Alle haben geweint

Vor einiger Zeit im Bus. Vis-a-vis zwei Schüler­innen. Ungefähr 16 Jahre alt. Sie hatten sich viel zu erzählen. Vom Ausgehen, über die Schule, war alles dabei. Es waren ganz unspektakuläre Erzählungen. Niemand wurde beleidigt, aber der Austausch war intensiv. Und in den doch sehr engen Bussen, die immer noch durch die Lande kurven, kommt man sich – ungewollt – auch akustisch näher. Man hört mit, ob man will oder nicht.

Plötzlich hat eines der Mädchen vor der nächsten Geschichte geschmunzelt. Sie hat ihrer Freundin von ihrem Schulalltag berichtet. Manche Stunden würden mit einem Stuhlkreis beginnen. Da erzählt dann jede Schülerin, wie es ihr geht. Und neulich habe eine ganz betroffen erzählt, wie schlecht es ihr ginge und geweint. Und da ist es passiert. Alle anderen haben mitgeweint. Ich war beeindruckt von so viel Mitgefühl. Aber, wenn schon nicht weit, dann doch gefehlt. Die anderen hätten nicht aus Mitleid geweint. Nein, vielmehr weil sie realisiert hätten, dass es ihnen im Grunde noch viel schlechter geht, als der ersten.

Das hat dann nicht nur die Schülerin, sondern auch den Kopf zum Schmunzeln gebracht. Und zum Nachdenken. Vermutlich kennen Sie das auch. Sie hören eine ganz schlimme Geschichte. Über eine Operation, einen Todesfall, einen Unfall oder ein sonstiges Unglück. Und sofort beginnt einer, der dabei ist, seine eigene Geschichte zu erzählen. Und natürlich auch, dass das mindestens so schlimm ist, wie die erste Geschichte. Meist sogar noch viel schlimmer. Ich nehme mich da nicht aus. Auch mir passiert das immer wieder. Die beiden Mädchen haben mich aber dazu gebracht, über dieses Verhalten nachzudenken. Ich glaube, wir sollten bei dramatischen Geschichten zuerst einmal ganz genau und aufmerksam zuhören. Nachfragen ist auch erlaubt. Nicht aber gleich dreinreden oder mit einer eigenen Geschichte auftrumpfen.

Und im Übrigen haben Sie Recht: Wir Menschen wollen einfach gehört werden.


In „Kopfstücke“ hat der
Gastkommentator Peter Kopf Raum
für seine persönliche Meinung.
Diese muss nicht mit der der
Redaktion übereinstimmen.

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