

Hobbys: Familie, Joggen, Wandern, Natur, Tauchen, Skifahren, Snowboarden
Ausbildung/Funktion (Auswahl): Studium Soziale Arbeit Wien, Masterstudium Kriminologie Uni Hamburg, Lehr­beauftragter Rotes Kreuz, Straffälligenhilfe JA Simmering und Feldkirch, seit 1. Juli Leitung „Neustart“ Vorarlberg, Bregenz

«Ein Bankräuber sagte einmal zu mir: Die Schalter­angestellte ist kein Opfer. Wenn ich in einer Bank arbeite, müsse ich damit rechnen, überfallen zu werden. Die Frau war schwer traumatisiert. Die Folgen seiner Tat waren ihm zuerst nicht bewusst.» Johannes Pircher-Sanou

«Die Gefahr einer ­Retraumatisierung ist groß, wenn ich vor dem Richter stehe und die Geschichte noch einmal erzählen muss.»

Johannes Pircher-Sanou

Kurz gefragt

Sozialarbeit gemixt mit ­Kriminologie, eine spannende Kombination – und perfekt für Ihre Tätigkeit bei „Neustart“, oder?

Absolut. Klientenarbeit war für mich immer eine Herzensangelegenheit. Mit den Leuten zu arbeiten und eine Verhaltensänderung zu erwirken, sodass sie nach ihrer Entlassung wieder auf den bestmöglichen Weg kommen. Oder überhaupt nicht mehr straffällig werden. Diese Tätigkeit ist so sinnstiftend, dass ich mir gar keine andere vorstellen könnte. Es ist wirklich mein Traumberuf.


Sind Sie Optimist?

Ja, ich bin sehr optimistisch und glaube an das Gute im Menschen. Ich bin auch der Überzeugung: Es muss weitergehen. Wenn wir alle optimistisch denken, schaffen wir es als Gesellschaft, dass unsere Kinder eine gute Zukunft haben.

Fotos: Sams