SCHNITTE MIT SCHAMPUS

„Jung & wild?“

Umzugskartons sind wie Stechmücken: Immer, wenn du denkst, du hast alle erledigt, taucht noch ein Exemplar auf. Bei mir war es einer, der unter anderem diverse USB-Sticks enthielt, die ich halbherzig durchsah und auf einmal hellwach war, mich ablachte und den Inhalt an etwa 20 Leute verschicken musste. Ich hatte alte Fotos gefunden, aus der Zeit, als ich zwischen 14 und 18 war – meine Gothic-Phase. Herrlich!

Wir trugen alle zerrissene Netzstrümpfe, schwere Plateauboots und Leder, dazu toupierte Haare und kiloweise Eyeliner. Abrasierte und kunstvoll aufgemalte Augenbrauen waren obligatorisch.

Während ich sie so durchstöberte, fiel mir auf, dass ich schon seit Ewigkeiten keinen jungen (oder auch alten) Goth auf der Straße gesehen hatte. Auch keinen Punk. Keinen Skater. Von Hippies ganz zu schweigen. Was ich dagegen täglich sehe, sind tausende Mini-Kardashians, die alle exakt gleich aussehen. Selbe geglättete Extensions, selbe Outfits (knalleng, bauchfrei), selbes Make-up (starke Augenbrauen, nudefarbener bis dunkler Lippenstift). Alle tragen entweder weiße Sneakers oder High Heels, in denen sie meistens nicht laufen können.

Bei den Jungs genauso: Selber Haarschnitt, selbes Outfit, selbe Schuhe (ebenfalls weiße Sneakers oder ein Kopie von Kanye Wests-Entwürfen). Entschuldigung? Gähn! Ist ja alles gut und recht und harmlos, hat alles durchaus seine Berechtigung, aber – wo sind die Subkulturen hin? Wo sind die, die aus der Menge rausstechen?

Als ich jünger war, gab es alle möglichen Gruppen, die alle ihren Treffpunkt hatten (welche sich teilweise überschnitten). Die Grufties trafen sich unter anderem auf den legendären Now-Partys im Schlachthaus, denen ich bis heute hinterherheule. Man war laut, lustig, man hielt zusammen – und man traute sich, anders und individuell auszusehen. Man rebellierte gegen Konformismus und hinterfragte Standards.

Wo ist das heute hin? Und warum? Was ist mit den Jungen los? Naja – müssen halt wir Älteren wieder aktiv werden und zeigen, wie es geht. Ich geh mal meine Plateaustiefel suchen. Vielleicht.“

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In „Schnitte mit Schampus“ schreibt W&W-Redakteurin Melanie Renner augenzwinkernd über Frauenthemen, die manchmal auch Männer bewegen.

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