„Sind gut für den Start gerüstet“

Nächste Woche beginnt für die SchülerInnen im Land wieder der Ernst des Lebens. W&W sprach mit Bildungsdirektorin Evelyn Marte-Stefani über einen relativ entspannten Schulstart, außergewöhnliche Zeiten und Maßnahmen gegen den Lehrermangel.

WANN & WO: Frau Marte-Stefani: In wenigen Tagen beginnt für die Kinder und Jugendlichen in Vorarlberg wieder der Schulalltag. Sehen Sie das Ländle für den Schulstart gut gerüstet, speziell auch was die Coronamaßnahmen anbelangt?

Evelyn Marte-Stefani: Ja, wir sind gut vorbereitet. Die Erfahrungen, die wir in den vergangenen zwei Jahren sammeln konnten, sind uns eine sehr wertvolle Stütze. Die Schulen wurden bereits am vergangenen Sonntagabend über die Rahmenbedingungen informiert. Es ist wichtig, dass hier eine rasche Kommunikation erfolgt. Es ist ja bekannt, dass ohne Tests und Masken gestartet wird. Sollte es eine erhöhte Infektionslage geben, können die Schulen auch standortbezogen schnell reagieren. Zudem hat sich auch der Einsatz digitaler Endgeräte und Lernplattformen gefestigt. Das ist, wenn man so will, das Positive, das sich aus dieser schwierigen Situation heraus entwickelt und mittlerweile auch gefestigt hat.

WANN & WO: Im Vergleich zu den vergangenen zwei Jahren kann man heuer ja doch von einem besonderen Schulstart sprechen?

Evelyn Marte-Stefani: Das stimmt. Die aktuelle Situation lässt es zu, dass – und das ist heuer tatsächlich neu – grundsätzliche gesundheitspolitische Vorgaben für alle Bereiche erfolgt sind. Somit auch für die Schulen. Zuletzt war es nämlich so, dass dem Schulbereich viel strengere Maßnahmen aufgetragen wurden als anderen Lebensbereichen. Das war oft schwer nachvollziehbar und ist auch stark kritisiert worden. Nun wird der Schulbereich gleich­behandelt.

WANN & WO: Bereitet Ihnen die Situation trotz allem auch ­Kopfzerbrechen?

Evelyn Marte-Stefani: Ich glaube, da geht es mir genauso wie dem Rest der Bevölkerung. Man weiß nicht, was noch kommen wird. Die einhellige Expertenmeinung ist, dass wir lernen müssen, mit Corona zu leben. Wir haben ge­­sehen, dass sich das Virus immer wieder verändert hat, was natürlich auch in den Maßnahmen berücksichtigt werden musste. Die aktuelle Situation lässt einen Start ohne Tests und Masken aber zu. Die Schulen sind sicherheitshalber aber mit Tests und Masken ausgestattet, um schnell reagieren zu können. Und es wird ja auch empfohlen, dass sich die Kinder vor dem Schulstart zuhause testen. Es gibt zudem die Möglichkeit, sich an den Schulen freiwillig zu testen. Man hat hier auf jeden Fall vorgesorgt. Es ist aber sowohl für die Schulen als auch für die Eltern und Schüler eine Erleichterung und ein wichtiger Schritt zurück zur Normalität.

WANN & WO: Wie haben Sie die vergangenen zwei Jahre selbst erlebt – sowohl beruflich als auch privat?

Evelyn Marte-Stefani: Es war eine sehr außergewöhnliche Zeit. Ich bin seit September 1988 im Schulbereich tätig und habe so etwas noch nie erlebt. Es hat uns wirklich alle extrem gefordert. Als Bildungsdirektion war es enorm wichtig, die Schulen in dieser Phase gut zu unterstützen. Und alle Verantwortlichen waren Tag und Nacht, auch an den Wochenenden, durchgehend erreichbar. Das hat natürlich viel Flexibilität und hohe Belastbarkeit verlangt. Und eines möchte ich an dieser Stelle hervorheben: Die Schulen haben immer die Stellung gehalten. Sie waren immer für die Schüler und Schülerinnen da. Es war wirklich großartig, was da geleistet wurde. Ohne sie hätten wir das gar nicht geschafft. Dafür möchte ich mich hier auch noch einmal wirklich herzlich bedanken. Zudem hat sich ein enorm wichtiger Aspekt gezeigt – und das merkt man heute deutlicher denn je: Schule ist mehr als ein Ort der Wissensvermittlung. Sie ist ein Lebensraum, in dem es ganz wichtig ist, dass psychische und soziale Unterstützung geboten wird.

WANN & WO: Ihr Lebensmotto ist ein Zitat von Ludwig Börne: „Vieles kann der Mensch entbehren, nur den Menschen nicht“. Dieser Satz hat während der Pandemie wohl eine neue Dimension erhalten?

Evelyn Marte-Stefani: Das ist richtig. Dieses Motto ist auch ein ganz wichtiger Grundsatz in unserem Leitbild. Und um noch einmal auf meine persönlichen Erfahrungen zurückzukommen: Diese ganzen Einschränkungen, speziell die Kontaktbeschränkungen zu Freunden, Bekannten und Familie … das war schon sehr zermürbend. Und nicht zuletzt natürlich auch für die Schulen sehr schwierig. Diese waren aber ganz selbstverständlich für die Schüler da. Das war einfach toll. Nun ist es ganz wichtig, Eigenverantwortung zu übernehmen. Immer und überall. Wenn sich jeder bemüht, Verantwortung für sich selbst, aber auch für andere, zu übernehmen, können wir die Situation weiter gut bewältigen.

WANN & WO: Abschließend: Wie sieht es zum Schulstart in Sachen Lehrermangel aus?

Evelyn Marte-Stefani: Ich bitte um Verständnis, dass ich die konkreten Zahlen und Informationen hier nicht nennen kann, da wir übermorgen dazu eine Presse­konferenz abhalten. Es gibt aber ein breites Paket an kurz-, mittel- und langfristigen Maßnahmen und intensive Gespräche zwischen dem Land und dem Ministerium. Das Thema Lehrer­mangel ist ein österreichweiter Schwerpunkt, denn der Lehrerbedarf ist mittlerweile auch in den anderen Bundesländern stark spürbar. Wichtig ist es, aufzuzeigen, wie wunderbar dieser Beruf ist. Denn was ist erfüllender, als Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung zu begleiten?

«Zuletzt war es so, dass dem ­Schulbereich viel strengere ­Maß­nahmen auferlegt wurden als anderen Lebensbereichen. Das war oft schwer nachvollziehbar und ist auch stark kritisiert worden. Nun wird der Schulbereich gleichbehandelt.» Bildungsdirektorin Dr. Evelyn Marte-Stefani

«Die Schulen haben immer die Stellung gehalten. Sie waren immer für die SchülerInnen da. Es war wirklich großartig, was da geleistet wurde.» Bildungsdirektorin Dr. Evelyn Marte-Stefani dankt den Schulen für ihren Einsatz

Kurz gefragt

Stichwort „Teurer Schulstart“: Wie sehen Sie dieses Thema?

Ich verstehe die Sorge vieler Eltern vor finanzieller Belastung. Vor allem, weil man ja noch nicht weiß, wie sich das alles noch auswirken wird. Die Politik hat hier schon reagiert und beispielsweise Zuschüsse und Förderungen erhöht. Die Zuständigkeiten liegen hier aber bei der Landesregierung – auch wenn es natürlich ein vernetztes Problem ist, das alle betrifft.
Wie hat es im Ländle mit dem „Home Schooling“ geklappt?

Befasst man sich mit dem Schulrecht, stolpert man dabei über den Begriff „Häuslicher Unterricht“. Dieses Thema geht bereits auf das Staatsgrundgesetz von 1867 zurück. Es existierte also schon sehr lange vor Corona. In Deutschland beispielsweise gibt es diese Möglichkeit nicht. Aufgrund der Test- und Maskenpflicht haben einige Eltern ihr Kind von der Schule abgemeldet und zuhause unterrichtet. Ich glaube aber, dass viele die Tragweite eines solchen Unterrichts unterschätzt haben. In Vorarlberg waren es zuletzt 64 von 221 SchülerInnen, die die abschließende Prüfung nicht geschafft haben bzw. die gar nicht erst angetreten sind.
Fotos: Stiplovsek