„Sah vom Dach das Flugzeug und das Loch“

Der Tag, an dem die Welt stillstand: Heute vor 21 Jahren lenkten Terroristen zwei Flugzeuge ins World Trade Center in New York. Der Anschlag tötete Tausende und versetzte die Welt in Schock. Galeristin Monika Wührer aus Dornbirn war hautnah vor Ort.

WANN & WO: Die Frage, auf die in unserer Generation wohl jeder sofort die Antwort weiß: Wo warst du während der Terroranschläge vom
11. September 2001?

Monika Wührer: In Brooklyn, nur ein paar Kilometer Luftlinie von den Twin Towers entfernt. Wir waren gerade in unseren neuen Wohnsitz im Stadtteil Park Slope gezogen. Zwischen dem Viertel und dem World Trade Center liegen nur ein paar Straßen und der East River. Von unserem Dach aus hatten wir einen direkten Blick auf die Türme gehabt. Jedenfalls bis zu diesem Tag.

WANN & WO: Wie hast du von den Anschlägen erfahren?

Monika Wührer: Ich war gerade im achten Monat schwanger und hatte einen Arzttermin. Als ich das Haus verlassen wollte, hörte ich die Nachricht, dass ein Flugzeug in einen der Tower geflogen ist. Wir sind aufs Dach und konnten von dort aus auch noch das zweite Flugzeug sehen. Und dann das Loch im Tower.

WANN & WO: Die Lage war zunächst freilich unübersichtlich. Bist du aus Vorsicht zuhause geblieben?

Monika Wührer: Es war natürlich Wahnsinn, aber wie wir New Yorker eben so sind, hat das beobachtete Ereignis trotz Realisierung, dass das ein Terroranschlag ist, gar nichts an meinem Plan gerüttelt, meinen Arzttermin zeitlich einzuhalten. Auf dem Weg zur Praxis hörte ich im Radio, dass die Towers beide eingestürzt sind und erfuhr von dem Chaos vor Ort. Als ich beim Arzt ankam, war klar, dass alle Mediziner gebraucht werden und so konnte ich einige Ärzte im Auto zu einem Spital bringen, um die Verletzten zu behandeln.

WANN & WO: Wie war es, währenddessen durch New York City zu fahren?

Monika Wührer: Der Geruch nach verbranntem Stahl war intensiv und durchdringend. Beim Einsturz der Tower waren Dokumente aus den Büros bis in unsere Nachbarschaft geschleudert worden. Auf den am Boden liegenden Blättern konnte man noch Details und Inhalte lesen, es war gespenstisch. Die Stimmung war natürlich sehr betrübt und mit Angst erfüllt, aber das Leben ging bald weiter. Diese Stadt schläft nicht. Nur Telefonate und Kreditkarten funktionierten noch lange eingeschränkt.

WANN & WO: Waren Freunde oder Angehörige von euch in die Anschläge verwickelt?

Monika Wührer: Wir hörten mehr und mehr Geschichten von Freunden über tragische Todesfälle in deren Familien- oder Bekanntenkreis. Wir selbst haben aber glücklicherweise niemanden gekannt, der zu der Zeit im oder in der Nähe des World Trade Centers war.

WANN & WO: Wie ist die Stimmung heute in New York City, wenn sich die Anschläge am 11. September jähren?

Monika Wührer: Jedes Jahr erstrahlt am 11. September das „9/11 Monument In Light“, ein starker Lichtstrahl, der vom ursprünglichen Standort der Tower in den Himmel strahlt. Gestern haben wir es von einem Konzert in meiner Galerie aus gesehen. Dieses jährlich monumentale, reale und gleichzeitig virtuelle Bild ist eine sehr geschmackvolle Erinnerung an das tragische Ereignis.

WANN & WO: Wie bist du nach New York City und zu deiner Galerie gekommen?

Monika Wührer: Ich habe an der Akademie der bildenden Künste Wien studiert und bin über verschiedene Arbeiten und Ausstellungen schließlich nach Brooklyn gekommen. Vor 15 Jahren habe ich hier die Open Source Gallery gegründet, eine Galerie, in der wir internationale zeitgenössische Kunst in einer leicht umgebauten Garage zeigen. Damit soll hochwertige Kunst in eine Nachbarschaft integriert werden.

WANN & WO: Außerdem willst du schon Kindern Kunst näherbringen.

Monika Wührer: Richtig, bei unserem Kinderprogramm KoKo NYC Kinderprogramm verarbeiten Kinder sauberen Müll zu allerlei Kunst und Maschinen. Eines der größten Events ist unser Seifenkistenrennen „South Slope Derby“, bei dem Kinder ihre kreativen selbstgebauten Modelle einem großen Publikum und einer Jury von „professionals“ vorstellen, und selbstgemachte Preise aus Müll gewinnen können.

<p>Monika (2.v.l.) gründete 2007 die Open Source Gallery und leitet sie bis heute gemeinsam mit ihrem Team.</p>

Monika (2.v.l.) gründete 2007 die Open Source Gallery und leitet sie bis heute gemeinsam mit ihrem Team.

<p>Von ihrer Wohnung aus hatte Monika einen Blick auf die Twin Towers – und heute auf Ground Zero. Fotos: privat</p>

Von ihrer Wohnung aus hatte Monika einen Blick auf die Twin Towers – und heute auf Ground Zero. Fotos: privat

<p>Zur Person: Monika Wührer</p><p>Alter: geboren 1971, 50 JahreHerkunft und Wohnort: Dornbirn, lebt heute in Brooklyn/New York City</p><p>Familienstand: drei SöhneAusbildung und Karriere: Studium an der Akademie der bildenden Künste Wien, 2007 Gründung der Open Source Gallery in New York City, Ausstellungen in den USA, Norwegen, Italien, Thailand, Finnland, Japan u.a.</p>

Zur Person: Monika Wührer

Alter: geboren 1971, 50 Jahre
Herkunft und Wohnort: Dornbirn, lebt heute in Brooklyn/New York City

Familienstand: drei Söhne
Ausbildung und Karriere: Studium an der Akademie der bildenden Künste Wien, 2007 Gründung der Open Source Gallery in New York City, Ausstellungen in den USA, Norwegen, Italien, Thailand, Finnland, Japan u.a.

«Der Geruch nach verbranntem Stahl war durch- dringend. Beim Einsturz der Tower waren Dokumente aus den Büros bis in unsere Nachbarschaft geschleudert worden. Es war gespenstisch.»

Galeristin Monika Wührer erlebte die Terroranschläge vom 11. September 2001 hautnah.