„Der Herbst wird eine Herausforderung“

Und dabei spielt das Coronavirus noch die kleinste Rolle, sagt Gesundheits­landesrätin Martina Rüscher. Mit W&W sprach die 50-Jährige über Politikergesundheit, persönliche Rückzugsorte, globale Krisen und warum wir lernen müssen, mit dem Virus zu leben.

WANN & WO: Frau Rüscher, eine Krise jagt die nächste. Zuletzt wurde deshalb darüber diskutiert, ob PolitikerInnen in Krisenzeiten Urlaub machen dürfen. Wie sehen Sie als Gesundheitslandesrätin ­dieses ­Thema?

Martina Rüscher: Ich glaube schon, dass man PolitikerInnen das unbedingt zugestehen sollte. Wir sehen es auch am Beispiel unseres Landeshauptmanns: Wenn ein Mensch derart unter Beschuss steht, hat das definitiv Auswirkungen auf die betroffene Person. Man muss also zwingend darauf achten, selbst gesund zu bleiben. Unter diesem Blickwinkel muss es auch in der Politik möglich sein, zu arbeiten. Man hat sicher weniger Freizeit als in anderen Berufen, aber man hat es sich ja selbst so ausgesucht. Man ist da, um etwas für die Bevölkerung zu bewegen – und in der Politik hat man dazu oft nur ein kleines Zeitfenster. Wenn man aber spürt, dass man die Energie und die Freude daran verliert, muss man den
Staffelstab weitergeben.

WANN & WO: Wie bekommen Sie selbst den Kopf frei?

Martina Rüscher: Die vergangenen dreieinhalb Jahre waren sehr intensiv. 2019 befanden wir uns noch im Wahlkampf, 2020 kam die Pandemie. Zeit für Hobbys blieb da keine mehr. Ich bin beruflich sehr viel unterwegs, habe sehr dicht gedrängte Tage. Ich unterscheide aber nicht zwischen Arbeits- und Freizeit: Für mich ist ein Tag ein Tag. In Summe sollte da immer etwas Gutes dabei sein. Und ich habe das Glück, einem Beruf nachzugehen, den ich wirklich gerne ausübe. Ich genieße es aber immer sehr, Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Da kann ich mich am besten erholen. Und wenn ich zuhause bin, gehe ich auch nicht mehr hinaus. Ich mache dann lieber etwas im Garten, putze Fenster, koche oder backe etwas … Ich mache einfach gern etwas mit den Händen, wo sich das Ergebnis auch gleich zeigt.

WANN & WO: Sie waren erst zwei Monate als Gesundheitslandesräting tätig, als Corona uns erreichte. Wie war das damals für Sie?

Martina Rüscher: Ich würde es durchaus als Schnellstart bezeichnen. (lacht) Wir waren umgehend im Austausch mit den anderen Bundesländern und dem Bund. Dabei zeigte sich, dass selbst extrem erfahrene GesundheitslandesrätInnen vor der selben Situation standen und ge­­­­nauso ins kalte Wasser geworfen wurden, wie ich. Das hat mich eher beruhigt. Vorarlberg ist ein relativ kleines Bundesland, das ist ein riesiger Vorteil für uns: Stehen wir im Land vor Schwierigkeiten, holen wir einfach alle Player an einen Tisch und besprechen die Herausforderungen. Wir waren nie weg, arbeiteten von frühmorgens bis spätnachts – und manchmal auch ganze Nächte durch. Etwa, wenn es um die Frage ging, ob wir eine Gemeinde absperren sollen. Es war eine Krisensituation. Doch das ist die Aufgabe der Politik: Da zu sein und zu arbeiten, wie es der Herr Bundespräsident auch klar vermittelt hat. Unser Vorteil ist, dass wir ein wirklich starkes Team sind und die ganze Vorarlberger Landesregierung in dieser intensiven Phase sehr gut zusammengearbeitet hat. Das gab uns auch intern enormen Rückhalt.

WANN & WO: Sie haben einerseits die Maßnahmen mit ausgearbeitet, andererseits waren Sie als Mutter dreier Söhne selbst von Regeln wie den Schulschließungen betroffen. Wie haben Sie die Situation bei Ihrem Nachwuchs erlebt?

Martina Rüscher: Die Jungs waren damals 14, 16 und 19 Jahre alt. Zur Matura gab es kein Käpplefest, keinen Ball … Wir waren aber in einer echt prädestinierten Situation: Wir haben ein Haus mit Garten, mein Mann konnte auch mal eine Zeit lang zuhause bleiben. Das ging bei uns recht gut. Wenn ich mir aber andere Wohnsituationen anschaue, etwa in Wien, wo Familien in einer kleinen Wohnung festgesessen sind, nicht mehr aus dem Haus durften … unglaublich. Ich habe auch gesehen, dass – und da stimme ich Bildungslandesrätin und Statthalterin Barbara Schöbi-Fink vollkommen zu – wir nicht mehr so stark in den Lebensraum Schule eingreifen dürfen. Für Kinder und Jugendliche ist es sehr wichtig, auch andere Autoritäten zu haben, sich langsam vom Elternhaus lösen zu können. Das hat gefehlt. Und wir haben gesehen, wie groß die Belastungen teilweise waren. Das war auch der Grund, warum wir als einziges Bundesland in eine Modellregion gegangen sind – und so einen Lockdown überspringen konnten. Es war uns wichtig, dass für die Kinder und Jugendlichen die Vereine und Schulen geöffnet werden. Es hat uns sehr geholfen, dass uns das gelungen ist.

WANN & WO: Der Herbst rückt mit großen Schritten näher. Wie ­schätzen Sie die Situation in den nächsten Wochen und Monaten ein?

Martina Rüscher: Die Gesamtlage zeigt, dass der Herbst für die Bevölkerung sehr herausfordernd wird. Ich will es gar nicht unterbewerten, aber die Pandemie ist nun fast das Einfachste, das wir managen können. Bei anderen Themen wie einem Aggressor, der über Europa herfällt, oder die Teuerungen, die auf die Menschen zukommen – da stecken wir in einem globalen System. Wir müssen schauen, dass wir für die Auswirkungen, die diese ganzen Krisen inklusive Klimawandel mit sich bringen, stark aufgestellt sind, um schnell reagieren und die richtigen Maßnahmen setzen zu können.

WANN & WO: Das Virus ist gekommen, um zu bleiben. Wagen Sie eine Prognose, wann die Politik das ­Thema ad acta legt?

Martina Rüscher: Ich habe gelernt, keine Prognosen abzugeben. (lacht) Sondern wachsam zu sein und auf die aktuelle Situation zu reagieren. Ich hoffe, dass die Lage so stabil bleibt, wie sie es jetzt ist. Und dann glaube ich, dass wir auf ein normales Regelsystem umschwenken können. Das geht aber nur, wenn jede und jeder von uns nicht vergisst, dass dieses Virus da ist. Wir befinden uns immer noch in einer Pandemie und müssen uns nach Möglichkeit schützen. So zu tun, als ob nichts mehr wäre, wird uns nicht helfen. Und da es auch immer die Sorgen gibt, dass man mit der Situation zu leichtfertig umgeht, oder andererseits zu sehr in den Maßnahmen hängenbleibt, möchte ich an dieser Stelle betonen: Wir haben es nun geschafft, einen guten Mittelweg zu finden. Damit wir diesen aber auch gehen können, braucht es jede und jeden Einzelnen.

<p class="title">Zur Person: Martina Rüscher (ÖVP)</p><p>Alter, Wohnort, Familienstand: 50 Jahre (geb. 25. Juli 1972 in Innsbruck), Andelsbuch, verheiratet, drei Söhne</p><p>Ausbildung/Funktion (Auswahl): Matura HBLA für Wirtschaftliche Berufe Innsbruck, Studium Wirtschafts- und Fremdsprachenakademie der Universität Salzburg, MBA General Management Competences an der Donau-Uni Krems, 2003 Gründung VIA3 Communications, ab 2014 Abgeordnete Vorarlberger Landtag, seit 2019 Landesrätin für Gesundheit und Sport, Chancengleichheit und Behinderung, Sozialpsychiatrie und Sucht, Sanitätsangelegenheiten sowie Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz</p>

Zur Person: Martina Rüscher (ÖVP)

Alter, Wohnort, Familienstand: 50 Jahre (geb. 25. Juli 1972 in Innsbruck), Andelsbuch, verheiratet, drei Söhne

Ausbildung/Funktion (Auswahl): Matura HBLA für Wirtschaftliche Berufe Innsbruck, Studium Wirtschafts- und Fremdsprachenakademie der Universität Salzburg, MBA General Management Competences an der Donau-Uni Krems, 2003 Gründung VIA3 Communications, ab 2014 Abgeordnete Vorarlberger Landtag, seit 2019 Landesrätin für Gesundheit und Sport, Chancengleichheit und Behinderung, Sozialpsychiatrie und Sucht, Sanitätsangelegenheiten sowie Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz

«Die Pandemie ist nun fast das Einfachste, das wir managen können. Bei anderen Themen wie einem Aggressor, der über Europa herfällt, oder die Teuerungen (...) stecken wir in einem globalen System.» Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher

«Wir haben es nun geschafft, einen guten Mittelweg zu finden. Damit wir diesen aber auch gehen können, braucht es jede und jeden ­Einzelen.»

Martina Rüscher über den weiteren Umgang mit dem Coronavirus.

«Wir sehen es am Beispiel unseres Landeshauptmanns: Wenn ein Mensch derart unter Beschuss steht, hat das definitiv Auswirkungen auf die ­betroffene Person. Man muss zwingend darauf ­achten, selbst gesund zu bleiben.» Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher

Kurz gefragt

Sie stammen ursprünglich aus Tirol. Wie kamen Sie ins Ländle?

Durch einen Motorradunfall am Bödele. Ich kollidierte frontal mit einem anderen Motorrad und wurde mit der Rettung ins Krankenhaus Dornbirn gebracht. Dort habe ich meinen Mann, einen Physiotherapeuten, kennengelernt. Ich sage immer: Ich hatte einen Motorradunfall mit lebenslangen Folgen. Ich habe einen Mann und drei Kinder dazu geschenkt bekommen. (lacht) Auf zwei Rädern bin ich aber nur noch mit dem „Radl“ unterwegs.


Vor Ihrer politischen Tätigkeit leiteten Sie gemeinsam mit dem ehemaligen FIA-Generalsekretär Peter Bayer die Agentur VIA3 und begleiteten damit unter anderem vier Jahre lang das Air & Style in Innsbruck. Wie sehen Sie als Sportlandesrätin das Thema Trendsport?

Trendsport hat mich immer sehr interessiert. Mit VIA3 haben wir viele große Sportevents organisiert, unter anderem einen Big-Air-Contest in Portugal, wo wir am Strand einen Schanzenbereich mit Schnee und Tribünen aufgebaut haben. Das war sehr spannend. Ich freue mich auch sehr, dass wir in Dornbirn in Richtung Skatehalle gehen. Zwei meiner Söhne sind Skater, einer Freeskier. Die kommen zwar immer wieder mit Abschürfungen (oder auch einmal mit einem gebrochenenen Bein) nach Hause, aber das gehört dazu. Man darf nicht vergessen, dass Sportarten wie Skateboarding nun auch olympisch sind. Deshalb sollten wir Trendsportarten ­dringend fördern. Fotos: Sams