Hauptsache Feindbild

Ich kenne jemanden, der durch Science-Fiction und Geisterglauben aus einschlägiger Literatur nicht nur den Verstand, sondern gleich seine ganze Familie verloren hat. Trotzdem scheint er glücklich zu sein und fühlt sich gut dabei, der Naturwissenschaft ordentlich Paroli bieten zu können. Seit den letzten Wahlen sind die Lebenshaltungskosten um mindestens 30 Prozent gestiegen. Die Gewerkschaften fühlen sich nicht zuständig. Trotzdem zahlen die Mitglieder die Beiträge, die man für die Luxusdienstfahrzeuge der Spitzenfunktionäre dringend braucht. Es handelt sich also um ein soziologisches Phänomen, das es immer schon gegeben hat. Für Gott, Kaiser und Vaterland starben Abermillionen. 1945 glaubte man immer noch an den Endsieg. Solange man/frau ohne nachzudenken ein eingefleischtes Feindbild in der Heldenbrust trägt, bleibt die vorgegaukelte Welt anscheinend heil. Die Hoffnung stirbt zuletzt, solange nur nicht die Vernunft zum Leben erweckt wird. Und wer in der Politik keine Feindbilder in die Luft seiner/ihrer nichtssagenden Reden malt oder gar selbst das Feindbild repräsentiert, wird höchstens einmal von geistig Wachen gewählt. Da kann sich die jeweilige Person für das angestrebte Amt zehnmal besser eignen oder auch längst bewiesen haben, in ehrlicher Absicht für die Menschen da zu sein.

 Thomas Amann, Bregenz

Wann & Wo | template