„Der Schock sitzt tief“

Im Talk mit WANN & WO erklärt der Wolfurter ­Klimaexperte Christof Drexel, warum Vorarlberg in Sachen Klimaschutz das Zeug zur Vorzeigeregion hat und warum er in der aktuellen Energiekrise in Europa eine große Chance für die Zukunft sieht.

WANN & WO: Herr Drexel, Sie haben kürzlich in einem Vortrag gesagt: „Wenn wir im Klima­schutz etwas tun, löst sich das Problem. Wenn wir nichts tun, löst es sich auch.“ Ist das der ­richtige Ansatz, um den ­Menschen zu vermitteln, dass ­reagiert werden muss?

Christof Drexel: Man muss da aufpassen, dass man nicht alarmistisch herüberkommt. Aber man muss schon versuchen, nüchtern und sachlich zu betrachten, wo wir stehen. Wir haben unsere Welt – hauptsächlich in den vergangenen 30 Jahren – um 1,2 Grad erwärmt. Und die Wissenschaft sagt uns: Die großen Kipppunkte drohen bereits. Am wahrscheinlichsten treten sie bei 1,5 Grad, 1,6 Grad Erwärmung auf. Dann tauen die Permafrostböden auf, CO2 und Methan entweichen. Das führt zu einem selbstverstärkenden Effekt, den wir nicht mehr stoppen können. Und geht es Richtung zwei Grad und mehr sind die Auswirkungen verheerend. Es sind ja auch nicht irgendwelche Wissenschaftler, die da ihre Daten vorlegen. Das ist wissenschaftlicher Konsens. Der IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) besteht aus tausenden Wissenschaftlern weltweit, die zu diesem Thema forschen. Und sie sind sich alle einig.

WANN & WO: Wird genug getan, um diesem Endzeitszenario entgegenzuwirken – auch im Ländle? Oder muss das Thema doch noch mehr Fahrt auf­nehmen?

Christof Drexel: Es tut sich schon einiges. Aber ja, es muss durchaus noch massiv Fahrt aufnehmen. Das ist auch der Grund, warum der Verein „TUN“ – eine Initiative von Wirtschaftstreibenden aus dem Ländle – mit dem „Green Deal Vorarlberg“ nun voranschreitet und die Beschleunigung des Prozesses durchaus vehement vorschlägt. Noch lautet die politische Ziel­setzung Energieautonomie 2050. Die Initiative prescht vor und sagt: Wir wollen schon 2030 klima­neutral und damit schneller als der Rest Europas sein – oder zumindest schneller als der europäische Durchschnitt. Denn wir haben in Vorarlberg die besten Voraussetzungen, eine Modell- und Vorzeigeregion zu werden: Wir haben die nötige Innovations- und Wirtschaftskraft und eine sehr aufgeschlossene Bevölkerung. Es geht nicht darum, der Welt zu zeigen, wie Klimaschutz geht und wie eine klimaneutrale Gesellschaft funktionieren kann. Wir müssen einfach möglichst schnell in eine autonome Energieversorgung kommen und eine resiliente Region werden, um künftig nicht mehr von einem Despoten irgendwo auf der Welt abhängig zu sein, wenn es um Energie, Nahrungsmittel oder Rohstoffe geht. Das sind alles Dinge, die heute als die größeren Probleme dargestellt werden. In Wirklichkeit werden sie aber gelöst, wenn wir die globale Erwärmung adressieren.

WANN & WO: Aufgrund des Kriegs in der Ukraine und der daraus resultierenden Energiekrise wird die Bevölkerung zum Energiesparen aufgerufen. Das kann für Europa ja durchaus auch eine große Chance sein, oder?

Christof Drexel: Ich sehe es unbedingt als Chance. Denn ich glaube, dass wir gesellschaftlich sonst noch länger nicht aus dieser Art der Lethargie herauskommen. Nur zu sagen: Wir tun ja eh was, ist eine Haltung, die uns nicht weiterbringt. Nicht in Vorarlberg und auch nicht darüber hinaus. Ich glaube, dass der Schock in Europa tief sitzt. Das merken wir uns. Und langfristig ist es auf jeden Fall heilsam. Dass darüber nachgedacht wird, in Deutschland das eine oder andere AKW noch ein, zwei Jahre weiterzubetreiben oder irgendwo wieder Kohle für Stromerzeugung zu verfeuern, ist kurzfristig natürlich schlecht. Es steht aber in keiner Relation, zu dem, was wir durch diesen massiv beschleunigten Wandel in der Energieversorgung gewinnen können. Und da hilft uns auch Radikalität oder – ich muss es fast so sagen – Ideologie nicht weiter. Ich bin ein absoluter Atomkraftgegner und natürlich müssen wir schnellstmöglich aus der Kohle raus. Wenn wir nun feststellen, dass wir ein Jahr lang noch andere Energieformen brauchen, die wir eh schon jahrzehntelang benutzt haben, dann wäre ich da schon ­pragmatisch und schmerzbefreit. Eines möchte ich aber betonen: Während die AKWs weiterlaufen, müssen erneuerbare Energie­träger massiv ausgebaut werden!

WANN & WO: Um abschließend noch einmal auf die Idee einer Modellregion Vorarlberg zurückzukommen: Das Ländle alleine wird die Welt nicht retten ­können.

Christof Drexel: Ich habe kürzlich ein Interview mit Dennis Meadows, dem Verfasser des Buches „Die Grenzen des Wachstums“ (1972) gelesen. Mittlerweile ist der Ökonom – man muss es leider so sagen – ein frustrierter alter Mann. Er habe vor 50 Jahren auf all die Probleme hingewiesen, dennoch würden sie bis heute nicht beachtet. Wir hätten es „verschissen“. Der Interviewer konnte ihm aber trotzdem eine positive Perspektive entlocken, indem er fragte: Wie könnte es ihrer Meinung nach doch noch funktionieren? Und Meadows antwortete, die letzte Chance, die wir noch hätten, wären Regionen und Städte, die einzeln mutig vorangehen, sich vernetzen und dieses Netzwerk nach und nach über die Welt ausrollen. Nicht hierarchisch, sondern kollaborativ. Wenn wir im Ländle eine Modellregion machen, heißt das nicht, dass alle uns das nachmachen müssen. Sondern: Wir haben gute Ideen, andere haben gute Ideen. Wir vernetzen uns, tauschen uns aus und rollen es so über die Welt aus. Das könnte ein guter Ansatz sein.

«Wir müssen möglichst schnell in eine autonome Energieversorgung kommen und eine resiliente Region werden, um nicht mehr von einem Despoten irgendwo auf der Welt abhängig zu sein, wenn es um Energie, Nahrungsmittel oder Rohstoffe geht.» Christof Drexel über eine Modellregion Vorarlberg.

«Ich sehe die aktuelle Situation unbedingt als Chance. Denn ich glaube, dass wir gesellschaftlich sonst noch ­länger nicht aus dieser Art der Lethargie herauskommen. Nur zu sagen: Wir tun ja eh was, bringt uns nicht weiter. (...) Der Schock in Europa sitzt tief. Das merken wir uns.» Christof Drexel zur aktuellen Energiekrise.

«Die großen Kipppunkte drohen bereits. (...) Das ist ­wissenschaftlicher Konsens. Der IPCC besteht aus tausenden ­Wissenschaftlern weltweit, die zu diesem Thema forschen. Und sie sind sich alle einig.» Klimaexperte Christof Drexel.

Kurz gefragt

Wie kamen Sie persönlich zum Umwelt- und Klimaschutz?

Mein Physik-Lehrer in der HTL hat in mir das Interesse für Technik, Energie und all die Zusammenhänge geweckt. Der ökologische Faktor kam durch die Tschernobyl-Katastrophe hinzu, das war für mich als 17-Jährigen sehr einschneidend.

Sie sind schon als Redner bei Fridays-For-Future-Demos ­aufgetreten. Wie nehmen Sie diese Bewegung wahr?

Ich finde es gut, was sie machen und ich stehe zu dem, was ich dort sage. Aber es geht oft um radikale Botschaften und Forderungen, da fühle ich mich eigentlich nicht so wohl. Die Leute verleihen ihrer Not aber Ausdruck. Das ist absolut legitim, andererseits polarisiert es natürlich auch. Dennoch bin ich der Meinung, dass wir gesamthaft eine positive Wirkung erreichen. Weil sie auf sich und die riesengroße Bedrohung aufmerksam machen.

Sie sind überzeugter Atomkraftgegner. Wie nehmen Sie aktuell die nukleare Bedrohung wahr?

Meine Generation musste sich schon früher mit der nuklearen Bedrohung auseinandersetzen. Ich habe damals viel Sting gehört. Er hat den Song „Russians“, in dem er über das Thema singt. Im Text heißt es: „I hope the Russians love their children too“. Das war sehr typisch für die damalige Zeit. Ich habe die Hoffnung, dass in Russland auch heute noch vernünftige Leute sitzen.

Sie sprechen sich für einen mäßigeren Fleischkonsum aus. Wie halten Sie es selbst in Sachen Fleisch­verzehr?

Ich bezeichne mich als Werkstagsvegetarier. Ich esse gerne Fleisch, wenn, dann aber sehr gutes. Der durchschnittliche Fleischkonsum in Österreich liegt bei etwa 60 Kilo pro Jahr, das entspricht über einem Kilo pro Woche. Ich habe meinen Konsum auf eine Portion wöchentlich gesenkt. Den Sonntagsbraten sozusagen. Das ist ein Minus von 80 Prozent. Und es ist auch ein Weg zur Lösung der Klimaproblematik: Wir sollten auf Fleisch aus Massentierhaltung verzichten und vor allem auch auf jenes, für das riesige Mengen an Futtermittel benötigt werden.