„‚Schaffa, schaffa‘ ist nicht sicher“

Verhaltensökonom Matthias Sutter aus Hard hat gerade sein neues Buch „Der menschliche Faktor“ veröffentlicht. W&W sprach mit ihm über Umbrüche in der Arbeitswelt, Frauen- quoten, Luxusprobleme – und die Zukunft von „schaffa, schaffa“.

WANN & WO: In Ihrem neuesten Buch, „Der menschliche Faktor“, schreiben Sie davon, wie wichtig es ist, dass man im Berufsleben mit anderen Menschen „kann“. Aber kann man überhaupt mit allen „können“?

Matthias Sutter: Nein, mit allen kann man nie. Aber man kann mit vielen. Dazu braucht es aber einige Dinge: Kompromissfähigkeit, Ausdauer, Kooperationsbereitschaft. Diese Dinge kann man lernen.

WANN & WO: Früher herrschte im Berufsleben oft das Bild des Einzel-kämpfers, der die Ellenbogen ausfährt und sich allein durchbeißt. Entwickelt sich die Arbeitswelt von diesem Bild weg?

Matthias Sutter: Aus meiner Sicht: ja. Das passt auch mit der Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften zusammen. Die 70er und 80er Jahre waren geprägt von total formalisierten, mathematischen Modellen. Die Wirtschaftswissenschaft eiferte danach, eine Naturwissenschaft zu werden, bei der man alles genau berechnen und prognostizieren kann. Aber schon dem Gründer der modernen Ökonomie, Adam Smith, war klar, dass es um Menschen geht. Und die sind nun einmal nicht vorherseh- und berechenbar. In den vergangenen Jahren kam dieser Gedanke auch zurück in die Wirtschaftswissenschaften; Die Menschen rückten wieder in den Fokus. Und damit auch das Mit-einander und Kompromisse finden.

WANN & WO: Gibt es umgedreht auch ein Zuviel an Kompromiss?

Matthias Sutter: Grundsätzlich muss man in Wirtschaftsprozessen natürlich Ziele klar definieren und verfolgen. Nur weil ein einzelner Angestellter mit dem Unternehmensziel nicht mitgeht, heißt es nicht, dass eine Firma gleich ihr ganzes Wirken über den Haufen wirft. Aber im Kleinen, in den Teams, wird man eher Kompromisse machen müssen.

WANN & WO: Eine der ersten Aus-sagen, die man im Wirtschaftsstudium lernt ist: „Konkurrenz belebt das Geschäft“. Oft scheint das auch innerhalb des Kollegenkreises gewollt zu sein. Ist das dann in Ihren Augen nicht der Königsweg?

Matthias Sutter: Der Königsweg ist es sicher nicht. Natürlich sollte man schon Anreize schaffen, etwas zu erreichen. Es macht Sinn, dass die Angestellten wissen, wofür sie sich anstrengen können. Dabei wird aber oft übersehen, dass diese interne Konkurrenz zu Missgunst oder gar Sabotage unter den Kollegen führen kann. Wenn etwa die Unterschiede zwischen dem Gewinner und dem ersten Verlierer riesig groß werden, dann fördert das unkooperatives Verhalten.

WANN & WO: Eine typische Annahme im Berufsleben ist, dass Frauen sich seltener trauen, nach Gehaltserhöhungen und Beförderungen zu fragen. Ist das tatsächlich so?

Matthias Sutter: Ja, das ist auch empirisch belegbar. Das zeigen die statistischen Daten ganz eindeutig.

WANN & WO: Und wie kommen wir darüber hinweg?

Matthias Sutter: Ein Beispiel aus aktuellen Studien: Stellen Sie sich vor, es gibt eine Stellenausschreibung, in der explizit steht, dass das Gehalt verhandelbar ist. Forschungen zeigen, dass in dem Fall Männer und Frauen gleich oft nach mehr Gehalt fragen. Fehlt dieser Satz aber, dann fragen Männer fast immer und Frauen sehr selten. Man muss sich also überlegen, ob man nicht mit ganz einfachen Handlungen, mit simplen Informationen, das Verhalten der Angestellten in Richtung mehr Gleichberechtigung beeinflussen kann. Es gibt auch seit 20 Jahren Untersuchungen, die zeigen, dass sich Frauen in der Konkurrenz mit Männern – etwa wenn es um Beförderungen geht – eher unwohl fühlen. Dagegen können Coachings und Mentoren-
programme helfen, aber auch
Quotenregelungen.

WANN & WO: Sie sind also für eine Frauenquote in Führungsebenen?

Matthias Sutter: Mittlerweile ja.

WANN & WO: Spätestens seit Corona
wird deutlich, dass die junge Generation, die gerade in den Beruf einsteigt, andere Vorstellungen vom Arbeitsleben hat – sprich Teil-, statt Vollzeit. Kann das funktionieren, wird sich das durchsetzen?

Matthias Sutter: Auf lange Sicht nicht. Das ist ein Luxusproblem. Wie sollen wir im internationalen, globalen Wettbewerb konkurrenzfähig bleiben, wenn wir sagen: „Ach komm, 25 Stunden die Woche reichen auch.“? Dass viele Leute glauben, dass das reiche, zeigt, dass es uns wahnsinnig gut geht.

WANN & WO: Gleichzeitig klagen allerdings viele Menschen, dass ihnen die Inflation zu schaffen macht – während auf der anderen Seite die Bars, Restaurants und Geschäfte voller Kunden sind. Wie geht das zusammen?

Matthias Sutter: Es ist alles eine Frage des relativen Wohlstandes. Wir hier in Österreich und Mitteleuropa zählen zu den reichsten Menschen der Welt. So gesehen geht es uns im Großen und Ganzen nicht schlecht. Dann gibt es aber auch Menschen, die angesichts der Teuerungswelle nicht wissen, wie sie den Monatsletzten erreichen sollen, ohne sich zu verschulden. Deshalb gibt es auch soziale Hilfestellungen, die ihre volle Berechtigung haben. Aber der Gedanke, dass wir alle Teuerungen durch staatliche Hilfen ausgleichen können – ich sage nur Energiebonus – und so die Inflation auf Dauer nicht spüren würden, scheint vielen Menschen schwer vermittelbar.

WANN & WO: Hört da die Politik zu wenig auf die Wirtschaft?

Matthias Sutter: Ich glaube, es ist komplexer. Das Problem fängt in meinen Augen in der öffentlichen Vermittlung der Botschaft an. Es ist ja verständlich, dass ein Politiker lieber eine Botschaft vermittelt, die beim Wähler gut ankommt, statt ihm zu sagen: „Tut uns leid, aber es wird wirklich teurer.“ Das ist medial schwer vermittelbar.

WANN & WO: Sehen Sie da auch die Medien in der Pflicht?

Matthias Sutter: Aus meiner Sicht: ja. Wenn jemand sagt: „Wir werden euch für alles entschädigen, koste es, was es wolle“ – siehe Coronahilfen, mit denen sich einige Unternehmen auf Kosten der Steuer-
zahler gesund gestoßen haben – dann kann man das schon zu Recht hinterfragen. Das ist ja dann auch passiert. Aber da war das Kind schon in den Brunnen gefallen.

WANN & WO: Vorarlberg hat eine spezielle Sicht auf die Arbeit: „Schaffa, schaffa“ gilt geradezu als höchste Bürgerpflicht, mit dem Arbeitgeber ist man eng verbunden. Welche verhaltensökonomische Erklärung haben Sie dafür?

Matthias Sutter: Es gibt in regionalen Kulturräumen soziale Normen. Hier lauten sie: Es hat alles sauber zu sein, man steht „ghörig“ auf, geht einer Arbeit nach und am Sonntag in die Kirche. Solche Normen haben den Vorteil, dass man weiß, worauf es ankommt und sich so einfinden kann. Davon hat Vorarlberg in der Vergangenheit sehr stark profitiert, so wurde hier Wohlstand aufgebaut.

WANN & WO: Mit Blick auf die nachkommenden Generationen und den Zuzug nach Vorarlberg: Wird diese Mentalität bleiben?

Matthias Sutter: Ich würde nicht soweit gehen, zu sagen: In ein paar Jahren geht alles den Bach runter und niemand arbeitet mehr. Aber dass die „Schaffa, schaffa“-Mentalität genau so bestehen bleibt, wie man sie kennt, ist nicht sicher.

«Es ist verständlich, dass ein Politiker lieber eine Botschaft vermittelt, die beim Wähler gut ankommt, statt ihm zu sagen: ‚Tut uns leid, aber es wird wirklich alles teurer.‘ Das ist medial schwer vermittelbar.»

Verhaltensökonom Matthias Sutter

Kurz gefragt

Was macht es Ihnen schwer, mit jemandem zu „können“?
Unzuverlässigkeit, Langsamkeit und unklare Kommunikation.

In Ihrem vorigen Buch haben Sie über die Geduld geschrieben. Wo endet ihre Geduld? Beim Zusammenbauen von Ikea-Kästen. (lacht)


Was wollten Sie als Kind immer werden? Forscher. Hat auch geklappt. (lacht)

Warum gerade Verhaltensforschung? Weil es mich bis heute total fasziniert, anzuschauen, wie Menschen sich verhalten und mir Gedanken zu machen, welche Motive dahinterstecken. Ich kann selbst fast jeden Tag neue Dinge dazulernen und das ist total spannend.