„Sind keine Skihalle in Dubai“

Im Talk spricht Vorarlberg-Tourismus-Geschäftsführer Christian Schützinger über weiße Bänder auf grünen ­Wiesen, Klimawandel und -aktivismus, Herausforderungen für den Tourismus – und warum sich für Wintersportfans ab und zu ein Blick in die Panoramakameras lohnt.

WANN & WO: Herr Schützinger, die milden Temperaturen machen aktuell vielen Skigebieten in niedrigeren Lagen zu schaffen. Wie geht es Ihnen als Tourismuschef, wenn Sie die Bilder von weißen Bändern auf grünen Wiesen sehen?

Christian Schützinger: Schon in den vergangenen Jahren gab es immer wieder Phasen, in denen keine optimalen Bedingungen in den Bergen herrschten. Das ist prinzipiell also nichts Neues für uns. Wir wissen aber natürlich, dass diese Szenarien künftig immer öfter stattfinden werden. Der fortschreitende Klimawandel fordert die gesamte Freizeitwirtschaft enorm. Wir versuchen den Gästen aber trotz allem, ein tolles Angebot für ihren Urlaub zu bieten. Aber dass die weißen Schneebänder auf den grünen Hängen nicht so hübsch sind, ist ganz klar.

WANN & WO: Es gibt Prognosen, dass Skigebiete unter 1500 Metern in einigen Jahren verschwunden sein könnten. Wie schätzen Sie hier die Entwicklung ein?

Christian Schützinger: Schon 2014 haben wir im Rahmen einer Klimawandel­­­­­an­passungsstrategie Analysen zu diesem Thema durchgeführt. Dabei hat sich gezeigt, dass die niedergelegenen Skigebiete künftig noch mehr unter Druck geraten werden. Bei den Höhergelegenen, die auf ein gutes Schnee-
management zurückgreifen können, dürfte es hingegen einen umgekehrten Effekt geben und die Nachfrage steigen. Ich möchte an dieser Stelle auch klarstellen: Bei der Klimawandelanpassungsstrategie geht es einerseits darum, sich auf die klimatischen Veränderungen einzustellen, andererseits aber möglichst viel dazu beizutragen, den Klimawandel nicht weiter zu verschärfen. Das ist die Grundhaltung, mit der wir mit Blick auf die Zukunft arbeiten müssen.

WANN & WO: In der Schweiz wurde unlängst Schnee mit dem Hubschrauber in ein Skigebiet transportiert – alles andere als eine klimafreundliche Maßnahme. So etwas ist im Ländle also undenkbar?

Christian Schützinger: Ich verstehe, dass in gewissen Situationen – etwa zur Durchführung eines Skirennens – Maßnahmen gesetzt werden, für die im normalen Freizeitbereich kein Verständnis da wäre. Ich bin aber sehr froh, dass so etwas hierzulande nicht zur Debatte steht. Denn auch in einer Phase wie der aktuellen können wir noch immer einen sehr guten Skibetrieb anbieten. Und es ist halt einfach so, wie es ist. Die Alpen sind kein Disney-Land, wo man eine Glaskuppel darüberstülpt und die Klimaanlage anwirft. Und eine Skihalle in Dubai sind wir auch nicht. Deshalb ist es sehr wichtig, dass wir uns mit Anpassungsstrategien beschäftigen.

WANN & WO: In Zukunft soll im Ländle vermehrt auf Ganzjahres­tourismus gesetzt werden. Wäre hier aber nicht gleichzeitig ein Wechsel auf einen sanften Tourismus angebracht, damit unsere Bergwelt nicht überrannt wird?

Christian Schützinger: Das ist völlig richtig. Und das sind auch die richtigen Fragen, die wir uns stellen müssen. Denn es ist immer die Frage zwischen Nutzung und Übernutzung. Sonst kann es natürlich zu Interessenskonflikten kommen. Zwischen Natur und Mensch. Oder auch innerhalb der menschlichen Nutzer – Jagd, Forst oder Freizeit. Auf diese Entwicklung ist permanent ein Auge zu werfen. Die Perspektive Ganzjahrestourismus ist für uns sehr wichtig. Wir müssen unter diesem Aspekt unsere Angebote weiterentwickeln, gleichzeitig aber auch die Besucherlenkung mitberücksichtigen. Denn es macht keinen Sinn, einfach irgendwo tausende Leute hinzuschicken. Damit wäre niemandem geholfen. In Sachen Besucherlenkung ist Mobilität ein wichtiges Thema. Denn der größte Anteil des CO2-Abdrucks eines Gastes liegt bei der Anreise. Derzeit wird viel über den Einsatz von Schneekanonen diskutiert, doch der Energieaufwand dafür ist sehr überschaubar. Die Mobilität ist das weitaus größere Problem. Unser erklärtes Ziel ist es, dass die Gäste künftig mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen. Daran arbeiten wir bereits mit unseren Partnern.

WANN & WO: Der Klimawandel beschäftigt nicht nur die Tourismus- und Freizeitbranche, sondern auch viele junge Menschen. Haben Sie Verständnis für die Aktionen, mit denen junge KlimaschützerInnen aktuell Schlagzeilen machen?

Christian Schützinger: Selbstverständlich sind Maßnahmen nötig, um den Klimawandel möglichst einzudämmen. Das muss angepackt werden. Die Art und Weise, wie man darauf aufmerksam macht, ist aber ein anderes Kapitel. Für mich stellt sich dabei immer die ­Frage: Wieviel Kollateralschaden wird verursacht? Ich bin selbst Vater zweier Kinder und auch sie fragen mich: Wie geht es weiter? Auch mit meiner Branche? In der neuen Vorarlberger Tourismus­strategie, die im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde, ist klar festgehalten, dass der Tourismus im Rahmen der „Sustainable Development Goals“ (Anm. d. Red.: kurz SDG – Zielsetzungen der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung) positive Beiträge zur globalen Klimaveränderung leisten muss. Das hätte man vor drei, vier Jahren in dieser Deutlichkeit wohl noch nicht gemacht. Dem Land Vorarlberg war eine nachhaltige Entwicklung schon immer wichtig. Das findet sich schon in den Strategien der 1990er-Jahre: Der Beschluss, keine Gletscher zu erschließen, die Initiative „Respektiere deine Grenzen“, etc. In diesen Dingen habe ich Vorarlberg schon immer als sehr fortschrittlich empfunden.

WANN & WO: Kommen wir abschließend noch einmal zur laufenden Wintersaison zurück: Ihr bisheriges Resümee?

Christian Schützinger: Bisher lief es sehr positiv, über Weihnachten befanden wir uns sogar auf dem Niveau vor der Pandemie. Der Jänner ist traditionell nicht so stark, die Buchungsanfragen für Februar sind aber sehr gut. Natürlich hoffen wir, dass sich die Schneelage noch verbessert. Gerade für all jene, die gerne abseits der Piste unterwegs sind, ist es derzeit nicht ideal. Dazu gehören natürlich auch viele einheimische Skitourengeher oder Free­rider. Viele von ihnen sitzen im nebligen Rheintal, machen sich gegenseitig ein bisschen heiß und behaupten, dass eh nichts geht – während andere bei Sonnenschein in Gargellen Skifahren. Da hilft aber tatsächlich nur, mal wieder hinauszugehen – oder einfach einen Blick in die Panoramakameras zu werfen. Denn dass gar nichts geht, stimmt so auch nicht.

<p class="title">Zur Person: Mag. Christian Schützinger</p><p>Alter, Wohnort: Geboren 1965 in Salzburg, lebt in Bregenz</p><p>Familienstand: Verheiratet, zwei Kinder</p><p>Ausbildung und Funktion: Studium Sport- und Kommunikations­wissenschaft sowie Universitätslehrgang für Marketing in Salzburg, seit 2003 Landestourismus­direktor und Geschäftsführer Vorarlberg Tourismus</p>

Zur Person: Mag. Christian Schützinger

Alter, Wohnort: Geboren 1965 in Salzburg, lebt in Bregenz

Familienstand: Verheiratet, zwei Kinder

Ausbildung und Funktion: Studium Sport- und Kommunikations­wissenschaft sowie Universitätslehrgang für Marketing in Salzburg, seit 2003 Landestourismus­direktor und Geschäftsführer Vorarlberg Tourismus

«Derzeit wird viel über den Einsatz von ­Schneekanonen diskutiert, doch der ­Energieaufwand dafür ist sehr überschaubar. Die Mobilität ist das weitaus größere Problem.»

Christian Schützinger, GF Vorarlberg Tourismus

«Selbstverständlich sind Maßnahmen nötig, um den Klimawandel möglichst einzudämmen. Das muss angepackt werden. (...) Ich bin selbst Vater zweier Kinder und auch sie fragen mich: Wie geht es weiter?»

Christian Schützinger, GF Vorarlberg Tourismus

«Dass die weißen Schneebänder auf den grünen Hängen nicht so hübsch sind, ist ganz klar.»

Christian Schützinger, GF Vorarlberg Tourismus

Kurz gefragt

Sie leben seit 25 Jahren im Ländle. Schlägt in Ihrer ­Salzburger Brust mittlerweile ein Vorarlberger Herz?
Ich fühle mich in Vorarlberg wirklich sehr wohl und heimisch. Meine Frau ist Dornbirnerin, meine Kinder sind hier geboren und sozialisiert. Meine Heimat ist aber Salzburg.

Was zeichnet das Ländle für Sie ­persönlich besonders aus?
Einerseits das Bergleben, das mir sehr am Herzen liegt. Und andererseits der internationale Bodenseeraum: Es bewirkt viel bei den Menschen, die in dieser Region mit den permanenten Grenzübertritten zu tun haben. Es gibt hier eine ganz spezielle Durchmischung und eine Spur Weltoffenheit. Das finde ich persönlich sehr anregend.