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Lehrstück

Stellen Sie sich vor, Sie helfen einem gehbehinderten Menschen über die Straße. Sie helfen, weil er auf Hilfe angewiesen ist. Sie geben ihm diese. Und begleiten ihn über den Zebrastreifen. Mit ziemlicher Geschwindigkeit nähert sich ein Auto. Sie heben ihren Arm und bedeuten dem Autofahrer, zu bremsen. Der hat es eilig und sieht nicht ein, dass er wegen eines Menschen mit einer Gehbehinderung bremsen soll. Da Sie schon mitten auf dem Zebrastreifen sind, ist es besser, wenn Sie mit Ihrem Begleiter weiter gehen. Der Autofahrer schreit sie aus dem offenen Fenster an. Sie lassen sich nicht beirren, bedeuten dem Autofahrer ganz ruhig anzuhalten und gehen weiter. Daraufhin beschimpft Sie der Autofahrer, Sie würden dem Gehbehinderten nur helfen, weil Sie damit einen Gewinn machen wollen. Sie sollen sich doch gefälligst von der Straße scheren und den allein machen lassen. Das tun Sie nicht. Woraufhin Sie weiter beschimpft werden. Auf das Gröbste. Sie bleiben ruhig, weil Sie wissen, dass es sonst zu einem Unglück kommen würde.

Plötzlich taucht ein Polizist auf und weist Sie beide an, ruhig zu bleiben. Sie verstehen die Welt nicht mehr. Sie blieben die ganze Zeit ruhig und haben nur getan, was man als Mensch ganz selbstverständlich tut. Nämlich einem, der Hilfe braucht, zu helfen. Und dafür werden Sie von einem anderen angeschrien und vom Polizisten gemaßregelt.

Ein absurdes Beispiel? Mitnichten. So geschehen zu Beginn dieses Jahres. Da hat nämlich eine Regierungspartei einer karitativen Hilfsorganisation vorgeworfen, sie würde mit der Hilfe für Menschen, die Asyl brauchen, Gewinne machen und von „Asylindustrie“ geredet. Zurecht gewiesen wurden dann beide. Der Angreifer und der Angegriffene.

Und im Übrigen haben Sie Recht: Ich habe mir wie Sie gedacht: Prost Mahlzeit. So weit ist es gekommen. Wer ungerechtfertigte Attacken reitet, hat in unserem Staat nichts mehr zu befürchten.

In „Kopfstücke“ hat der
Gastkommentator Peter Kopf Raum
für seine persönliche Meinung.
Diese muss nicht mit der der
Redaktion übereinstimmen.